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Buchkritik | Beitrag vom 07.03.2016

Stefan Ripplinger: "Vergebliche Kunst"Ökonomisch kunstvoll Scheitern

Von Katharina Döbler

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Eine Künstlerin mit Hut in Rückenansicht vor einer Staffelei in einem Garten (imago/CHROMORANGE)
Viele Künstler arbeiten ohne Publikum. (imago/CHROMORANGE)

Die "Vergebliche Kunst" ist für Stefan Ripplinger in seinem gleichnamigen Essay jene, die niemanden interessiert. Ihm geht es weniger um die Kunstwerke selbst als um die Kunst in ihrem sozialen Kontext.

In der bemerkenswerten Reihe "Fröhliche Wissenschaft" beim Verlag Matthes & Seitz Berlin erscheinen manchmal Texte, die sich zu unserer Gegenwart verhalten wie einst die legendären regenbogenfarbenen Bändchen der edition suhrkamp zum Zeitgeist der 60er- und 70er-Jahre: kleinformatige broschierte Büchlein, die das freie und kritische, gelegentlich auch anarchische Denken zelebrieren. Sie spiegeln auf exemplarische bis absonderliche Weise ihre Zeit.

Ein solches Buch ist Stefan Ripplingers Essay "Vergebliche Kunst": kein Fachbuch für Kunsthistoriker, sondern eine Abhandlung über Künstler, die "vergeblich" Kunst schaffen.

Zwar spielt der Autor durchaus auch auf der Klaviatur kunsthistorischer Motive (wie etwa der "Vanitas", der Eitelkeit alles Irdischen), aber dabei es geht ihm weniger um die Kunstwerke als um die Kunst in ihrem sozialen Kontext. Und der ist in Zeiten des allumfassenden Kapitalismus ein vor allem ökonomischer. 

Ripplinger denkt Kunst und Ökonomie da zusammen, wo sie sich in der Person des Künstlers treffen. Den Kunstmarkt mit seinen Mechanismen setzt er als hinreichend bekannt voraus. Mit neomarxistischem Besteck betrachtet er die Entstehung und das Verschwinden von Kunst sehr konkret in Verknüpfung mit der Existenz derer, die Gedanken, Bilder und andere Überflüssigkeiten produzieren. 

Vergebliche Kunst erhellt unsere vergebliche Existenz

Vergebliche Kunst nämlich ist, nach Ripplinger, eine Gabe, die nicht entgegengenommen wird. "Der Künstler oder die Künstlerin will etwas zeigen, doch will sich niemand von ihm oder ihr etwas zeigen lassen. Er oder sie will erfreuen, doch erfreut er oder sie niemanden. (...) Er oder sie will erfolgreich sein, doch bleibt er oder sie erfolglos."

Die bürgerliche Vorstellung, Kunst belohne sich selbst, hält er für obsolet:

"Vergeblichkeit ist das Misslingen der Kunst und unseres Lebens, ökonomisch betrachtet."

Aber es gibt noch eine andere Betrachtungsweise des Scheiterns. Am Ende führt Ripplingers in formvollendeter Melancholie und mit intellektuellem Grimm verfasster Text einen dialektischen Befreiungsschlag: Es ist gerade die vergebliche Kunst, die unsere vergebliche Existenz brüderlich erhellt.

Stefan Ripplingers Essay ist eine schöne, wilde Lektüre für alle, die der Vergeblichkeit im Leben wie in der Kunst offenen Auges zu begegnen wagen.

Stefan Ripplinger: Vergebliche Kunst
Matthes & Seitz, Berlin 2016
107 Seiten, 10,00 Euro

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