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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 04.06.2015

Streit um Teleskop auf HawaiiAloha gegen Astronomen

Von Thomas Reintjes

Strand und Meer (dpa / picture alliance / Uwe Anspach)
Makapuu Beach Park bei Honolulu auf der Insel Oahu am 28.05.2014 (dpa / picture alliance / Uwe Anspach)

Auf dem Vulkan Maunakea in Hawaii soll ein neues Teleskop gebaut werden - doch seit Monaten stehen die Arbeiten still. Denn für die Bevölkerung ist der Berg heilig, sie nutzen den inaktiven Vulkan für Zeremonien - und wehren sich gegen seine Bebauung.

Video: "Our geneaology is this mountain. We aloha everyone of you..." 

Das Video von Big Island Video News zeigt einen jungen Mann mit nacktem Oberkörper. Er trägt einen mit Ornamenten verzierten Umhang und Halsketten, seine schwarzen Haare sind zu einem Zopf gebunden und an den Seiten abrasiert. Im Hintergrund ein Chor von Demonstranten, Felsen und die weiße Kuppel eines Teleskops. David Corrigan hat es am 7. Oktober 2014 gefilmt, auf dem Gipfel des Maunakea, des Vulkans auf Hawaiis Big Island. An diesem Tag sollte dort für ein neues Teleskop die Grundsteinlegung stattfinden, auf Englisch: Groundbreaking.

Video: "We call it the ground blessing. We actually had a ceremony where the site would be blessed by one of the elders there."

Michael Bolte legt Wert darauf, dass es ein Ground Blessing war, eine Segnung des Bodens durch einen Ältesten. Bolte ist Astronomie-Professor und im Vorstand des Konsortiums, dass das neue Teleskop bauen will. Ihn haben die Proteste überrascht. Schließlich hatte er die letzten sieben Jahre unter anderem damit verbracht, um Unterstützung für das Projekt zu werben.

Bolte: "When I first showed up, I've to say that many people were, I think the best word is suspicious..."

Am Anfang seien viele Menschen misstrauisch gewesen. 13 ältere Teleskope stehen schon auf dem Maunakea und nie hatte sich jemand sonderlich um Umweltfragen oder gar Respekt vor dem für die indigene Bevölkerung heiligen Berg geschert. Sie nutzen den schlafenden Vulkan für kulturelle und religiöse Zeremonien. Bei einer Anhörung zum Bau des neuen Teleskops vor einem Gremium des US-Bundesstaats Hawaii, dokumentiert von Occupy Hawaii, sagte die Aktivistin Kealoha Pisciotta:

Pisciotta: "Für uns kommen hier Himmel und Erde zusammen. Es ist ein Tempel, aber nicht von Menschen, sondern für Menschen gemacht. So dass die Menschen etwas über Himmel und Erde lernen können und wie wir in einer Beziehung mit der Erde leben können, mit dem Himmel und miteinander."

Das war Anfang 2013. Der Astronom Michael Bolte sah die Dinge auf einem guten Weg. Er versprach Respekt vor Natur, Kultur und Religion.

Bolte: "Indem wir mit den Leuten sprachen und ein aufrichtiges Interesse gezeigt haben, die Dinge anders anzugehen, haben wir viele Unterstützer gewonnen. Das war mir auch persönlich wichtig. Aber wir hatten nie 100-prozentige Unterstützung, es gab immer Leute für die jegliche Aktivität dort oben inakzeptabel ist."

Das Teleskop nur ein Kristallisationskeim für Proteste?

Diejenigen, die jetzt demonstrieren, seien vor sieben Jahren, als er begann unter anderem mit den Ältesten der indigenen Bevölkerungsgruppen zu sprechen, noch in der Highschool gewesen, sagt Bolte. Die Proteste hielten an, unter anderem wurde die Zufahrt zur Baustelle blockiert, und gipfelten in der Festnahme von Demonstranten im April 2015, ebenfalls gefilmt von David Corrigan.

Video: "It is my religious right to protect the ecosystem that takes care of all of my family and my people..." 

Eine Gruppe von Demonstranten steht einer Gruppe von Polizisten gegenüber, die mit Verhaftung drohen.

Video: "If you do not wish to move we'll have to arrest you. And again we will do this in the most peaceful and respectful way..."

Dann beginnen die Polizisten, die Demonstranten mit Kabelbindern zu fesseln und abzuführen.

Video: "Jeez, we are here in the spirit of peace and aloha and you handcuff us? I'm 70 years old and you are handcuffing me like a criminal." 

Handschellen gegen Aloha, solche Bilder wollte anscheinend auch das Teleskop-Konsortium nicht länger sehen. Die Arbeiten auf dem Maunakea ruhen seitdem. Statt am Teleskop baute man an einer neuen Website, richtete Accounts bei Facebook und Twitter ein und versucht jetzt von Neuem, zu einem Kompromiss zu kommen. Immer wieder reist Michael Bolte nach Hawaii, um auch das persönliche Gespräch zu suchen. Er wird nicht müde zu erklären, warum der Maunakea für Astronomen einzigartig ist.

Die Höhe, das stabile Wetter und günstige Klima, die Dunkelheit. Doch vor allem redet Michael Bolte über seine Wertschätzung für die hawaiianische Kultur. Er sagt zum Beispiel, kein Wissenschaftler werde auf dem Berg arbeiten, ohne vorher ein kulturelles Training durchlaufen zu haben. Außerdem werde das TMT jährlich eine Million Dollar in einen Fond investieren, der die naturwissenschaftliche Bildung hawaiianischer Schüler fördert. Bolte glaubt allerdings, dass das Teleskop nur der Kristallisationskeim für die Proteste war und dass es eigentlich um etwas anderes geht:

Bolte: "There's many other issues, that had been simmering for a long time in Hawaii."

Die Demonstranten sagen, das Königreich Hawaii sei von den USA besetzt. Es geht also nicht um Wissenschaft, sondern um Politik. Der Gouverneur des US-Bundesstaats Hawaii hat vergangene Woche einen 12-Punkte-Plan vorgelegt, wie der Stillstand auf dem Maunakea gelöst werden soll. Das kann dauern, doch Michael Bolte zeigt sich geduldig. Die Arbeiten am Teleskop gehen weiter, wenn es so weit ist, sagt er.

Mehr zum Thema:

Hawaii – das Magazin - Hungrige Haie und altes Gemüse
(Deutschlandradio Kultur, Weltzeit, 22.12.2014)

Surfen auf Hawaii - Warten auf die Monsterwelle
(Deutschlandfunk, Sonntagsspaziergang, 14.09.2014)

Wellenreiten - Aloha und Meer
(Deutschlandradio Kultur, Nachspiel, 29.05.2014)

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