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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 01.03.2013

"Stereotype Denkmuster bestimmen nicht den Journalismus"

Die deutsche Presse und ihre Gratwanderung zwischen Israel-Kritik und Antisemitismus

Von Thomas Klatt

Ein Antisemit? Jakob Augstein, Journalist und Verleger (picture alliance / dpa / Karlheinz Schindler)
Ein Antisemit? Jakob Augstein, Journalist und Verleger (picture alliance / dpa / Karlheinz Schindler)

Der Antisemitismusvorwurf von Rabbi Abraham Cooper vom Simon Wiesenthal Center richtet sich nicht nur gegen den Spiegel-Online-Kolumnisten Jakob Augstein. Er hadert generell mit der Haltung der deutschen Medien gegenüber Israel und den Juden. Die Journalisten wehren sich.

"Wenn Sie sich die Äußerungen von Augstein auf Phoenix oder Spiegel Online genau anschauen, dann stoßen Sie auf eine Menge von Anspielungen und Fantasien, die Bilder des Antisemitismus wachrufen. Bilder von kommandierenden Israelis und sich duckenden Deutschen, Bilder von zum Beispiel infam lachenden Juden und ausgelachten Deutschen oder eben dieses Bild, dass Israel den Weltfrieden bedrohe, was geradezu als Offenbarung zelebriert worden ist."

Für den Hamburger Politikwissenschaftler Matthias Küntzel steht der deutsche Journalist Jakob Augstein zu recht auf der Liste des Simon Wiesenthal Centers der weltweit zehn schlimmsten Antisemiten. Auch dass Augstein, der noch nie in Israel war, sich für seine Äußerungen nicht entschuldigt und sie weiterhin als guten Journalismus verteidigt, hält Küntzel für skandalös. Vielleicht noch schlimmer aber sei für ihn die Reaktion der deutschen Presse. Statt die jüdische Kritik aus Amerika ernst zu nehmen, poche die deutsche Journaille auf ihre Presse- und Meinungsfreiheit.

"Natürlich konnte man über die Simon Wiesenthal Zentrum-Liste unterschiedlicher Meinung sein. Man konnte sich genau informieren und die Sache kommentieren. Aber das ist ja nicht geschehen. Sondern es wurde geradezu reflexhaft leidenschaftlich Augstein sofort in Schutz genommen. Fast alle standen ihm bei: die FAZ, die taz, der deutsche Journalistenverband. Man habe Augstein für vogelfrei erklärt, behauptete der Tagesspiegel. Wer Israel kritisiert, wird mit der Antisemitismus-Schrotflinte beschossen, beklagte die taz. Man gab sich überzeugt, dass Augstein kein Antisemit sein kann, denn wäre er es, wären wir es möglicherweise auch. Der taz-Kommentar lautete: Wir Antisemiten! Der Tagesspiegel-Autor wollte auch auf die Antisemiten-Liste."

Selbst die fanatischsten Juden verüben keine Selbstmordattentate

Rabbi Abraham Cooper vom Simon Wiesenthal Center ist sich sicher, dass seine Entscheidung richtig war, Jakob Augstein auf die Top-Ten-Liste der schlimmsten Antisemiten gesetzt zu haben. Denn wer ultra-orthodoxe Juden mit radikalen Islamisten auf eine Hass-Stufe setze, habe eben keine Ahnung vom Nahen Osten. Selbst die fanatischsten Juden würden eben keine Selbstmordattentate verüben. Aber solches Gedankengut fände über die Internet-Präsenz der deutschen Medien weltweit Verbreitung und werde von Radikalen unter Umständen begeistert aufgegriffen.

Rabbi Abraham Cooper: "Das Wiesenthal Center beobachtet die verschiedenen Phänomene des weltweiten Antisemitismus. Dabei arbeiten wir gegen digitalen Terrorismus und Hass. Das Internet ist heute die Frontlinie der Terroristen, um die antijüdische Propaganda zu verbreiten."

Offensichtlich gebe es in der deutschen Presse keine klare Trennlinie zwischen der Kritik an der israelischen Politik und dem Denken und Schreiben in antijüdischen und damit antisemitischen Stereotypen.

Rabbi Abraham Cooper: "Ich war von den deutschen Journalisten geschockt, die Augstein verteidigen. Wer seid ihr? Woran leidet dieser Journalismus? Antisemitismus ist kein Problem der Juden. Es ist ein Problem für Nicht-Juden. Er kann nicht von Juden gelöst werden, es muss im Interesse der Nicht-Juden liegen, ihn zu lösen."

Die beiden Journalistenverbände dju in ver.di und djv, die die meisten der rund 70.000 Journalisten in Deutschland vertreten, wehren die Kritik des Simon Wiesenthal Centers dagegen ab. Dass sich gerade die deutschen Kollegen besonders eifrig in der Kritik Israels üben und dabei, bewusst oder unbewusst, antisemitische Denkmuster verwenden, sei eine absurde und nicht zu belegende Behauptung, sagt Cornelia Haß, Bundesgeschäftsführerin der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union innerhalb der Gewerkschaft ver.di.

Cornelia Haß: "Es gibt für mich kein Indiz, keinen Beleg. Niemand kann mir hier eine Mappe auf den Tisch legen und nachweisen, dass über Israel mehr oder in einem kritischeren Ton berichtet wird als beispielsweise über Russland unter Putin, über die Auseinandersetzungen, die wir in Syrien derzeit erleben. Ich kann keine weit verbreiteten antisemitischen Strömungen oder Tendenzen seitens der deutschen Presse erkennen."

Deutsche Journalisten haben die Fähigkeit zur Selbstkritik

Schließlich hätten Gewerkschafter selbst im Nationalsozialismus zu den Opfern gezählt und bis heute allen Grund, sich mit rassistischem und antisemitischem Gedankengut kritisch auseinanderzusetzen. Auch Hendrik Zörner, Pressesprecher beim Deutschen Journalisten Verband hält die Vorwürfe für substanzlos.

Hendrik Zörner: "Natürlich gibt es diese stereotypen Denkmuster. Aber diese stereotypen Denkmuster bestimmen nicht den Journalismus in Deutschland. Und es wäre auch verheerend, wenn es so wäre. Journalisten sind sehr wohl in der Lage zu einem differenzierten Bild des Staates Israel und seiner Politik. Ich erkenne nicht, dass es da nur noch mit Klischees für oder gegen Israel vonstatten geht."

Vor allem zeichneten sich die deutschen Journalisten mit ihrer Fähigkeit zur Selbstkritik aus. Insofern müsste auch die Forderung des Hamburger Politikwissenschaftlers Matthias Küntzel bei den deutschen Journalistenverbänden auf offene Ohren stoßen, nach der Augstein-Debatte jetzt erst recht wachsam zu sein.

Matthias Künzel: "Hier geht es nicht nur um den Umgang der Deutschen mit ihrer Geschichte. Es geht auch um die Frage, welche Haltung dieses Land angesichts der Bedrohung Israels durch den globalen Antisemitismus einzunehmen gedenkt. Ich hoffe, nein ich fordere, dass die eigentliche Diskussion über Journalismus und Antisemitismus beginnt."

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