Seit 05:07 Uhr Studio 9
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 05:07 Uhr Studio 9
 
 

Interview / Archiv | Beitrag vom 10.03.2012

"Strahlensituation keineswegs unter Kontrolle"

Greenpeace-Atomexperte: Regionalregierung ist mit Fukushima überfordert

Heinz Smital im Gespräch mit Nana Brink

Auch ein Jahr nach der Katastrophe von Fukushima seien die Behörden vor Ort überfordert, beklagt Heinz Smital. (picture alliance / dpa)
Auch ein Jahr nach der Katastrophe von Fukushima seien die Behörden vor Ort überfordert, beklagt Heinz Smital. (picture alliance / dpa)

Der Atomexperte der Umweltschutzorganisation Greenpeace, Heinz Smital, hat den Umgang der japanischen Regierung mit der Atomkatastrophe von Fukushima kritisiert. Aus Sicht des Kernphysikers sei es falsch, sich vor allem auf die Reaktoren selbst und die Evakuierungszone zu konzentrieren.

Nana Brink: Fukushima – ein Name, den wir uns eingeprägt haben wie Tschernobyl. Ein Name, der für eine Atomkatastrophe ungekannten Ausmaßes steht. Morgen jährt sich ja der Tag, an dem ein Beben die japanische Ostküste erzittern ließ und einen Tsunami auslöste, der 20.000 Menschen das Leben kostete. Die Aufräumarbeiten sind in vollem Gange, aber die Katastrophe ist ja noch lange nicht vorbei. Nach wie vor ist das zerstörte Atomkraftwerk in Fukushima eine tickende Zeitbombe. Vor Ort in Fukushima und jetzt bei uns am Telefon ist Heinz Smital, Kernphysiker und Atomexperte für Greenpeace. Schönen guten Morgen beziehungsweise eigentlich schönen guten Tag für Sie, Herr Smital!

Heinz Smital: Ja, schönen guten Tag!

Brink: Sie waren wenige Tage nach der Katastrophe vor Ort und sind es jetzt wieder. Welches Bild zeichnet sich Ihnen?

Smital: Also wir sind hier in Fukushima City, das ist eine große Stadt mit vielleicht 300.000, 380.000 Einwohnern. Wenn man vom Hügel aus auf die Stadt schaut, sieht man auch ein nicht endendes Meer an Häusern, Hochhäuser, eine sehr lebendige Stadt. Und die hat eine nicht unbeträchtliche Strahlung auch abbekommen, und man kann eben feststellen, dass zum Teil in Wasserrinnen oder in anderen Gebieten, so von den Dächern zum Beispiel auch, Wasser abgeleitet wird, sich sehr hohe Konzentrationen ansammeln. In der Nähe vom Hauptbahnhof haben wir einen Wert von 70 Mikrosievert pro Stunde gemessen – das ist etwa das Tausendfache der ursprünglichen Radioaktivität an diesem Ort.

Brink: Sie sind also hingereist, um die Strahlenbelastung in der Region zu messen?

Smital: Richtig. Uns geht es eigentlich darum, das Augenmerk dort hinzulegen, wo die Leute wohnen und wo die Regierung zu wenig unternimmt. Es sind diese Hotspots in keiner Weise gekennzeichnet. Man findet zum Beispiel auf Spielplätzen zwar so kleine Hinweisschilder, dass man nur eine Stunde dort sich aufhalten soll, und die Kinder auch die Erde nicht berühren sollen, aber das ist dann sozusagen viel zu wenig, die Leute hier sind schon sehr verunsichert, viele sind auch weggezogen. Die Zentralregierung konzentriert sich im Moment eher auf die Reaktoren und die Wiederdekontaminierung der Gebiete nahe bei den Reaktoren. Das ist falsch, man muss dorthin gehen, wo die Leute leben, und hier den Leuten helfen.

Brink: Darauf möchte ich gleich noch zu sprechen kommen, aber bleiben wir noch mal einen Moment in Fukushima City, wo Sie selbst sind: Wie reagieren denn die Menschen? Ich stelle mir das sehr skurril vor – oder skurril ist vielleicht das falsche Wort.

Smital: Also die Leute wollen hier die Stadt schon weiter als Zentrum von der Präfektur behalten, das kann man auch verstehen. Aber es ist so, die Verunsicherung ist groß, und es sind auch die Strahlenbelastungen zum Teil recht groß, wenn man mit Messgeräten hier lang geht, kommen die Leute sehr interessiert auf einen zu, die schauen auf das Instrument, die wissen sofort, was jetzt ein Mikrosievert pro Stunde an Strahlung bedeutet und deuten dann auch wohin, wo sie sagen, da ist es halt noch höher, sind interessiert dran, wie das eigene Grundstück ausschaut. Hier müsste viel mehr von der Regierung auch gemacht werden.

Brink: Haben Sie selbst keine Angst?

Smital: Also ich halte mich ja hier nur kurzzeitig auf, und wir haben auch gewisse Radiation Protection, sozusagen Protokolle wie man eben am besten umgeht, dass man eben kontaminierte Bereiche nicht angreift, sich entsprechend nur kurz aufhält. Ich habe auch so eine Teleskopstange, wo ich Abstand halten kann zu stärker strahlenden Punkten. Ich bin Experte, ich kann damit sozusagen dieses Risiko minimieren.

Brink: Kommen wir zum Atomkraftwerk. Wie weit ist es denn entfernt, und welches Bild können Sie uns zeichnen von der Situation dort?

Smital: Also die Kraftwerksblöcke, die zerstörten Kraftwerksblöcke sind etwa 60 Kilometer entfernt, die Wolke hat sozusagen große Entfernungen zurückgelegt, wobei man auch sagen muss, man hatte noch Glück im Unglück, es ist 80 Prozent Richtung Meer geweht, nur 20 Prozent Richtung Land, und man hatte auch die ganz großen Katastrophen vermeiden können. Die Situation bei den Reaktoren ist so, da sind vier völlig zerstörte Blöcke, die auch ständig noch weiter gekühlt werden müssen. Das heißt, man hat dort auch eine Mannschaftsstärke von einigen Tausend Leuten, die im Prinzip damit beschäftigt sind, diese Ruinen mehr oder weniger stabil zu halten. Und eine Gefahr könnte drohen bei einem massiveren Erdbeben, wenn diese vorgeschädigten Strukturen dann doch noch einstürzen und Bereiche mit Brennelementen, mit Kernbrennstoff trocken fällt, dann erhitzt der sich wieder, dann kommt es auch wieder zu diesen radioaktiven Emissionen. Wir hoffen, dass das nicht eintritt.

Brink: Wie lange wird die Sanierung dauern, oder zumindest, bis man das gesichert hat – wenn man das so sagen will?

Smital: Das wird sehr, sehr, sehr lange dauern, weil man kann ja ganz grob auch nach Tschernobyl hinüberblicken. Dieses Unglück in der Ukraine ist jetzt 26 Jahre her, dort arbeitet auch die weltweite Atomindustrie zusammen, um diesem Störfall Herr zu werden. Im Moment wird dort ein neuer Sarkophag gebaut, weil es gibt derzeit keine Methoden, wie man den verteilten Kernbrennstoff einsammeln könnte. Und das gleiche Bild hat man hier auch in Fukushima, es gibt derzeit keine Lösung, wie man tatsächlich an den zerstörten Kernbrennstoff herankommt und den irgendwie sicher verpacken könnte.

Brink: Was tut die japanische Regierung? Ihrer Meinung nach zu wenig, wie sie angedeutet haben?

Smital: Also die japanische Regierung, die zentrale, ist immer noch recht auf pro Atom eingestellt und will daher möglichst einen normalen Zustand darstellen. Die konzentrieren sich darauf, evakuierte Gebiete zu dekontaminieren, dabei ist ja hier in Fukushima City, wo viele Leute leben, die Strahlensituation keineswegs unter Kontrolle, und die regionale Regierung ist mit dieser Aufgabe überfordert. Das heißt, man müsste von Japan, von der Zentralregierung aus die Mittel hier in die Region leiten.

Brink: Was heißt überfordert? Was tun sie denn überhaupt?

Smital: Also wir haben schon noch Messtrupps gesehen, die herumgehen, aber das ist viel zu langsam, und es passiert viel zu wenig. Und man müsste den Leuten, die in diese Situation gekommen sind, auch die Möglichkeit geben, selber zu entscheiden, ob sie eine Dekontaminierung des Grundstücks, also abtragen der obersten Erdschicht wünschen, oder ob sie woanders hinziehen wollen. Im Moment ist es so, dass es einen festen staatlichen Grenzwert gibt, und der eine Nachbar fällt gerade noch hinein, der andere nicht, und das erzeugt sehr viel Ungewissheit bei den Leuten.

Brink: Schlagen wir noch mal den Bogen einfach zu dem ganz normalen Alltag: Fukushima, gerade die Gegend darum, galt ja als Kornkammer oder gilt als Kornkammer Japans. Was essen denn die Menschen, oder haben sie selbst Bedenken?

Smital: Na, prinzipiell ist es so, dass Japan auch viele Lebensmittel importiert. Das heißt, wenn man jetzt hier im Supermarkt einkauft, denke ich, hat man hier keine Probleme. Es ist anders, wenn man direkt vom Boden leben muss, also wenn, wie zum Beispiel in der Ukraine, wo arme Bauern tatsächlich auch komplett sich vom Boden versorgen, Hühner und Kühe haben und das auch selber essen, dann ist es viel, viel problematischer, auf einem kontaminierten Boden zu sein. Die Lebensmittelsituation muss man natürlich im Auge behalten. Es wird immer wieder Funde geben, zum Beispiel dass vielleicht Reis oder auch Fleisch, wo – sage ich mal – irgendwie verstrahltes Heu verfüttert worden ist, wieder irgendwo auftaucht. Aber das sind eher so einzelne Peaks, die Gesamtsituation bei den Lebensmitteln, denke ich, ist hier sozusagen durchmischter und daher nicht so problematisch.

Brink: Heinz Smital, Kernphysiker und Atomexperte für Greenpeace und selbst vor Ort in Fukushima. Schönen Dank, Herr Smital, für das Gespräch!

Smital: Ja, gern geschehen!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Mehr zum Thema:
Sammelportal: Ein Jahr nach Fukushima

Interview

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur