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Interview / Archiv | Beitrag vom 05.02.2010

"Steuerbetrug ist auch Diebstahl"

Schriftsteller Peter Stamm: Schweizer haben schlechtes Gewissen

Peter Stamm im Gespräch mit Marietta Schwarz

Dem deutschen Staat entgegen durch Steuerbetrug etliche Millionen Euro. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Dem deutschen Staat entgegen durch Steuerbetrug etliche Millionen Euro. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

Die teilweise heftigen Reaktionen der eidgenössischen Politiker auf den Datenankauf durch die Bundesrepublik seien auf ein schlechtes Gewissen seiner Landsleute zurückzuführen, sagt der Schweizer Autor Peter Stamm.

Marietta Schwarz: Seit einer Woche wird darüber diskutiert, ob die Bundesregierung jene Daten-CD kaufen darf, die ihr möglicherweise 400 Millionen Euro an geprellten Steuern in die Staatskasse spülen könnte. Inzwischen haben Bundeskanzlerin Merkel und Finanzminister Schäuble grünes Licht für das umstrittene Geschäft gegeben und wie erwartet haben sich auch die ersten Steuersünder bereits selbst angezeigt. Und die Schweiz, die erfüllt mal wieder alle Klischees als Land, das Steuersünder mit unmoralischen Angeboten zur Geldanlage geradezu anlockt. Die Politiker dort sind über den deutschen Kaufentscheid erbost, die eidgenössischen Konservativen sprechen von einer modernen Form des Banküberfalls und Toni Brunner, der Präsident der schweizerischen Volkspartei, der geht sogar noch einen Schritt weiter.

Toni Brunner: Das ist eine Kriegserklärung an die Schweiz. Wenn Deutschland die Zusammenarbeit mit einem Verbrecher höher gewichtet, als mit einem befreundeten Nachbarstaat, dann muss das Verhältnis grundsätzlich überdacht werden.

Schwarz: Tja und diese Reaktion, die würden wir uns gerne von dem Schweizer Schriftsteller Peter Stamm interpretieren lassen. Guten Morgen, Herr Stamm!

Peter Stamm: Guten Morgen!

Schwarz: Herr Stamm, das sind ja harsche Worte, Sie lachen, die da auf politischer Ebene gefallen sind. Als ob die Bundesrepublik sich etwas nimmt, was ihr nicht gehört. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Stamm: Ja, Toni Brunner kann man schwer interpretieren, das ist eine, ein spezieller Typ. Na ja gut, ich glaube, es hat auch mit dem schlechten Gewissen zu tun, das die Schweizer haben. Weil Sie wissen natürlich schon lange, dass das eigentlich nicht geht, was wir da machen, was wir seit Langem machen. Und man merkt jetzt den Politikern an, wie sie versuchen, das irgendwie so als Diebstahl darzustellen. Aber natürlich ist das, was seit ganz Langem geschieht, auch Diebstahl. Also Steuerbetrug ist ja auch Diebstahl, Steuerhinterziehung, wie wir das gerne nennen, ist auch Diebstahl. Und von daher müssen sie jetzt irgendwie einen Weg finden, um sich da rauszureden.

Schwarz: Welcher Impuls wird denn da eigentlich bei den Schweizern geweckt, wenn scharfe Kritik vom großen Nachbarn, aus Deutschland, kommt?

Stamm: Na ja, es war in letzter Zeit war ja, wie soll ich sagen, gab es so gewisse, nicht Spannungen, aber es gab so, es kommen sehr viele Deutsche im Moment in die Schweiz und das wird so ein bisschen hochgewiegelt als Problem zwischen Deutschland und der Schweiz, das es aber meiner Meinung nach nicht gibt. Die meisten Deutschen, die ich kenne, die in der Schweiz wohnen, sagen, sie haben überhaupt keine Probleme. Aber es gibt natürlich eine ländliche Bevölkerung, die kaum jemals einen Deutschen gesehen hat, die irgendwie meint, wir werden jetzt überrannt vom großen Nachbarn.

Schwarz: Das heißt, der Verkauf einer Daten-CD, zum Beispiel an Frankreich, wäre nicht unbedingt ruhiger verlaufen?

Stamm: Nein, ich glaube nicht. Es ist auch gar nicht so sehr die Bevölkerung, die jetzt … , also ich höre jetzt nicht viel von Freunden, aus der Bevölkerung, dass das ein Problem wäre. Es sind eher die Politiker, die natürlich ihre Felle davonschwimmen sehen.

Schwarz: Jetzt habe ich ja gerade selbst das Klischee von der Schweiz als Land der Reichen, der Banken angebracht. Entspricht das denn auch der Selbstwahrnehmung der Schweizer?

Stamm: Ich glaube nicht, es war bei uns, es gab ja schon mal eine Abstimmung über dieses sogenannte Bankgeheimnis vor 25 Jahren ungefähr. Und das wird dann immer so verkauft, als ein … , das ist unsere Privatsphäre, praktisch mein Geld ist meine Privatsphäre. Und wenn das der Staat dann alles wissen darf, was ich habe, dann ist das praktisch eine Verletzung meiner Privatheit. Aber darum geht es ja hier gar nicht, es geht ja nicht darum, dass man praktisch dann … , jeder weiß, wie viel Geld ich habe.

Schwarz: Ihr Schriftstellerkollege Urs Widmer, der hat vor einem Jahr dieses Bankgeheimnis kulturgeschichtlich hergeleitet und gesagt, das Bankgeheimnis hat mit dem Calvinismus zutun und leitet sich quasi aus den bäuerlichen Traditionen her. Also vom Heuhorten in Stadeln zum Geldhorten in Banken, können Sie damit was anfangen?

Stamm: Ja gut, aber ich meine, das finde ich jetzt ein bisschen zu positiv erklärt. Letztlich geht es ja eben wirklich um große Beträge, es geht um Leute, die systematisch Steuern hinterziehen. Es geht ja nicht darum, dass ich meine 10.000 Franken auf meinem Konto horte. Natürlich sind die Schweizer Sparer, das sind sie schon, aber ich glaube, das muss man wirklich trennen, das sind zwei verschiedene Sachen.

Schwarz: Glauben Sie, dass Geld und Geldgeschäfte auch so etwas wie einen Identifikationspunkt des Landes darstellen?

Stamm: Weniger glaube ich als früher, natürlich sehen wir uns als Bank ... , aber wenn ich mich so umhöre, dann sind die Banken, werden eher kritisiert hier. Also man ist nicht mehr so stolz auf seine Banken, weil ja auch es so viele Skandale schon gegeben hat in den letzten Jahren. Und weil man sich eben auch ein bisschen schämt, es ist eben nicht wirklich ehrliche Arbeit, selbst Leute, die ich kenne, die auf Banken arbeiten, sagen, es macht keinen Spaß mehr, weil man dauernd irgendwie ... Ich meine, die Leute, die ich kenne, sind alles Leute, die normale Bankgeschäfte machen und das macht denen natürlich auch keinen Spaß, wenn sie dauernd mit irgendwelchen Verbrechen in Zusammenhang gebracht werden. Weil, das darf man nicht vergessen, es gibt einfach ganz gute und seriöse Bankgeschäfte hier auch.

Schwarz: Das möchte ich nicht anzweifeln. Aber trotzdem noch mal die Frage, ob diese heftige Debatte, die bei uns, aber eben auch bei Ihnen in der Schweiz, jetzt um diese Steuerdaten-CD geführt wird, vielleicht doch so etwas wie Nationalgefühle weckt.

Stamm: Ich glaube nicht mehr so sehr, ich glaube, das ist vor fast 20 Jahren geschehen, damals diese ganze Nazigold-Geschichte, da wurde wirklich das Land erschüttert und da hat sich sehr viel verändert. Und ich glaube heute, mal abgesehen von wirklich diesen konservativen Politikern, heute hat sich das Bild in der Schweiz, der Schweizer wirklich ganz stark verändert. Es ist viel moderner geworden, viel offener geworden. Auch wenn natürlich dann gelegentlich wieder so Abstimmungen sind, wie kürzlich diese Minarettinitiative, aber letztlich glaube ich nicht mehr, dass wir dadurch erschüttert werden.

Schwarz: Sie haben am Anfang gesagt, diese Äußerungen der Politik, die jetzt zu hören sind, kommen auch daher, dass man sich eigentlich schon längst bewusst ist, dass das mit dem Bankgeheimnis, sich was ändern muss und vielleicht auch dem Ende zugeht. Was sind denn Ihre Erwartungen und was muss passieren?

Stamm: Ja das wird man jetzt schauen müssen, ich meine, es wird ja jetzt über ein Doppelbesteuerungsabkommen diskutiert, und das wird auch kommen müssen. Automatischer Datenaustausch, was auch immer, das müssen dann die Politiker und die Juristen ausmachen, was da das Schlauste ist. Aber ich denke, man kann damit rechnen, dass wenn es eine Einigung gibt, dann wird die auch umgesetzt in der Schweiz. Das ist vielleicht dann schon, im Gegensatz zu etwas exotischeren Finanzplätzen, sind die Schweizer dann schon so, wenn sie eine Abmachung machen, dann halten sie sich auch daran. Und dann wird der Finanzplatz vielleicht ein bisschen leiden, aber er wird überleben, glaube ich.

Schwarz: Der Schweizer Schriftsteller Peter Stamm, herzlichen Dank Ihnen!

Stamm: Gern geschehen!

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