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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 04.09.2012

Stevenson - ganz neu!

Robert Louis Stevenson: "Der Pirat und der Apotheker", Wuppertal 2012, 48 Seiten

Der Schriftsteller Robert Louis Stevenson auf einem Ölgemälde von Ernest Narjot (AP Archiv)
Der Schriftsteller Robert Louis Stevenson auf einem Ölgemälde von Ernest Narjot (AP Archiv)

Während eines Krankenaufenthalts in Davos schrieb Robert Louis Stevenson eine Reihe von Balladen, die später als "Moral Emblems" in die Literaturgeschichte eingingen. Der Berliner Comic-Künstler Henning Wagenbreth hat eine von ihnen ins Deutsche übersetzt und illustriert.

Dies ist die Ballade von zwei Jungen, von Robin, dem Rabauken und dreisten Räuber, und von Ben, dem Betrüger und Dieb. Wo Robin sich prügelt, ist Ben feige und berechnend. Robin wird Pirat, er kämpft auf allen Weltmeeren, säuft, kapert Schiffe und erobert Frauen. Als Verbrecher ist er gefürchtet und geachtet zugleich. Ben dagegen wird Apotheker, lebt bequem, wählt seine Gattin mit Kalkül und kommt auf hinterhältige Weise zu Reichtum. Nach vielen Jahren treffen sich die alten Gefährten wieder und vergleichen die Ausbeute ihres Lebens. Als Robin das ehrlose Treiben seines früheren Freundes durchschaut, kommt es zum gewalttätigen Showdown!

Kindern und Erwachsenen werden diese beiden bösen Buben bekannt vorkommen. Gleichzeitig mit den Texten von Wilhelm Busch entstanden, erinnert die Ballade vom Piraten und Apotheker auch an die Brutalität und den Zynismus, die moralische Schwarz-Weiß-Malerei und die pädagogische Absicht von "Max und Moritz". Gut und böse, oder besser: böse und sehr böse sind eindeutig verteilt, die gerechte Strafe folgt mit dramatischer Konsequenz.

So weit, so konservativ. Henning Wagenbreths Illustrationen bilden nun das absolute Gegenstück zu dieser altmodischen Geschichte. In die pop-artigen Bilder muss man sich erst einsehen. Doch dann begeistert ihre energiegeladene, ausdrucksstarke Wucht. Laute, schrille Farben und zuckende Linien verbreiten eine knallige Energie, auf fast jeder Seite zappeln, wuseln oder metzeln merkwürdig starr wirkende Figuren mit verzerrten Gesichtern. Harte Konturen, eine große, fette Schrift und ein dramatisches Pathos faszinieren! Diese Bilder sind grell, grotesk und großartig!

Kleinere Kinder sollte man mit diesem Bilderbuch darum nicht allein lassen. Die Mischung aus Otto-Dix-Motiven und Struwwelpeter, George-Grosz-Elementen und Wimmelbilderbuch könnte überfordern. Sie ist voller Anspielungen auf altbekannte Gemälde und Illustrationen, die man aber nicht unbedingt entschlüsseln muss. Wie viele Bilderbücher, die in den letzten Jahren erschienen sind, wendet sich auch dieses an mindestens zwei Generationen. Und am schönsten ist es sicher, die Ballade mit dem Kind auf dem Schoß zu lesen und so das Bedrohliche von Text und Bild aufzufangen.

Spaß werden kleine und große Leser am Text haben. Wagenbreths Übersetzung ist bewusst nicht glatt poliert, sondern voller rythmischer Holperer Bezüge und schräger Reime. Man sieht den Künstler förmlich mit den Augen zwinkern, wenn er "Moneymaker" auf "Apotheker" reimt oder Ben dem Freund Robin vorhält: "Du rechnest Reichtum nur in Ziffern. Du jagst nach Rosies und Jenniffern". Andere Reime kommen so witzig und pointiert daher, dass man sie sich ins Poesie-Album schreiben würde – wenn man denn noch eines hätte. Und wieder andere verblüffen in ihrer Expressivität. So heißt es von Robin: "Verletzt, beleidigt, stolz und stumm / sitzt er allein und schüttet Rum." Wir Leser schütteln Lachen!

Besprochen von Sylvia Schwab


Robert Louis Stevenson: Der Pirat und der Apotheker
Illustriert und aus dem Englischen übersetzt von Henning Wagenbreth
Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2012
48 Seiten, 26,00 Euro

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