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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 14.11.2009

Sterben, um Leben zu retten

Organspende

Gäste: Dr. Vera Kalitzkus, Ethnologin an der Privaten Universität Witten/Herdecke und Prof. Dr. Günter Kirste, Transplantationsmediziner und Medizinischer Vorstand der Deutschen Stiftung Organtranspla

Zweidrittel der Deutschen wären bereit, ihre Organe zu spenden, aber nur wenige besitzen einen Spendeausweis. (Uni Tübingen)
Zweidrittel der Deutschen wären bereit, ihre Organe zu spenden, aber nur wenige besitzen einen Spendeausweis. (Uni Tübingen)

Fast 12.000 Menschen in Deutschland warten auf ein Spenderorgan, doch nur jeder dritte Patient erhält ein neue Niere oder ein neues Herz und damit die Chance, weiterzuleben. Jeden Tag sterben drei Menschen, die vergeblich gewartet haben.

Auf den Listen stehen rund 12.000 Namen, darunter 10.000 Dialysepatienten, die eine neue Niere benötigen. Doch trotz unermüdlichen Werbens ist die Spendebereitschaft in Deutschland gering.

Zwar wären Zweidrittel der Deutschen bereit, ihre Organe zu spenden, 85 Prozent würden eine solche Spende auch im Notfall annehmen. Trotzdem haben lediglich 17 Prozent einen Organspendeausweis.

Prof. Dr. Günter Kirste kennt diese Zahlen und die damit verbundenen Schicksale aus seiner täglichen Praxis. Der ehemalige Leiter der Transplantationschirurgie an der Universitätsklinik in Freiburg ist seit 2004 der Medizinische Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO), der zentralen Koordinationsstelle für Transplantationen in Deutschland.

Er trägt seinen Spendeausweis immer bei sich, er versteht aber auch die Zögerlichkeit vieler potentieller Spender:

"Es ist schön, wichtig und gut, wenn jemand einen Ausweis hat, aber wichtiger ist, dass in den Familien darüber gesprochen wird. Es gibt eine Hemmung bei den Menschen, sich schriftlich festzulegen, das verstehe ich auch. Das ist ähnlich wie bei einem Testament. Wichtiger ist, was die Leute darüber denken."

Und dass sie diesen Wunsch ihren Angehörigen bereits zu gesunden Zeiten eindeutig mitteilen, damit diese im Ernstfall den Ärzten auf der Intensivstation eindeutig Auskunft geben können.

Viele Angehörige seien – wenn kein Ausweis vorliege – überfordert, eine Entscheidung zu treffen, ob dem Verstorbenen Organe entnommen werden dürfen oder nicht. Daher sei es wichtig, dass ausgebildete Fachleute mit den Angehörigen reden.

"Das ist eine Mischung aus rationalen Elementen und emotionalen Dingen. Natürlich brauchen die Menschen eine emotionale Unterstützung. Sie haben gerade erfahren, dass ihr Angehöriger gestorben ist, da brauchen sie, dass man zu allererst Mitgefühl hat. Dann aber kommt der Punkt, umzuschalten auf das Rationale."

Dann müsse erklärt werden, dass der Tod festgestellt worden sei, der Hirntod – und auch das verlange die richtigen Worte.

"Am Ende kommt der emotionale Faktor, zu erfahren, wie stand der Mensch in seinem sozialen Gefüge. Wenn der Mensch einen Spendeausweis hat, dann ist das klar. Wenn nicht, dann müssen sie darüber reden: War er sozial engagiert? War er einer, der sich um andere gekümmert hat, dann wird es ihm vielleicht recht sein."

Warum finden wir Organspenden prinzipiell richtig und schrecken dennoch davor zurück?

Diese Frage hat die Ethnologin Vera Kalitzkus von der Privaten Universität Witten / Herdecke zum Ausgangspunkt ihrer mehrjährigen Studie gemacht, in der sie Angehörige von Organspendern und Empfänger befragte. Die Ergebnisse hat sie in einem beeindruckenden Buch zusammengefasst: "Dein Tod, mein Leben", das gerade im Suhrkamp-Verlag erschienen ist.

"Ich sehe einen Informationsbedarf insbesondere darin, was auf die Angehörigen auf der Intensivstation zukommt. Dazu gehört, dass der Hirntod dazu führt, dass der Verstorbene als 'lebender Leichnam' erhalten wird, dass aufgrund der Transplantation medizinische und pflegerische Maßnahmen ergriffen werden müssen. Er wird weiter beatmet, gegebenenfalls werden Medikamente gegeben, er wird gepflegt, gewaschen, gedreht. Die Angehörigen sehen einen Patienten, der sich – rein äußerlich – nicht von einem Koma-Patienten unterscheidet. Der Tod ist sinnlich nicht wahrnehmbar. Dadurch sehen sie sich einem Menschen gegenüber, der den Eindruck vermittelt, 'gleich macht er die Augen auf und alles ist gut'."

Viele Angehörigen empfänden es als belastend, sich nicht in Ruhe von dem Verstorbenen verabschieden zu können. "Sie haben das Gefühl, das da etwas offen geblieben ist, 'Ich habe ihn in der letzten Phase allein gelassen'."

Wer ehrlich über das Thema Organsspende informieren wolle, müsse auch diese belastenden Begleitumstände thematisieren. Der Werbeslogan "Leben schenken" sei nur eine Seite der Medaille.

"Das ist die Frage, wie wir den Tod verstehen können, was er ist – letztlich dieser Übergang. Die Tatsache, dass unser Leben fragil und endlich ist, auf beiden Seiten, der des Spenders, aber auch des Empfängers. Was beide Seiten verbindet, ist ja diese Seite der Sterblichkeit. Deswegen trifft auch der Begriff des 'geschenkten Lebens' nicht zu."

Ohne eine Auseinandersetzung mit dem Thema Tod, der beide - Spender und Empfänger schicksalhaft verbinde - fehle eine unerlässliche Information. "Das ist die Crux. Und sie liegt der Transplantation zugrunde, weil sie so unentrinnbar vom Tod eines Menschen abhängt – da kommen wir nicht herum."

"Sterben, um Leben zu retten – Organspende"
Darüber diskutiert Gisela Steinhauer heute von 9 Uhr 05 bis 11 Uhr mit der Ethologin Dr. Vera Kalitzkus und dem Transplantationsmediziner Prof. Dr. Günter Kirste. Hörerinnen und Hörer können sich beteiligen unter der kostenlosen Telefonnummer 00800 / 2254 2254 oder per E-Mail unter gespraech@dradio.de.

Informationen zum Thema Organspende im Internet unter:
www.dso.de

Literaturhinweis:
Vera Kalitzkus, "Die Tod, mein Leben. Warum wir Organspenden richtig finden und trotzdem davor zurückschrecken", Suhrkamp Taschenbuch 2009

Im Gespräch

Autor Yosef SimsekVom Alptraum zwischen den Kulturen
Yosef Simsek (Erhat Simsek )

Yosef Simsek wuchs zwischen zwei Welten auf und hat seine Kindheit nun in einem Buch verarbeitet. Er schreibt darüber, wie es ist, als arabisch-türkischer Jugendlicher in Deutschland aufzuwachsen - und mit 14 seinen Vater anzuzeigen. Mehr

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