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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 05.10.2009

Straßenfeger in Schwarz-Weiß

Vor 50 Jahren wird die erste Folge der Krimiserie "Der Andere" ausgestrahlt

Von Mathias Schulenburg

Der Drehbuchautor Francis Durbridge. (AP)
Der Drehbuchautor Francis Durbridge. (AP)

Sie hatten das Zeug, ganz Deutschland vor dem Fernseher zu bannen: die raffinierten Kriminal-Mehrteiler von Drehbuchautor Francis Durbridge. Den Anfang machte die Serie "Der Andere", die vor 50 Jahren zum ersten Mal in der Bundesrepublik ausgestrahlt wurde.

"Ruhe!" - "Pst" - so ging es damals vielerorts zu, als die erste Krimiserie mit dem Titel "Der Andere" des Engländers Francis Durbridge vom deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde; die erste Folge am 5. Oktober 1959. Das Publikum erwies einem Meister der Cliffhanger-Technik die Ehre, der alle Serienteile - hier waren es sechs - so enden ließ, dass man die nächste Folge kaum erwarten konnte.

"Mike, ich möchte, dass du jemanden kennenlernst. Er wartet im Vorzimmer."

"Ja, ja, gern, wer ist es denn?"

"Ein Kollege von mir. Er heißt bei uns der Andere."

"Der Andere?"

"Ja, der Andere. Sie können jetzt hereinkommen."

Die betreffende Person trat natürlich erst in der nächsten Folge ins Bild. Francis Durbridge, obschon bescheiden, hielt seine Spannungstechnik für eine Sache, die man einfach im Blut haben müsse, wie eine gute Radiostimme oder Schauspieltalent. Erlernen könne man dergleichen nicht:

"That isn't a thing that you can learn, I think its an instinct, I think it is like having a very good voice on the radio or being an instinctive actor. I think one has a sense of drama and is making the best use of it."

Durbridge war 1959 kein Anfänger. Er hatte da der BBC schon sieben Jahre lang Drehbücher für Fernsehproduktionen geliefert. Die waren in der Frühzeit des Fernsehens nicht einfach umzusetzen. Tatsächlich wurden die ersten britischen Durbridge-Mehrteiler live gesendet.

Das schränkte das Geschehen zwangsläufig auf die Möglichkeiten des Kammerspiels ein, weshalb auch die erste deutsche Fernsehadaption eines Durbridge-Stückes, "Der Andere", als - wörtlich - "Kriminalspiel" mit viel Dialog angelegt wurde. Das brachte Längen mit sich, aber die Sache war spannend genug, ein erstes Durbridge-Fieber auszulösen, das im Folgenden von immer besseren Serien angefacht wurde, die sich mit Einschaltquoten um die 90 Prozent schließlich den Namen Straßenfeger verdienten. Die Rekordquoten freilich konnten nur zustande kommen, weil es so wenige Fernsehprogramme gab.

Gelegentlich wurde die Öffentlichkeit hysterisch. Als bei der Serie "Das Halstuch" der Kabarettist Wolfgang Neuss per Zeitungsanzeige den Täter verriet, es war ... , gab es sogar Morddrohungen. Neuss war zerknirscht:

"Na, weißt'e. Geh du mal über'n Ku'damm und hinter dir sagt 'n Arbeiter, ernsthaft und ohne Spaß: 'Da geht ja die Verrätersau!' Na, danke. Da bist'e satt!"

Die Fernseherfolge Durbridges hatten ihre Wurzeln in Hörspiel-Serien der BBC; die berühmteste hatte Paul Temple, eine liebenswerte Kunstfigur zum Gegenstand: Kriminalschriftsteller und Hobbydetektiv, der zusammen mit seiner Frau Steve auf unterhaltsame Weise Kriminalfälle löste - meist in gehobenen Kreisen, stets in gepflegtem Ton, gern häuslich.

Der Filmkritiker Hanns-Georg Rodek erklärte Durbridges Riesenerfolg in Deutschland so:

"Der Gentleman als Hobbykriminalist stellte sich als genau die richtige Kost für eine Nation heraus, die soviel Grausiges erlebt hatte. Denn bei Temples drang zwar zuweilen das Verbrechen ins gehoben gutbürgerliche Wohnzimmer ein, doch man konnte sicher sein, dass Temple es wieder hinausbefördern würde."

Die Kritik behandelte Durbridge herablassend. Seine Werke seien literarisch unbedeutend. Allerdings haben Rundfunk und Fernsehen eigene Regeln, und Durbridge hatte auch gar keine literarischen Ansprüche erhoben. Seine Stücke seien "doch nur Reißer", sagte er, "wenn auch gut gemachte". Die glühende Bewunderung der Deutschen war ihm unheimlich.

Die elektronischen Medien sind Durbridge bis heute treu geblieben. Hörbücher und DVDs seiner Werke werden durchaus verkauft. Tatsache ist schließlich auch: Durbridge hatte mit Fantasie und einer Schreibmaschine eine Familie ernähren können und besaß am Ende eine teure Londoner Stadtwohnung und einen Landsitz. Francis Durbridge starb 1998 nach langer Krankheit.

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