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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 27.07.2015

Steigender Fischbestand Kein Segen für die Fischer

Von Lutz Reidt

Fischerboot vor Warnemünde, Mecklenburg-Vorpommern (imago)
Fischerboot vor Warnemünde, Mecklenburg-Vorpommern (imago)

Der Fischbestand in Nord- und Ostsee hat sich wieder erholt. Für die Fischer kein Grund zur Freude: Sie fangen mehr, als sie verkaufen können - auch weil billiger Pangasius den Markt überschwemmt und die Klimaerwärmung die Makrele bis nach Grönland treibt.

Pechschwarz ist die mondlose Nacht, kein einziger Stern weist Thomas Koldevitz den Weg hinaus auf den Greifswalder Bodden. Macht nichts. Auf der kleinen Kommandobrücke seiner "Seeadler" hilft die Bordelektronik beim Navigieren.

Pünktlich um halb vier Uhr morgens hat die "Seeadler" den Hafen von Gager verlassen. Gager – im Südosten von Rügen gelegen – ist der Heimathafen des zehn Meter langen Kutters. Gebannt blickt Thomas Koldevitz nach Steuerbord auf ein kleines Display. Das Echolot lässt die Welt im achteinhalb Meter tiefen Bodden in bunten Farben leuchten: knallgrün der Grund, sattblau das Wasser und darin verteilt lauter Kleckse. Kleine gelbe und große rote:

"Umso roter der Punkt ist, umso größer ist die Konzentration vom Fisch, der Fischschwarm. Und wenn das nachher heller wird, nach außen hin, das Gelbe, was ringsum ist, das ist auch Fisch, aber im Endeffekt ist der Schwarm dünner. Da ist der Strahl dieser Funkstrahl, der vom Echolot weggeht unten, der löst das dünner auf. Und ein dicker roter Klecks ist eben ein dicker Fischschwarm."

Im Winter Hering, im Sommer Buntfisch

In Massen ziehen die Heringe im Spätwinter und Frühjahr aus der Ostsee zum Laichen in den Greifswalder Bodden. Etliche werden es jedoch nicht schaffen. Die Stellnetze von Thomas Koldevitz und den anderen Küstenfischern versperren ihnen den Weg. Die Heringssaison geht allmählich zu Ende. Thomas Koldevitz hat seine Quote bald abgefischt:

"Wir fangen an, wenn das Eis weg ist, im Februar mit dem Hering. Da habe ich meine 80 Tonnen, die ich fangen darf, EU-mäßig ist das vorgeschrieben. Wir müssen auch ein Fangtagebuch führen, jeden Tag: Wann, wo, wie, was du machst! Wie lange? Wie viel Kilo Fisch? Kontrollen kommen ständig von der Fischereiaufsicht. Die sind oft da. Auf dem Wasser. An Land auch. Ab Mai kommt Steinbutt, ein bisschen Hornhecht dazwischen, der mit den grünen Gräten, der Hornfisch. So, im Sommer Buntfisch: Plötze, Barsch, Hecht, Zander – das ist ein buntes Sortiment. Deswegen sagen wir unter Fischern: Buntfisch."

Ein buntes Allerlei, das Thomas Koldevitz aus dem Bodden und der küstennahen Ostsee zieht. Im Hochsommer prägt die Flunder sein Geschäft, später, im Herbst, folgt der Dorsch.
Vor allem Flundern gibt es reichlich, und auch dem Hering in der westlichen Ostsee geht es endlich wieder besser.

Heute wird "nachhaltiger" gefischt

Damit liegt der Silberschatz der Ostseefischer im Trend: Ob Hering oder Makrele, Kabeljau, Scholle oder Seezunge – viele Fischbestände haben sich in den letzten Jahren erholt, zumindest im Nordostatlantik mit seinen Randmeeren Nord- und Ostsee. Das freut deutsche Hochseefischer, die auf Makrele und Hering aus sind. Und auch Küstenfischer fangen so viele Schollen wie nie zuvor. Doch ihre Freude darüber ist getrübt: Sie können die vielen Plattfische gar nicht alle verkaufen. Und auch die Dorschfänger in der Ostsee haben Absatzprobleme.

Fischer Martin Lange schlachtet am 29.09.2011 mit einem Messer Dorsche. Mit seinem Kutter "FRE 34" läuft der Fischer derzeit jeden Tag bei Wind und Wetter von Barhöft bei Stralsund zum Dorschfang auf der Ostsee aus. (picture alliance / dpa / Stefan Sauer)Ein Fischer schlachtet mit einem Messer Dorsche. (picture alliance / dpa / Stefan Sauer)

Viel Fisch im Meer ist nicht immer ein Segen für die Fischer. Doch es ist ein Beleg dafür, dass die Fischerei – endlich – nachhaltiger ist als noch vor zehn Jahren. "Nachhaltig" bedeutet, vereinfacht ausgedrückt, dass in einem Jahr nicht mehr Fische eines Bestandes in den Netzen landen, als nach Einschätzung der Wissenschaftler in den Folgejahren an Jungfischen nachwächst. Dieser Weg zu mehr Nachhaltigkeit sei schwierig gewesen, sagt der Fischereibiologe Christopher Zimmermann:

"Wir hatten seit Anfang der 1990er Jahre die Vorgabe: Der Bestand muss so bewirtschaftet werden, dass er nicht in Gefahr gerät. Das ist also risikoabwehrend, heißt eben auch nur: Man kann so lange fischen, bis es nicht mehr genügend Elterntiere gibt. Nach dem Johannesburg-Abkommen von 2002 hat sich dieser Ansatz ein bisschen gewandelt, und wir versuchen nun, Bestände optimal zu bewirtschaften und sagen in der Folge: Die Bestände müssen viel größer sein. Sie werden aber auch nur dann nachhaltig bewirtschaftet, wenn sie in diesem optimalen Bereich sind. Das ist deutlich anspruchsvoller als der Vorsorgeansatz, den wir vorher hatten."

Und das habe sich gelohnt, meint der Leiter des Thünen-Instituts für Ostseefischerei in Rostock.

Fangquote mit Emergency-Exit

Auch die EU-Kommission stellt der Fischerei ein überwiegend gutes Zeugnis aus: Innerhalb von zehn Jahren ist der Anteil nachhaltig genutzter Bestände im Nordostatlantik und den Randmeeren gestiegen, von gerade mal sechs auf gut 60 Prozent. Diese Entwicklung wäre ohne ein so genanntes "Fischereimanagement" nicht möglich gewesen. Gesunde Fischbestände werden also "gemanagt". Und das geht so: Forscher bewerten die Gesamtsituation eines Bestandes und richten dabei ein besonderes Augenmerk auf die nachwachsenden Jungfische. Je nachdem, wie gut oder schlecht sich ein Bestand entwickelt, darf die Fangquote im Folgejahr nur in einem gewissen Rahmen nach oben oder unten abweichen:

"Das ist eigentlich eine gute Sache! Man sagt: Die Fangquoten des nächsten Jahres dürfen um nicht mehr als 15 Prozent von den Fangquoten diesen Jahres abweichen. Das gibt den Fischern die Stabilität, wenn sie zu ihren Banken zu gehen, um zu sagen: So schlimm kann´s nicht werden. Und gibt dem Bestand die Möglichkeit, sich auch zu erholen. Schwierig wird es in dem Moment, wo eine sehr ungewöhnliche Situation passiert, die wir in unserer Begutachtung nicht vorhergesehen haben, nämlich ein katastrophaler Einbruch der Nachwuchsproduktion. Dann können die Fangquoten nicht schnell genug reduziert werden. Deswegen haben alle neueren Managementpläne einen "Emergency-Exit", einen Notausgang: Wenn etwas ganz Ungewöhnliches passiert, kann man die Fangquoten mehr reduzieren."

Oder auch verdoppeln, wenn es plötzlich sehr viele Fische gibt. So vor einiger Zeit geschehen beim Hering in der Nordsee, der sich prächtig von seinem historischen Tief in den 70er-Jahren erholt hat. Gerade bei Schwarmfischen wie Hering und Makrele können die Nachwuchsjahrgänge unterschiedlich stark ausfallen. Das dogmatische Festhalten an einer starren 15-Prozent-Vorgabe wäre nicht immer sinnvoll. Die Fischer müssen halt lernen, mit dem natürlichen Auf und Ab der Bestände zu leben – in guten wie in schlechten Zeiten.

Management-Plan für den Hering ab 2016

Und schlechte Zeiten hat der Hering in der westlichen Ostsee gerade erst hinter sich. Bislang gibt es für diesen Bestand noch keinen Managementplan, der soll erst Anfang 2016 in Kraft treten. Höchste Zeit, denn die Fischer haben über Jahre hinweg mehr gefangen, als es die Wissenschaftler empfohlen hatten:

"Das führte deswegen dazu, dass der Bestand kurz in den roten Bereich geriet. Das hätten wir gerne verhindert, und das hätte aus unserer Sicht auch verhindert werden können, indem man die Fangquoten rechtzeitig reduziert hätte. Wir sind jetzt froh, dass die Fangquoten tatsächlich ausreichend reduziert wurden und der Bestand seit drei Jahren wieder anwächst und eben seit letztem Jahr den grünen Bereich wieder erreicht hat."

Thomas Koldevitz steuert seine "Seeadler" weiter durch die finstere Nacht im Greifswalder Bodden. Er blickt auf den Plotter mit der digitalen Seekarte. Auf hellblauem Grund leuchten rote Marken: die Stellnetze. Wie Gardinen schweben sie senkrecht im Wasser, rund vier Meter hoch und etliche hundert Meter lang.

"Alles wird teurer, nur der Fisch nicht"

Dass sich die Population des Herings endlich wieder gut entwickelt, sei
zwar schön, sagt der Rüganer Fischer. Doch auf seinem Konto merkt er wenig davon. Alles werde teurer, nur der Fisch billiger, klagt Koldevitz. Das große Geschäft macht nicht die Fischerei, sondern der Handel. Wie auch früher, zu DDR-Zeiten, kaufen vor allem dänische Händler die Heringe aus dem Bodden auf.

"Es geht hauptsächlich um den Rogen. Im Endeffekt geht es Dänemark und Holland nur um die Rogen-Gewinnung, die bringt ja Dollar genug. Im geheimen Päckchen wird das so ein bisschen gemacht. Im Endeffekt ist das ganz wichtig, deswegen wird das auch so aussortiert, der Rogen. Das Filet wird gefroren, gesäuert – je nachdem, wo´s hingeht. Und der Rogen wird extra im Kämmerchen verarbeitet, aber wie und was? Das weiß ich nicht genau."

Vor allem Asiaten schätzen den Heringskaviar aus der Ostsee. Thomas Koldevitz liefert nur den ganzen Fisch an den Zwischenhandel: "vmK" – voll mit Kopf. Der Ostseehering ist kleiner und nicht ganz so fettreich wie sein Verwandter aus der Nordsee. Deswegen lässt er sich nicht so gut zu Matjes verarbeiten, dafür aber zu Rollmops, Bismarck-Hering und vor allem zu Edel-Konserven. Die kleinen Filets sind dafür prädestiniert und ohne Konkurrenz. Allerdings diktiert der Handel mehr oder weniger den Preis der leicht verderblichen Ware.

"Es hieß immer: Wir brauchen euren Hering nicht, der Hering kann auch woanders herkommen. Aber man kommt immer auf den Ostsee-Hering zurück. Der Hering laicht ja im Greifswalder Bodden ab, das ist Hauptlaichgebiet für ihn. Und da wird er auch hauptsächlich gefangen, zu 90 Prozent, kann man sagen."

Kabeljau aus der Ostsee ist derzeit schwer verkäuflich

Das gelte leider nicht für den Dorsch, erzählt Thomas Koldevitz. Der Ostsee-Kabeljau lässt sich derzeit nur schwer verkaufen. Der Grund: Kabeljau in bester Qualität überflutet förmlich den Markt. In den Gewässern der norwegischen Barentssee werden fast eine Million Tonnen im Jahr gefangen. Das Überangebot drückt den Preis. Das spüren auch die heimischen Ostseefischer. An manchen Tagen bekommen sie nicht mal 70 Cent für ein Kilo Dorsch:

"Wir wissen nicht, wo wir mit hin sollen, es wird nicht abgenommen. Die Verarbeitung läuft nicht so sehr gut. Du kriegst nicht so viel Geld. Deutschland hätte hinter uns stehen müssen. Nein, was machen sie? Sie kaufen den Fisch, der irgendwo in einer Waschmaschine gefangen wird - diesen Pangasius zum Beispiel, wo sie sonst was machen, der Fisch wird uns angeboten, in Supermärkten und Geschäften. Aber das kann es ja auch nicht sein. Warum bieten sie nicht unseren Dorsch an, der hier gefangen wird? Oder eine frische Flunder und sonst was?"

Fangquote um 15 Prozent höher

Oder auch mal eine Scholle. Von diesen Plattfischen gibt es in der südlichen Nordsee mehr, als den Fischern lieb sein kann. Fischer witzeln, dass sie bald trockenen Fußes bis nach Helgoland laufen können, weil das Meer förmlich überquillt mit Schollen in rauen Mengen. Obwohl die Fangquoten für die Scholle jedes Jahr um jeweils 15 Prozent angehoben werden, wächst der Bestand und hat nun mit 700.000 Tonnen eine Rekordmarke erreicht. Das sei doppelt so viel wie im langjährigen Durchschnitt, bilanziert der Fischereibiologe Gerd Kraus:

"Also, das ist ein historisches Hoch, was wir da beobachten. Dementsprechend groß sind die Fangraten, der Markt ist tatsächlich gesättigt mit Schollenfilet. Und auch da haben wir wieder dieses Problem, dass die Filetware, die da produziert wird zum Teil – also abgezogene Schollenfilets als Frostware – kommt dann auf dem Markt in Konkurrenz mit Pangasius, was aus Südostasien kommt. Das ist also wirklich ein Marktproblem, wo wir mit lokalen Produkten, wo wie die Bestände in Ordnung sind, ein Vermarktungsproblem haben, weil das große, globale Marktsegment von allen möglichen Faktoren beeinflusst wird."

Schollen zu Fischmehl

Der Leiter des Thünen-Instituts für Seefischerei in Hamburg sieht für die heimische Fischerei ein gravierendes Problem. Seit 2008 hat sich der Preis für die Scholle mehr als halbiert, statt gut zwei Euro bekommen die Fischer für das Kilo frische Scholle noch nicht einmal einen Euro. Im vergangenen Jahr blieben tonnenweise Schollen auf den europäischen Auktionen stehen, weil sich selbst für einen Kilopreis von 80 Cent kein Käufer mehr fand. Aus hochwertigen Speisefischen wird dann Fischmehl.

Gründe für die massenhafte Vermehrung der Schollen gibt es viele. So wurden viele unrentable, weil spritfressende Großkutter während der Treibstoffkrise 2008/2009 abgewrackt. Hinzu kommt auch, dass nicht mehr so viele Fressfeinde in Küstennähe unterwegs sind:

"Unter anderem Wittling und Kabeljau. Die Bestände dort sind ja sehr stark geschrumpft in den letzten Jahren. Das heißt, es gibt wenig Räuber, die die jungen Schollen dort fressen. Und auf der anderen Seite haben sich auch die Temperaturbedingungen positiv für die Scholle entwickelt. In der Nordsee ist es ohnehin sehr produktiv, die haben immer genug Nahrung, die jungen Schollen. Und diese Kombination verschiedener Faktoren hat aus unserer Sicht dazu geführt, dass sich die Schollen so prächtig entwickelt haben."

Unerwünschter Beifang bleibt ein Problem

Die Plattfischfänger tragen auch mit dazu bei, dass so wenige Kabeljaue auf Schollenjagd gehen. Denn der Plattfischfang ist geradezu verrufen: Mit engmaschigen Netzen fangen die Fischer nicht nur Seezunge und Scholle, sondern auch unzählige junge Kabeljaue. Deswegen sind der WWF und Greenpeace nicht bereit, eine Kaufempfehlung für die Scholle auszusprechen – trotz ausreichender Menge.

Die unerwünschten Beifänge bleiben vor allem in der Nordsee ein gravierendes Problem. Sie verhindern, dass sich der Kabeljau-Bestand in der Nordsee wieder aufbaut. Ein leichter Trend der Erholung reiche nicht, argumentiert Gerd Kraus:

"Diese Erholung, die wir da sehen, ist von dem historisch niedrigsten Niveau ausgegangen, das wir jemals hatten, Ende der 90er, Anfang der 2000er-Jahre. Hier haben wir das mit einem Problemfisch zu tun. Ursachen dafür sind auf der einen Seite, dass in der Nordsee die Fischerei auf Kabeljau eine gemischte Fischerei ist; es werden als Artengemeinschaften von Fischen in dieser Fischerei adressiert. Und dabei kommt es halt dazu, dass viele junge Kabeljaue in anderen Fischereien mit auftauchen. Das heißt, wir haben eine relativ hohe Sterblichkeit bei jungen Kabeljauen, das ist nicht besonders gut; und wir haben das Problem, dass es dem Kabeljau in der Nordsee wahrscheinlich auch schon fast ein bisschen warm ist; er profitiert deutlich mehr in nördlichen Gebieten wie in der Barentssee und um Island, während es in der Nordsee schon eher zu warm für Kabeljau wird."

Klimaerwärmung: Makrelen vor Island und Grönland

Der stürmische Nordatlantik ist auch das bevorzugte Fanggebiet der deutschen Hochseeflotte, die auf ihren ausgedehnten Fangfahrten den großen Schwärmen von Hering und Makrele folgt. Beide Schwarmfischarten haben sich gut erholt nach dem Kollaps in den 70er- und 80er-Jahren. Damals haben die Hochseefischer mit engen Netzen die Meere buchstäblich leergefischt. Die Makrele in der Nordsee hat sich davon nie wieder erholt. Dafür aber hat sich der Schwarmfisch weit nach Norden und Westen ausgebreitet. Auf den jährlichen Fresswanderungen gelangen die Makrelen bis nach Island und Grönland:

"Makrelenbestände sind sehr, sehr direkt vom Klimageschehen gesteuert. Und die globale Erwärmung der letzten Jahrzehnte hat dazu geführt, dass sich der nordatlantische Makrelenbestand sehr, sehr positiv entwickelt hat. Er hat sich stark nach Norden ausgebreitet und ist auf einem sehr, sehr hohen Niveau. Das heißt: Für die deutsche Fischerei, die es gibt auf Makrelen, ist das eine positive Entwicklung."

Und diese Entwicklung mündete in einem handfesten Makrelenkonflikt. Nachdem große Schwärme in den isländischen Hoheitsgewässern aufgetaucht sind, nutzen die Isländer die Gunst der Stunde. Statt wie bislang etwa 1.000 Tonnen wollen sie nun mehr als 200.000 Tonnen fangen, also rund das Zweihundertfache dessen, was ihnen bislang zustand. Christopher Zimmermann vermutet, dass Island auch ein politisches Motiv hat:

"Die Isländer haben nicht nur einfach auf kurzfristigen Profit gesetzt, sondern sie haben auch darauf gesetzt, dass der Anteil an den Fängen, den sie an diesem Bestand haben, am Ende beim Beitritt zur Europäischen Union bestimmt, wie viel Anteil sie in Zukunft auch haben. So werden in der Europäischen Union die Fangquoten auf die Nationen verteilt: Das, was ich zum Zeitpunkt des Beitritts gefangen habe, kann ich in der Zukunft auch fangen – relativ! Nun sind die Isländer aber ausgestiegen aus dem Beitrittsprozess. Das heißt, es gibt für sie letztlich keinen Grund mehr, eine möglichst hohe historische Fangmenge aufzuweisen, weil es spielt keine Rolle mehr für die Beitrittsverhandlungen."

Makrelenkonflikt mit Island

Die Europäische Union sowie Norwegen und die Färöer sind bereit, den Isländern einen bestimmten Anteil am Makrelenfang zu überlassen. Die Regierung in Reykjavik will dieses Angebot offenbar akzeptieren. Allerdings: In der Summe fangen die Fischer aller Nationen immer noch deutlich mehr Makrelen, als es die Forscher empfehlen. Der Bestand hält das noch aus – nur wie lange noch?

"Obwohl zu viel gefischt wird, sinkt die Bestandsgröße nicht, weil die Nachwuchsproduktion sehr, sehr gut ist. Die ist aber tatsächlich ungewöhnlich gut. Das ist einfach eine ungewöhnliche Situation, dass die Makrele über ein paar Jahre diesen Fischereidruck aushalten kann. Das ist aber überhaupt keine Garantie dafür, dass das jetzt die nächsten paar Jahre so weiter geht. Sondern das kann sich jedes Jahr ändern."

Ein Fangnetz ist auf einem Fischkutter aufgehängt. (Jan-Martin Altgeld )Ein Fangnetz ist auf einem Fischkutter aufgehängt. (Jan-Martin Altgeld )

Die "Seeadler" hat die Stellnetze von Thomas Koldevitz erreicht. Das grelle Scheinwerferlicht auf dem Vorderdeck bietet einen scharfen Kontrast zum Nachtschwarz, das immer noch auf dem Greifswalder Bodden lastet. Über eine mannshohe Winde an der Backbord-Seite saust das langgezogene, orangefarbene Netz aufs Vorderdeck mit silbergrau schimmernden Heringen in großen Massen. Florian Koldevitz, der Sohn des Fischers, legt das Netz mit viel Geschick so ab, dass es sich nicht verheddert. Beifang im Netz? Fehlanzeige. Stellnetze gestatten eine "reine" Heringsfischerei:

"Das ist ja nachweisbar, da ist ja kaum anderer Fisch drauf; höchstens mal ein kleiner Barsch. Dadurch dass die Netze eben im Wasser treiben und keine Grundberührung haben – Barsch und Hecht und Zander, Dorsch, das sind ja Grundfische, die leben ja auf dem Grund; die Flunder auch, Steinbutt – dass die alle drunter durch schwimmen. Und da die Maschen auch so klein sind, hängen die auch nicht fest."

2500 Heringe pro Nacht – ein mäßiger Fang

Drei Stellnetze mit jeweils 400 Meter Länge wird die Mannschaft an Bord holen. Der Gesamtfang fällt heute Nacht mäßig aus: 500 Kilo, schätzt der Fischer, also etwa 2.500 Heringe. Das war zu erwarten, die Saison geht zu Ende. Im zeitigen Frühjahr waren es schon mal vier Tonnen in der Nacht, also achtmal so viel. Dann ist das Vorderdeck berstend voll mit Heringen. Und die ersten Fischfreunde warten dann schon am Pier:

"Da haben wir Abnehmer genug. Die Gaststätten. Da kommen Gaststätten und fragen, ob sie wieder Fisch bekommen können von mir. Aber ich habe ja schon meine zwölf Gaststätten, die ich beliefere; und das schaffen wir nicht mehr. Die Urlauber kommen ja morgens auch zum Hafen, die stehen ja da auch schon und warten."

Ein erster Silberstreif über der Ostsee kündigt den neuen Tag an. Noch eine Stunde, dann macht die "Seeadler" wieder in Gager fest. Und dann ist "puken" angesagt. Jeder einzelne Hering wird dann aus dem Netz gepflückt. Tausendfach die gleichen Handgriffe. Gegen Mittag kommt der Kühl-LKW und holt den Fang des Tages ab.

Mehr zum Thema:

Heringsfischerei - Bessere Kontrolle durch MSC-Siegel
(Deutschlandfunk, Umwelt und Verbraucher, 21.04.2015)

Festlegung von Fangquoten - "Die Politik ist auf dem richtigen Weg"
(Deutschlandradio Kultur, Interview, 15.12.2014)

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