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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 11.01.2010

Stifter des Islam als Romanfigur

Kader Abdolah: "Mohammad, der Prophet", Claassen Verlag, Berlin 2009, 282 Seiten

Blick in die Merkez-Moschee in Duisburg (AP)
Blick in die Merkez-Moschee in Duisburg (AP)

"Zwar konnte er keine Wunder vollbringen wie Moses und Jesus, dafür war er selbst ein Wunder geworden." Sein Familienwappen zeigt ein Schiff, denn er stammte aus einer Dynastie von Kaufleuten. Sein genaues Geburtsjahr ist unbekannt, aber man weiß, dass es um das Jahr 570 war und dass er mit sechs Jahren Vollwaise wurde. Die Rede ist von Mohammed, dem Religionsstifter des Islam.

Kader Abdolah präsentiert ihn als Romanfigur. Abdolah, der 1985 aus dem Iran geflohen ist, gilt heute als einer der wichtigsten Exil-Autoren seines Landes – und zugleich als wichtiger niederländischer Autor, denn er schreibt in der Sprache seines Gastlandes. 2008 hat Abdolah eine Übersetzung des Koran ins Niederländische veröffentlicht.

Der Roman "Mohammad, der Prophet" erzählt die Entstehungsgeschichte des Islam vor 1400 Jahren. Abdolah folgt den Spuren der historischen Überlieferung und bedient sich dabei eines Ich-Erzählers und Chronisten mit Namen Zayd ibn Salith. Salith war Adoptiv-Sohn Mohammeds und Verfasser des Koran.

"Mohammad, der Prophet" versetzt den Leser mit archaischen Bildern in die hermetische Intimität des Familien- und Freundeskreises um Mohammed:

"Wenn die Sonne sich verfinstert, ... und die Tiere versammelt werden, und die Meere verdunsten, und das lebendig verscharrte Mädchen gefragt wird, weswegen es getötet wurde, ... dann schwöre ich bei den Sternen, die sich im Dunklen verbergen, ... Mohammad ist kein Besessener."

Gänsehaut-Passagen mischen sich mit orientalisch-poetischer wie kindlich-heiterer oder modern-expressiver Sprache, zuweilen vorgetragen im Duktus einer langen Geschichte am Lagerfeuer einer Karawane in einer kalten Wüstennacht:

"Wendet euch ab von den Götzen! Betet zu Allah, dem Schöpfer des Apfels!"

Oder:

"Die Zeit ist flüchtig wie eine schwangere Frühlingswolke."

Versuche, sich mit der historischen Figur Mohammeds literarisch auseinanderzusetzen, sind selten. Nur aus Gründen der Vollständigkeit erwähnenswert ist ein Schmachtfetzen von Sherry Jones, "Das Juwel von Medina" aus dem Jahr 2008, durchaus ernsthaft hingegen die 1917 erschienene und 2006 wieder aufgelegte Novelle "Mohammed. Roman eines Propheten" von Alfred Henschke, bekannt unter seinem Künstlernamen Klabund. Er schildert Mohammed als sozialen Revolutionär.

Kader Abolah gelingt es in "Mohammad, der Prophet", "ein Loch in die Mauer der Intoleranz zu schlagen". Wer den Islam verstehen will, der muss "Mohammad, der Prophet" lesen. Ob der Leser Christ, Atheist oder Muslim ist, das Urteil wird einhellig ausfallen: Große Literatur öffnet den Himmel.

Besprochen von Lutz Bunk

Kader Abdolah: "Mohammad, der Prophet",
Roman, Aus dem Niederländischen übersetzt von Christiane Kuby,
Claassen Verlag Berlin 2009, 282 Seiten, 19,90 Euro

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