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Elektronische Welten / Archiv | Beitrag vom 29.10.2012

Stimmgewaltiges Fagott

Musikbegeisterte Wissenschaftler entwickeln ein "Bassoforte"

Von Annegret Faber

Musiker sagen, der Klang des Fagotts ähnelt der Stimme des Menschen.
Musiker sagen, der Klang des Fagotts ähnelt der Stimme des Menschen. (picture alliance / dpa /Patrick Pleul)

In Blasorchestern oder in Jazzbands können Fagottisten nicht mitspielen, weil sie einfach viel zu leise sind. Musikbegeisterte Wissenschaftler vom Dresdner Institut für Luft und Raumfahrttechnik haben aus diesem Grund zusammen mit Instrumentenbauern ein lauteres Fagott entwickelt - das Bassoforte.

Ein Fagott. Stefan Pantzier spielt dieses Instrument beinahe jeden Tag. Bei Proben oder öffentlichen Konzerten des MDR Sinfonieorchesters. Manchmal ärgert er sich. Dann wenn die Blechbläser einsetzen und sein Fagott kaum noch zu hören ist:

"Beim modernen Fagott muss man alles geben. Obwohl es entspannt klingen muss, muss man alles geben, damit man überhaupt zu hören ist. Es gibt genügend Stücke, wo man sich wünschen würde, endlich mal mehr Volumen zu haben."

Hinter Stefan Pantzier steht der Prototyp eines neuen Instruments. Das Bassoforte. Es sieht aus wie ein Fagott: Ein weit über einen Meter langes Holzblasinstrument mit vielen Metallklappen und dem typischen S Bogen - einem gebogenes Metallrohr, an dem das Mundstück befestigt ist. Entwickelt wurde es von den Instrumentenbaufirmen Benedikt Eppelsheim und Guntram Wolf:

"Das Fagott muss man einfach nimmer neu erfinden, es ist gut so wie es ist. Aber durch die immer höheren Ansprüche, jetzt auch was Kraft von einem Instrument anbetrifft, dadurch kam die Idee, ein durchsetzungsstarkes Instrument zu bauen."

Die Grundlagenarbeit für die Entwicklung des Bassoforte leisteten Forscher vom Dresdner Institut für Luft und Raumfahrttechnik. Der Doktorand Timo Grothe baute zuerst eine Anblasvorrichtung, den sogenannten künstlichen Bläser - eine A5 große, durchsichtige und druckfeste Plastikbox, in der Schläuche, Drähte und künstliche Lippen zu sehen sind:

"So und das ist der künstliche Bläser und man kann jetzt diese künstlichen Lippen, die aus Glyzerin gefüllten Luftballons bestehen, kann man mit Mikrometerschrauben an das Rohrblatt drücken, so wie der Musiker seine Lippen gegen das Rohrblatt drückt und kann dann die Kraft messen, die auf das Mundstück wirkt."

Mit dem künstlichen Bläser konnte der Verfahrenstechniker konstante Datenreihen aufstellen. Ein Computerprogramm simuliert den Ton und zeigt, wie er sich verändert, wenn die Tonlöcher oder die Form des Holzblasinstruments verändert werden:

"Was man jetzt gehört hat ist das schrittweise das Tonloch kleiner wurde und damit auch die Resonanzfrequenz sich ändert."

Das Programm ersparte den Instrumentenbauern viele Versuche am tatsächlichen Instrument und verkürzte die Bauzeit des Bassoforte. Drei Jahren nach Beginn des Projektes hält Fagottist Stefan Pantzier einen Prototyp in der Hand und testet Handling und Klangfarbe:

"Es geht klanglich sehr in das, was man sich als tiefe Oboe vorstellt. Es ist ein offener Klang, den man blastechnisch auch ein bisschen abdunkeln kann und klanglich von der Klangfarbe ist es für einen Spieler sehr interessant, dieses zu spielen. Aber es ist anders als der gedeckter klang des Fagottes."

Es ist nicht nur lauter, sondern auch tiefer geworden, aber auch schwerer. Am Bassoforte ist mehr Mechanik als am herkömmlichen modernen Fagott. Deshalb wird es mit einem Stehfuß gespielt. Vom Handling muss noch einiges verändert werden, sagt Stefan Pantzier. Den neuen Klang kann er sich aber gut in einem Orchester vorstellen.

Der Leipziger Gewandhaus - Fagottist David Peterson ist ganz anderer Meinung. Er glaubt das Bassoforte sei für Orchester nicht geeignet. Auch die Frage nach einem lauteren Fagott habe sich für ihn nie gestellt. Im Gegenteil. Ein Fagott müsse leise sein:

"Es kam ja zum Teil auch so rüber, als ob wir armen Fagottisten gar nicht laut genug spielen könnten, um uns im Orchester durchzusetzen. Also das ist fast schon eine Diffamierung und das stimmt auch so nicht. Es ist von guten Komponisten das Instrument immer dann eingesetzt, dass es an den Stellen, wo es hörbar sein soll, auch hörbar ist und auf der anderen Seite ist es gar nicht wünschenswert. Sie wollen ja gar nicht, dass man Instrumente raus hört, sondern sie wollen eine Mischung."

Und genau da habe das Fagott seine Stärken. Die Fähigkeit sich gut mit anderen Instrumenten zu verbinden und so einen neuen Klang entstehen zu lassen.
Vielleicht werden wir ganz von der Fagott-Form wegkommen, sagt Instrumentenbauer Peter Wolf. Für ihn ist das Bassoforte ein völlig neues Instrument geworden und keine Konkurrenz zum Fagott:

"Wo der Weg damit hingeht, wissen wir alle noch nicht. Das müssen wir erst sehen. Das wird seinen Platz finden müssen und irgendwo in einer Nische neben dem Fagott, würde ich sagen. Den Weg dort hin finden die Musiker heraus."

300 000 Euro Fördergelder flossen für die Entwicklung des Bassoforte. Das Geld kam vom Zentralen Innovationsprogramm Mittelstand. Dass es nach drei Jahren Entwicklungsarbeit noch nicht fertig ist, sehen die Erbauer positiv. Mal keine Wissenschaftsleiche, sagt Doktorand Timo Grothe, sondern die direkte Umsetzung in die Praxis. Nun muss sich nur noch zeigen, ob das Bassoforte von den Musikern gebraucht und angenommen wird. In trauter Zweisamkeit können die beiden Instrumente jedenfalls schon heute spielen, wie dieses kurze Mozartstück beweist, in dem Bassoforte und Fagott gemeinsam zu hören sind.