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Thema / Archiv | Beitrag vom 29.01.2014

Sterbehilfe"Verschärfte Strafgesetze lösen nichts"

Philosoph Michael Quante über "personales Leben" und assistierte Suizide

Moderation: Stephan Karkowsky

Professor Michael Quante (dpa picture alliance/ WWU Münster)
Michael Quante erhält den erstmals verliehenen Deutschen Preis für Philosophie und Sozialethik. (dpa picture alliance/ WWU Münster)

Philosoph Michael Quante arbeitet seit Jahren an der Frage, was es heißt, ein biologischer Mensch bzw. ein emotionales und selbstdenkendes Wesen zu sein. Er spricht sich gegen eine Verschärfung der Gesetze aus, hält aber Kontrollinstanzen beim Thema Sterbehilfe für wichtig.

Stephan Karkowsky: Der deutsche Preis für Philosophie und Sozialethik wird alle drei bis fünf Jahre verliehen von der Max-Uwe-Redler-Stiftung in Hamburg. Er geht an Wissenschaftler, die in deutscher Sprache Bedeutendes zu Sozialphilosophie und Sozialethik veröffentlicht haben. Die Preisträger sollten das Alter von 50 Jahren nicht wesentlich überschritten haben, so hat es der Stifter verfügt. Heute Abend wird der Preis erstmals verliehen; er geht an den Münsteraner Philosophieprofessor Michael Quante. Herr Quante, guten Morgen!

Michael Quante: Ich grüße Sie!

Karkowsky: Wie geht es Ihnen denn so vor dem großen Moment?

Quante: Die Anspannung steigt langsam. Es ist für mich ja auch eine neue Erfahrung, und ich freue mich natürlich riesig, und ich hoffe, dass alles so, wie ich mir das zurechtgelegt habe und vorgestellt habe, auch halbwegs funktioniert.

Karkowsky: Die Jury sagt, sie möchte mit dem Preis die große Relevanz Ihrer Forschung würdigen. In Ihren Büchern geht es viel um den menschlichen Tod und die Menschenwürde und damit auch immer um aktuelle Themen, wie das selbstbestimmte Sterben, Patientenverfügungen oder die Präimplantationsdiagnostik. Und immer wieder taucht dabei ein Begriff auf, nämlich das personale Leben. Was ist damit gemeint?

"Wir sind zugleich auch endlich in der Zeit"

Quante: Das stimmt. Die Frage, was es heißt, dass wir Menschen versuchen, Personen zu sein, ist eine meiner zentralen Fragen in der Philosophie. Erst mal kann man sagen: Wenn man über einen Menschen berichtet, schreibt man eine Biografie; wenn er über sich selber erzählt, kann er eine Autobiografie schreiben. Das bedeutet, dass wir ein Wesen sind, das versucht, eine Sinnstruktur in seinem Leben zu haben, das sich über die Zeit hinweg begreift, nicht nur im Augenblick lebt. Zugleich sind wir als Menschen auch Teil einer biologisch-materiellen Wirklichkeit. Wir sind nicht nur geistige autonome rationale Wesen, sondern emotionale Wesen, leibliche, körperliche Wesen.

Wir sind also zugleich auch endlich in der Zeit. Wir fangen irgendwann an zu existieren, wir hören auf zu existieren. Wir haben ein Bewusstsein dieser Endlichkeit, und daraus ergeben sich jede Menge Probleme, die wir in der Welt lösen müssen, vom Laufenlernen und dem Selbstständig-Nahrung-zu-sich-nehmen wie später, mit den abnehmenden Lebenskräften immer noch ein möglichst selbstbestimmtes Leben zu führen, bis hin zu den Sinnfragen, der Frage, ob Endlichkeit das letzte Wort ist oder nicht. Und wie all diese Sachen zusammenhängen, das treibt mich um, und für diese spezifische Weise, in der Zeit und als ein sich in der Zeit sinnhaft entfaltendes menschliches Wesen, dafür steht der Begriff personales Leben.

Karkowsky: Gibt es denn für Sie auch Menschen, die kein personales Leben haben, etwa Demenzkranke?

Quante: Ich nehme mal einen klaren Fall. Ein irreversibel komatöser Mensch, der keinerlei Zeit- und Bewusstseinsleistung mehr hat. Oder ein sechs, sieben Monate altes menschliches Leben, in dem so etwas wie Selbstbewusstsein und Zeitbewusstsein, Sprachfähigkeit noch nicht ausgebildet sind, sind in dem Sinne, wie ich gerade Personalität definiert habe, noch keine personalen Wesen. Dazu muss man aber dazu sagen, dieses Wort Person wird in anderen Kontexten auch verwendet, nicht, um diese komplizierten Eigenschaften und Fähigkeiten, die ich gerade angedeutet habe, zu bezeichnen, sondern zu sagen, hier haben wir es mit einem moralisch besonders ausgezeichneten, schutzwürdigen Wesen zu tun.

Und diese beiden Verwendungen des Begriffs sind nicht immer deckungsgleich. Bei den Demenzfällen, da kommt es sehr darauf an, wie hochgradig das ist, wie viele Dinge nicht mehr möglich sind, wie weit fortgeschritten Demenzen sind. Und das sind die Grenzbereiche unseres Begriffs von Personsein. Und ich habe in der Philosophie gelernt, dass man den Begriff erst mal von den klaren Fällen her und nicht von den Rändern her definiert. Und es ist ganz wichtig, gerade weil es so ein sehr umstrittenes Gelände ist, diese Fragen auch von der Frage mit dem richtigen ethischen Umgang mit Menschen zu unterscheiden.

"Personales Leben, da steht Leben für das Biografische"

Karkowsky: Kann man denn Menschen ohne personales Leben überhaupt töten?

Quante: Ein irreversibel komatös, aber stabil lebender Mensch kann natürlich getötet werden, aber Sie meinen, darf man ihn töten, vermutlich?

Karkowsky: Ich meine eigentlich beides. Ist er nicht eigentlich schon tot, wenn Sie sagen, er hat kein personales Leben?

Quante: Nein. Der Begriff 'Leben', bezogen auf den Menschen, meint das organismische Leben, nicht das geistige Leben. Das ist eine dieser Mehrdeutigkeiten. Also, deswegen, personales Leben, da steht Leben für das Biografische. Menschliches Leben würde für mich dann erst mal das ausmachen, was natürlich auch schon vor der Bewusstseinsbildung in einer Schwangerschaft in den ersten Lebenswochen, -monaten passiert.

Karkowsky: Das Biologische.

Quante: Das Biologische eben. Und der Begriff des Tötens bezieht sich auf das Ende des biologischen Lebens, und da kann man natürlich auch Wesen töten, die nicht Personen sind. Das gilt für ganz viele Lebewesen, die eben nicht zur Gattung Mensch gehören.

Karkowsky: Sie hören den Münsteraner Philosophieprofessor Michael Quante, der heute Abend einen bedeutenden Preis bekommt, den Deutschen Preis für Philosophie und Sozialethik, der zum allerersten Mal verliehen wird. Herr Quante, wir sind ja bereits mittendrin in der Diskussion, die bald den Bundestag beschäftigen soll: Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe hat angekündigt, er würde gern die Gesetze zur Sterbehilfe verschärfen. Dabei ist ja assistierter Suizid heute bereits verboten in Deutschland, die Beihilfe zum Freitod dagegen nicht - wenn ich also jemandem Tropfen oder Pillen besorge, mit denen er sich umbringt. Wie geht es Ihnen denn mit diesem Thema? Brauchen wir neue Gesetze?

Quante: Ich bin nicht ganz sicher, ob sie gerade assistiert meinten oder aktiv, was verboten ist?

Karkowsky: Aktive Hilfe.

Quante: Ja. Ich hab schon 1987 und '89 in Publikationen dafür plädiert, dass ich nicht glaube, dass die aktive Sterbehilfe in jedem Fall ethisch falsch ist. Insofern würde ich Herrn Gröhe recht geben, dass diese Gesetzesgrundlage novelliert werden muss. Ich würde dann aber in diesem Diskussionsprozess vermutlich auf der anderen Seite stehen und denken, dass wir keine Verschärfung brauchen, sondern endlich eine vernünftige Regelung, die nicht tabuisiert und kriminalisiert, sondern das, was ein selbstbestimmtes Sterben in einer demokratischen Gesellschaft sein kann, ermöglicht.

Also da bin ich der Meinung mit ihm, es gibt Handlungsbedarf seit 30 Jahren, und der sollte nicht in die Richtung gehen, die er offensichtlich andeutet, die er, glaube ich, auch deswegen andeutet, um eine immer weiter um sich greifende gesellschaftliche Debatte von oben her zu stoppen. Das wird einfach nicht funktionieren. Das hat schon nicht funktioniert bei den Patientenverfügungen, das wird in anderen Bereichen nicht gehen. Die Menschen werden sich auch, wie das Beispiel Präimplantationsdiagnostik gezeigt hat, sie werden sich da nicht durch Strafgesetze entmündigen lassen, und das ist auch aus meiner Sicht der richtige Schritt. Obwohl wir dann viele Probleme regeln müssen und mit der neuen Verantwortung vernünftig umgehen müssen. Verschärfte Strafgesetze, das ist leider in manchen Kreisen innenpolitisch ein gern genommenes Mittel, lösen nichts.

Karkowsky: Befürworter der aktiven Sterbehilfe führen als Argument immer gern die menschliche Autonomie und Selbstbestimmung an. Das sei eins unserer höchsten verfassungsmäßigen Rechte, die Selbstbestimmung. Ist die Autonomie für Sie immer ein positiver Wert, oder kann es auch sein, dass zu viel Autonomie uns dazu drängt, mal auch das Falsche zu tun?

"Es muss natürlich Kontrollinstanzen geben"

Quante: Ja. Wenn falsch heißt, moralisch falsch, dann geht das gar nicht, ohne dass wir autonom sind. Wenn falsch heißt unklug, dann kann das auch sein, natürlich.

Karkowsky: Also müssen wir geschützt werden vor uns selbst, wenn wir den Wunsch äußern, dass wir sterben wollen?

Quante: Nein, das ist zu schnell gedacht. Es muss natürlich Kontrollinstanzen geben, und es gibt vermeintlich gute Entscheidungen, wo man sich selbst ja auch - aus dem eigenen Leben kennt man das - nachher an den Kopf fasst, wie man das hat glauben können, dass das eine gute Entscheidung war. Und da braucht man Hilfe und Rat, Kontrolle - vielleicht auch Bedenkzeit. Trotzdem glaube ich, dass Autonomie ein zentraler Wert ist, den wir nicht ohne gute Gründe, und schon gar nicht kategorisch-prinzipiell in bestimmten Bereichen einfach ausblenden dürfen. Damit vereinbar ist aber, dass wir sehr hohe Schutzwälle bei der Ausübung von Autonomie, Kontrollmechanismen, Prüfverfahren und so weiter einziehen.

Und vor allem heißt das nicht, wenn man sagt, positiver Wert - es ist manchmal sehr belastend, seine eigene Autonomie nicht einfach zu delegieren, sondern auszuüben. Das ist nicht immer leicht. Aber wenn der Begriff Menschenwürde überhaupt einen Sinn macht aus meiner Sicht, dann ist es diese Würde, gerade die Verantwortung, die mit Autonomie einhergeht, auch auszuhalten und vor ihr nicht die Augen zu verschließen, als Grundeinstellung. Im zweiten Schritt, glaube ich, wir sind soziale Wesen, und wir tun gut daran, in schwierigen Entscheidungen uns Dinge aus verschiedenen Perspektiven anzuhören. Und wir kennen auch schwierige Situationen, wo es als Gesellschaft wichtig ist, Verfahren zu etablieren, die Menschen vor Kurzschlusshandlungen schützt.

Karkowsky: Sie sind auch Präsident der Deutschen Gesellschaft für Philosophie. Sie nehmen heute Abend diesen Preis entgegen. Damit steht natürlich auch die Gesellschaft für Philosophie im Mittelpunkt. Gefällt Ihnen eigentlich, wie die Philosophie in Deutschland sich darstellt, wie sie wahrgenommen wird, gerade bei diesen aktuellen Themen? Da diskutieren Hirnforscher mit, die Biomediziner, die Genetiker. Was würden Sie sagen, ist das Originäre, was die Philosophie für diese Debatten leisten kann?

Quante: Ja, das sind zwei oder drei Fragen. Ich glaube, wenn man die letzten 20, 30 Jahre sich anguckt, dass die Philosophie sich sehr geöffnet hat für diese gesellschaftlichen Fragen, dass sie sehr gut eingebunden ist in interdisziplinäre Forschungskontexte. Viele dieser Fragen können wir natürlich nicht alleine beantworten, können aber auch Mediziner ohne Philosophen nicht beantworten. Das sieht man jetzt wieder bei der Frage Hirntod als Tod des Menschen oder nicht. Das ist keine rein medizinische, keine rein naturwissenschaftliche Frage. Es wirft viele andere Probleme auf, die man auch mit der Philosophie zusammen diskutieren muss.

Karkowsky: Heute Abend bekommt er den Deutschen Preis für Philosophie und Sozialethik verliehen von der Max-Uwe-Redler-Stiftung in Hamburg - der Münsteraner Philosophieprofessor Michael Quante. Herr Quante, Ihnen Dank für das Gespräch!

Quante: Ich danke Ihnen für die Gelegenheit!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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