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Interview / Archiv | Beitrag vom 28.07.2014

Sterbehilfe"Selbsttötung ist kein Akt der Freiheit"

CDU-Politiker Michael Brand lehnt assistierten Suizid ab

Michael Brand im Gespräch mit Dieter Kassel

Eine junge Hand hält eine alte Hand (picture alliance / dpa / Oliver Berg)
Eine junge Hand hält eine alte Hand (picture alliance / dpa / Oliver Berg)

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Michael Brand setzt sich für ein Gesetz gegen organisierte Sterbehilfe ein. Diese sei in seinen Augen eine "menschliche Kapitulation".

Dieter Kassel: Das Thema Sterbehilfe beschäftigt uns an diesem Morgen hier in "Studio 9" im Deutschlandradio Kultur. Nachdem wir gerade in unserer Reportage zwei konkrete Beispiele gehört haben – einmal eines Mannes, der sterben wollte und dem nicht in der von ihm gewünschten Form geholfen werden konnte, und das Beispiel eines ehemaligen Arztes, der Sterbehilfe leistet – wollen wir jetzt die politische Seite betrachten.

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe will jede Form der organisierten Sterbehilfe in Deutschland verbieten, und er möchte das am liebsten nicht nur mit den Stimmen der Regierungskoalition machen, sondern eine breite parteiübergreifende Allianz schmieden. Genau das will Michael Brand auch. Der CDU-Bundestagsabgeordnete koordiniert das Vorgehen, das zu einem entsprechenden Gesetzentwurf führen soll, aufseiten der Unionsfraktion. Schönen guten Morgen, Herr Brand!

Michael Brand: Schönen guten Morgen!

Kassel: Wenn Sie diesen Mann, diesen Heinrich, als er noch lebte, vor sich gehabt hätten, und er hätte, wie wir das vorhin gehört haben, den Wunsch geäußert, dass man ihm beim Sterben hilft, was hätten Sie dem gesagt?

Brand: Also natürlich macht einen so eine Situation betroffen. Es ist ein ganz sensibles Thema, wenn's um Leben und Tod geht. Was mich hoffnungsfroh stimmt, sind die Palliativmediziner, die auch in Ihrem Bericht vorkamen, und das ist auch meine Erfahrung, die ich gemacht habe in vielen Gesprächen mit Medizinern, die die Schmerztherapie beherrschen, die sich dort engagieren, dass sie die allermeisten Todeskandidaten von der Chance des Weiterlebens überzeugen können.

Ich habe das auch in der eigenen Familie erlebt, wo mein Schwiegervater, der Todesängste hatte zu ersticken, mit einem einfachen Medikament diese Angst genommen werden kann. Und deswegen, glaube ich, sollten wir die Diskussion auch nutzen, darauf hinzuweisen, welche Alternativen gibt es über die Palliativmedizin, über die Hospizbewegung, über die Zuneigung. Ich glaube, das ist ein ganz starkes Argument, Ängste zu nehmen, denn ich glaube auch, ganz viele Menschen, die einen Todeswunsch haben, haben die Angst, dass sie am Ende des Lebens, wenn es ihnen schlecht geht, keine Hilfe bekommen würden, dass ihnen keiner beisteht.

Bessere Begleitung in den letzten Lebensstunden

Und ich will auch sagen, viele von denen, die wir in der öffentlichen Debatte haben, nämlich die Todeskranken, die am Ende des Lebens sind, das übersieht, dass die Mehrheit derjenigen, die einen Suizid begehen oder einen Suizidversuch, nicht die Sterbenskranken sind, sondern diejenigen, die psychisch erkrankt sind, die sich alleine gelassen fühlen. Und das ist die große Herausforderung. Und deswegen wollen wir im Übrigen bei diesem Gesetzentwurf nicht allein das Strafrecht bemühen, das wäre viel zu kurz gesprungen, sondern wir wollen vor allen Dingen auch die Palliativmedizin ausbauen, die Hospizarbeit stärken.

Kassel: Dagegen kann, glaube ich, auch niemand ernsthaft was haben, Herr Brand, aber alle Experten sagen, dass auch in den schon jetzt gut organisierten Krankenhäusern und Hospizen, wo wirklich sowohl medizinisch, also körperlich-medizinisch, als auch psychologisch alles, was möglich ist, getan wird für Todkranke, dass es da immer noch eine wenn auch geringe Menge an Menschen gibt, die sagen, ich möchte trotzdem sterben, warum wollen Sie denen dieses Recht verweigern?

Brand: Also das gibt es natürlich, und das ist auch ein Schicksal für jeden Einzelnen, der keinen anderen Ausweg sieht. Aber ich glaube, es wäre eine menschliche Kapitulation, wenn man sich alleine auf die konzentrieren würde, die durch eigene oder fremde Hand sterben wollen und die vielen übersieht, die an der Hand anderer sterben möchten und nicht durch die Hand. Und deswegen glaube ich, müssen wir uns Gedanken machen, wie auch die bessere Verzahnung stattfinden kann in den letzten Lebensstunden, zum Beispiel an den Krankenhäusern, an den Pflegeeinrichtungen.

Aber Sie dürfen eins nicht übersehen, und da bekomme ich ganz, ganz viele Briefe in diesen Tagen und Wochen: dass es viele Menschen gibt, die auch einen Druck spüren. Franz Müntefering hat das genannt eine gefährliche Melodie. Nämlich diejenigen, die sagen, die schwach sind, die alt sind, dass sie sagen, auf uns wird ein Druck ausgeübt, einen gleichen Weg zu gehen, weil wir lästig geworden sind – und die Entwicklung in anderen europäischen Ländern zeigt das ja. Sie haben in den Niederlanden ein Recht, Töten auf Verlangen. Sie haben in den Belgien in den letzten Monaten erlebt, dass es einen weltweiten Tabubruch gegeben hat, dass mittlerweile Kinder unter die Sterbehilfe fallen, dass man dort die Initiative ergriffen hat, auch die Demenzkranken unter die Sterbehilfe fallen lassen zu wollen. Und das muss man sehen, das ist keine Entwicklung, die von heute auf morgen stattgefunden hat, sondern es ist scheibchenweise ein Infragestellen des Lebens, und davor müssen wir uns auch hüten.

Tod aus Tabuzone holen

Und wir müssen uns vor der Illusion hüten, dass die Selbsttötung als Akt wahrer Freiheit hier gewertet wird. Das ist sie nicht, sondern das sind Menschen, die in Not sind, denen man Hilfe bieten muss. Und darüber müssen wir diskutieren, und das wollen wir auch mit der Diskussion, nämlich den Tod aus der Tabuzone zu holen, darüber zu sprechen, wie sehen Alternativen aus, über Patientenverfügung oder auch auf lebensverlängernde Maßnahmen zu verzichten. Denn wahr ist: Leidenslinderung ist in Deutschland ein einklagbares Patientenrecht.

Kassel: Aber – Sie haben uns gerade ja Ihren eigenen Gesundheitsminister zitiert, mit dem Selbstmord, aber ich glaube Ihnen gerne, dass Sie das genauso sehen ... Aber wenn Sie all das sagen, wäre es nicht eine bessere Lösung, Palliativmedizin, gesellschaftliche Diskussion, all das so weit zu bringen, dass sie sich darauf verlassen können, die, die dann immer noch übrig bleiben, die wollen wirklich aus persönlicher Überzeugung bei klarem Verstand sterben, und die müssen wir dann auch lassen.

Brand: Also ich halte das für falsch. Die Ausnahmen können nicht rechtfertigen eine gesetzliche Erlaubnis, den gewerbsmäßigen, geschäftsmäßigen oder die organisierte Beihilfe zur Selbsttötung in Deutschland zuzulassen.

Kassel: Kurze Zwischenfrage: Wo wäre denn da die Grenze? Wir haben vorhin den Arzt gehört, den pensionierten Urologen, der ja Beihilfe leistet. Das ist ein einzelner Mann, aber er tut's ja trotzdem recht regelmäßig. Wäre das schon ...

Brand: Er tut es organisiert, und deswegen wollen wir das, was Herr Arnold tut, auch verbieten. Ich frage Sie mal zurück: Wo ziehen Sie eigentlich die Grenze? Wo ziehen Sie die Grenze, wann Leben noch lebenswert ist oder wann nicht?

Kassel: Ich würde es gerne selber entscheiden, und mir wäre es lieb, wenn ich dann auch keine Organisation bräuchte, sondern wenn mein eigener Arzt mir helfen dürfte.

Ärzteschaft fürchtet um ihren Ruf

Brand: Die Wahrheit ist natürlich, dass die Ärzteschaft – nehmen Sie die Bundesärztekammer, auch die Landesärztekammer – das, was wir vorgeschlagen haben, nämlich den organisierten Bereich zu verbieten, erklärt haben, dass wir offene Türen bei ihnen einrennen, weil sie sagen, wir wollen nicht in den Ruf kommen, die Ärzteschaft, dass wir nicht hin zum Leben arbeiten würden.

Kassel: Aber Sie können natürlich niemanden daran hindern, egal welche Gesetze Sie erlassen, ins Ausland zu gehen. Und Sie kennen den Fall von Anne Schneider, der Frau des Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, die gesagt hat, sie ist krebskrank, die gesagt hat, dass sie das in Erwägung zieht, in der Schweiz bei Dignitas oder einem anderen Verein zu sterben. Kann das die Lösung sein, dass Menschen, die den starken Willen haben, es zu tun, dann in einem fremden Land sterben müssen?

Brand: Ja, Sie sollten, Herr Kassel, aber auch erwähnen, dass der Mann gesagt hat, dass er mit seiner Frau das diskutieren möchte. Und er möchte ...

Kassel: Und dass er mit will, gegen seine Überzeugung.

Brand: ... dass sie eine Alternative geht, dass sie diesen Weg nicht geht. Weil ich glaube, dass gerade der Fall Schneider auch zeigt, dass wir darüber sprechen müssen, was es für Möglichkeiten in Deutschland gibt. Frau Schneider spricht davon, dass sie die Schmerzen nicht haben möchte, und ich behaupte, dass aus Deutschland niemand in die Schweiz fahren muss, um die Schmerzen lindern zu müssen. Das kann man hier tun.

Kassel: Ich sage Ihnen noch eine Zahl jetzt am Schluss, die kennen Sie auch: In einer repräsentativen Umfrage haben 70 Prozent der Deutschen gesagt, dass sie sich – das muss man ganz genau formulieren – die Möglichkeit der aktiven Sterbehilfe wünschen. Ich glaube nicht, dass 70 Prozent sie in Anspruch nehmen wollen, unter welchen Umständen auch immer, aber es scheint ihnen wichtig zu sein, dass das nicht grundsätzlich verboten wird. Hat man da als Politiker das Recht zu sagen, die belehren wir?

Menschen kommen sich als Last vor

Brand: Also erstens muss man die Umfrage infrage stellen, weil dass Menschen gefragt werden, die nicht in dieser konkreten Situation sind – über 70 Prozent, Sie haben es erwähnt ... Wenn ich ins Gespräch komme mit vielen in diesem Bereich, sagen viele Menschen, die sich mit dem Thema noch nicht so sehr auseinandergesetzt haben, eigentlich meinen sie nicht die aktive Sterbehilfe – das, was woanders möglich ist in Europa, nämlich den Giftcocktail und die Spritze wie bei EXIT –, sondern sie wollen die Zuneigung am Ende des Lebens haben. Sie wollen die Hand gereicht bekommen beim Sterben, aber nicht, dass die Hand angelegt wird. Und das nehme ich sehr, sehr ernst, dass ganz viele Menschen sich in dieser Diskussion melden, dass sie sich als Last vorkommen. Wenn die Diskussion so geführt wird, dass im Grunde genommen es eine ganz normale Behandlungsoption ist, aus dem Leben auszuscheiden, dass andere für einen entscheiden, wann es denn Zeit ist zu gehen.

Und ich sag noch mal: Die Alarmsignale, die wir jetzt auch aus Belgien, aus den Niederlanden sehen, auch die Diskussion, dass Demenzkranke unter Sterbehilfe fallen sollen, dass Kinder in eine Situation gebracht werden, in schwieriger Lage zu entscheiden, ob sie noch leben wollen oder nicht, das graut mir. Und deswegen sage ich Ihnen, sollten wir über Alternativen sprechen, um Menschen zu helfen und Ihnen nicht den süßen Tod zu versprechen und einen schnellen Ausgang. Und die Palliativmediziner in Ihrem Beitrag, die haben es doch gesagt, das ist das, was ich auch in der Diskussion mit den Ärzten erfahre, dass dann die allermeisten Todeskandidaten, wenn ihnen eine Alternative geboten, wenn ihnen Zeit gegeben wird, wenn ihnen die Hand gereicht wird, dass dieser Wunsch zu sterben am Ende auf null geht.

Kassel: Herr Brand, ich würde das gerne bei anderer Gelegenheit mit Ihnen vertiefen, für heute sage ich herzlichen Dank!

Brand: Danke schön!

Kassel: Das war der CDU-Politiker und Bundestagsmitglied Michael Brand zu diesem Thema. Und wir werden das vertiefen, wenngleich nicht mit ihm, morgen früh wieder um die gleiche Zeit.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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