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Studio 9 | Beitrag vom 22.09.2014

Straßenkinderkongress in Berlin"Geh bloß nicht zum Jugendamt!"

Ein Kongress in Berlin hat die Lage der Straßenkinder in Deutschland öffentlich gemacht

Von Daniela Siebert

Zwei Jugendliche in der Nähe des Hamburger Hauptbahnhofs an einem kalten Tag auf der Straße (picture-alliance/ dpa)
Zwei Jugendliche in der Nähe des Hamburger Hauptbahnhofs an einem kalten Tag auf der Straße (picture-alliance/ dpa)

Geschätzte 20.000 Kinder leben in Deutschland auf der Straße. Meist trifft man sie nur einzeln, vor dem Supermarkt bettelnd – oder in Kleingruppen vorm Bahnhof. Jetzt haben sie sich erstmals zu einem Kongress getroffen und einen Brief mit Forderungen an die Familienministerin aufgesetzt.

Der Ort der Versammlung war so ungewöhnlich wie das Treffen selbst: eine ehemalige Irrenanstalt am äußersten nördlichen Rande Berlins. Einst prächtige Grünanlagen und Bauten, die nun bröckeln oder zur Sanierung eingerüstet sind. Ein beeindruckendes Ambiente für einen Kongress von jungen Menschen, die sonst eher gar kein Dach überm Kopf haben. Dafür aber dramatische Biografien. Wie der 18-jährige Pascal aus Essen:

"War ich siebeneinhalb Jahre alt, seitdem bin ich von Zuhause weg, also war ich anderthalb Jahre erst auf Straße, von da aus war ich dann in meiner ersten Einrichtung in Düsseldorf, dann in einer anderen Einrichtung immer hin und her geschoben worden und jetzt wieder auf Straße."

Rund ein Dutzend Straßenkinder haben sogar im Organisationsteam den Kongress mit vorbereitet. Darunter der 19-jährige Greenie aus Essen. Das war gar nicht so einfach erzählt er, schließlich erreicht man Straßenkinder weder per Post noch per Rundmail:

"Wir haben viel Werbung gemacht, wir haben über das Thema geredet, wir haben Plakate da aufgehangen, wo wir wissen, dass da Jugendliche auf der Straße sind, zum Beispiel Notschlafstellen oder so Einrichtungen, wo Jugendliche oder auch ältere bis 25-Jährige essen können."

An die hundert Straßenkinder haben sich schließlich in Berlin versammelt. Sie sind zwischen 15 und 25 Jahre alt, kamen aus Hamburg, Duisburg, Dresden, Ulm, Gera, Essen, Stuttgart, Bochum und sogar aus Polen angereist. Hilfsorganisationen wie Terres des Hommes haben den Transport ermöglicht. Dieser Kongress war überfällig, sagt Jörg Richert vom Bündnis für Straßenkinder und dem Nothilfeverein Karuna, bei dem alle Fäden zusammenlaufen.

"Wir machen diese praktische Arbeit mit diesen Jugendlichen schon über 25 Jahre und es hat sich weitestgehend nichts verändert: Das ist ein unhaltbarer Zustand und das liegt an dem System der Versorgung und die ist schlecht und die ist schlechter geworden!"

"Komplexe Einzelfälle" - Jugendämter überfordert

Insbesondere die unterbesetzten Jugendämter seien mit den komplexen Einzelfällen der Straßenkinder überfordert, außerdem fehlten ausreichende Unterkünfte für sie, sagt Richert.

Jugendämter, Jobcenter, Hilfsangebote und ähnliche Themen bestimmten denn auch die Diskussionen auf dem Kongress.

In Kleingruppen, in verschiedenen Räumen auf Linoleum-Boden sitzend, tauschten die Jungen und Mädchen ihre Erfahrungen aus. Gute wie schlechte. So erzählt dieser Punk wie sein Start auf der Straße war:

"In der ersten Nacht wurde ich von der Szene aufgefangen, bin am Bahnhof vorbei, die Punks haben mich angequatscht 'Wat machste jetzt?' – 'Ja bin gerade zuhause rausgeflogen' – 'Ja dann kommste erstmal mit zu uns'. Und da kriegste dann erstmal eingetrichtert: Geh bloß nicht zum Jugendamt, die stecken dich in ein Heim, die nehmen dir deine Freiheit und sonst was. Und dann macht man auch mindestens ein Jahr Party, weil man Freiheit genießt, weil man seine Freunde genießt, man macht sich keine Gedanken, oh jetzt fang ich mal an mir ein Leben aufzubauen."

Eine andere Hamburger Punkerin berichtet von ihren schlimmen Erfahrungen in einer geschlossenen Kinderhilfeeinrichtung. Dort sei der Alltag von Demütigungen und Willkür geprägt gewesen. Sie musste beispielsweise ihre Piercings abnehmen, Uniform tragen und ständig um Selbstverständlichkeiten bitten, etwa um aufs Klo gehen zu dürfen.

Eine 25-Jährige erzählt, dass sie erst in einer Jugendeinrichtung durch den Druck innerhalb der Gruppe zur Drogenkonsumentin wurde. Es sind viele schockierende Berichte von Missbrauch, Ungerechtigkeit, Versagen von Familien und Behörden, die an diesem Tag zu hören sind.

Einer der schlimmsten stammt von Buchautorin und Ex-Straßenkind Sabrina Tophofen, die vom eigenen Vater mit Wissen der Mutter missbraucht wurde, wie sie in einer der AGs erzählt:

"Ich bin zum Jugendamt gegangen, ich habe meinen Vater angezeigt und: Mein Vater, der war wegen schwerstem Kindesmissbrauch auf freiem Fuß und meine Mutter auch und ich bin in ein geschlossenes Heim gekommen. Dass es das heute noch gibt, das ist für mich unbegreiflich. Kinder suchen Schutz und Hilfe und werden dann eingesperrt!"

Die Jugendlichen zeigen sich erstaunlich offen über derlei Erfahrungen zu reden.

Diebstähle untereinander überschatteten das Treffen

Zum vollständigen Bild gehört aber auch, dass einige Kongressteilnehmer sich aus allem raushielten und die Zeit lieber mit Klönschnack oder schlafend auf ihren Iso-Matten verbrachten. Und auch Diebstähle untereinander überschatteten die Zusammenkunft, so dass eine der Betreuerinnen gleich zu Beginn des Tages auf der Vollversammlung appellierte, die Ladekabel, Handys und Kopfhörer zurückzulegen:

"Wenn wir hier alle mit Verdächtigungen unterwegs sind, dann macht es keinen Spaß mehr!"

Schließlich kam der Kongress aber zu einem guten Ende: Die Jungen und Mädchen sammelten zahlreiche Forderungen an die Politik, was sich ändern muss, damit es ihnen besser geht oder sie am besten gar nicht erst auf der Straße landen:

"Mehr Bezugspersonen, auch mehr Zufluchtsorte. Es sollte feste Betreuer für alle geben. Für jedermann verständliche Anträge, es dürfen keine 60 Seiten sein, sondern es sollte eine Seite sein, die jedermann auch verstehen kann, genug Geld für das Bildungspaket, 15 Euro pro Tag für Lebensmittelgutscheine, dass mehr Wohnräume für die jugendlichen Obdachlosen geschafft werden. Dass mal welche da sind, die auch wirklich bereit sind zu helfen und nicht nur sagen, ja wir helfen dir und hinterher kommt nix raus, weil wenn uns wirklich schon einer geholfen hätte, wären wir jetzt nicht hier."

In etwas geschliffenerer Schrift-Form sollen diese Forderungen auch an Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig gehen. Die schrieb schon in ihrem Grußwort an den Kongress: Sie sei gespannt auf die Ergebnisse. 

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