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Thema / Archiv | Beitrag vom 26.09.2012

Staunende Augen eines Jungen

Schriftsteller Karl Heinz Bohrer über sein Buch "Granatsplitter"

Karl Heinz Bohrer im Gespräch mit Katrin Heise

Karl Heinz Bohrer beschreibt den Zweiten Weltkrieg aus der Sicht eines Jungen (hier ein deutscher Panzer).
Karl Heinz Bohrer beschreibt den Zweiten Weltkrieg aus der Sicht eines Jungen (hier ein deutscher Panzer). (AP Archiv)

Der Schriftsteller Karl Heinz Bohrer beschreibt in "Granatsplitter" die Zeit von Beginn des Zweiten Weltkrieges bis in die Fünfzigerjahre. Er schildert die Erinnerungen aus der Sicht eines Kindes, "weil ich auf diese Weise jede Form von politischer Correctness oder Moralisierung vermeiden wollte", wie er sagt. Er feiert heute seinen 80. Geburtstag.

Joachim Scholl: Einen "deutschen Tom Sawyer der Nachkriegszeit" hat ihn die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" genannt, als vor ein paar Wochen sein Erinnerungsbuch "Granatsplitter" erschien: Von Karl-Heinz Bohrer ist die Rede – einem der interessantesten deutschen Intellektuellen, heute wird der 80 Jahre alt. Karl-Heinz Bohrer ist stets zu gleichen Teilen Philosoph, Literaturtheoretiker, Journalist, Buchautor und Herausgeber gewesen – mit oft sperrigen ästhetischen Meinungen, Deutschland war ihm meist zu eng und kleinstirnig, er ging dann auch weg nach Frankreich, dann nach England, wo er heute lebt. Radiointerviews gibt Karl-Heinz Bohrer so gut wie keine, aber für das Deutschlandradio Kultur ließ er sich neulich doch einmal dazu bewegen, anlässlich eben jenes Bandes "Granatsplitter", ein Buch über seine Kindheit und Jugend. Es ist keine Autobiografie im klassischen Sinn, hier spricht ein siebenjähriger Junge, der allmählich älter wird, und mit dem zusammen der Leser die Zeit der 1930er, -40er und -50er Jahre betrachtet. Meine Kollegin Katrin Heise fragte Karl-Heinz Bohrer, warum er gerade diese Form des Erzählens gewählt hat?

Bohrer: Weil ich auf diese Weise jede Form von politischer Correctness oder Moralisierung vermeiden wollte, die ja naheliegt selbst in meinem Falle, da es sich ja um eine sehr politisch fatale Zeit Deutschlands handelt, das ist der eine Punkt. Der andere Punkt ist einfach der, dass die Exotik der Zeit, die ja dem 19. Jahrhundert näher lag als etwa dem ausgehenden 20. Jahrhundert oder gar unserer Epoche, dass diese Exotik auf diese Weise besonders selbstverständlich präsent gemacht werden konnte.

Heise: Also die Exotik zum Beispiel, dass der Junge sich - der Junge, so wird er immer genannt - sich Jesus sehr nahe fühlt, aber auch den Soldaten. Dass Jesus ein Held ist, Soldaten ein Held sind, dass das alles zusammen geht, meinen Sie so was?

Bohrer: Ja, so was meine ich. Zum Beispiel, dass er mit seinen Kameraden natürlich Kriegsspiele auf der einen Seite in den Straßen der Stadt Köln spielt, ein Spiel, eine Art des Jungenzusammenseins, was es heute eigentlich überhaupt, glaube ich, nicht mehr gibt. Weil es zum Teil ja auch ein bisschen gefährlich war, bis auf die Felder vor Köln spielten wir ja rum und verkloppten uns auch mit Zigeunerjungens oder kämpften gegeneinander, so unter Kriegsspielen, mit Stahlhelmen von gefangenen Engländern und Polen und Franzosen.

Das war die eine Seite, die andere Seite war, dass der Junge ja sehr fromm war oder jedenfalls in einer Phase seines frühen Alters entzückt war von der Messe und Messdiener war und sogar selber Messe spielte und sich vornahm, seine Kameraden also sonntäglich, nicht jeden Sonntag, aber häufig, glaube ich, 1940 oder 1941 war das, eine Predigt zu halten in einem Priestergewand.

Solche Dinge gibt es heute nicht mehr, das ist nur denkbar damals in einer Zeit, in der also die gegensätzlichsten Dinge möglich waren. Und vor allen Dingen, die Anschaulichkeit und die Sinnlichkeit des Alltags nicht durch Apparate verhindert worden ist.

Heise: Sie haben als anderen Grund noch gesagt, sie wollten die Moral raushalten. Sie wollten den Erzähler auch raushalten, der da irgendwie kommentierend eingreift. Ist Ihnen das eigentlich schwergefallen? Wie haben Sie das geschafft?

Bohrer: Ich hatte natürlich Vorbilder. Ein Vorbild war einfach "Tom Sawyer und Huckleberry Finn", diese wunderbare Jugendgeschichte, die mich damals, des großen Amerikaners, sehr gefangen nahm. Und ich dachte mir, so was musst du versuchen, aber es war wirklich schwierig. Die Szene zu erinnern so etwa, wie sie damals war, war das eine.

Und das Zweite war natürlich auch schwierig, die angemessenen Wörter dafür zu finden. Anschauliche Wörter, keine Meinungswörter, keine Interpretationen. Ganz konkrete Bildszenen und Situationen des Jungen.

Heise: Dadurch gelingt es dann auch, dass beispielsweise die Trennung der Eltern oder Nachbarsmädchen, Bombennächte, ein tot aufgefundener Pilot, dass das alles gleich wichtig ist. Dass das Abenteuer überwiegt.

Bohrer: Ja, das ist in der Tat vielleicht der Anlass überhaupt gewesen, mir Gedanken zu machen, ob ich das nicht mal aufschreibe. Weil es meine Erinnerung so sehr geprägt hat, dass ich keine unglückliche oder bedrückte oder eben, durch die politische Situation liegt das ja nahe, fatale Jugend erlebt habe, sondern eine sehr abenteuerlich schöne und aufregende.

Heise: Mit dem Literaturwissenschaftler und Autor Karl Heinz Bohrer spreche ich über sein heute erscheinendes Buch "Granatsplitter". Herr Bohrer, aber dann kommt eben doch der Satz in dem Buch vor, die Überlegung des Jungen nämlich, wie konnte ich in dieser Zeit eine so schöne Kindheit im Garten der Großeltern oder auch in den Kellern, was er ja auch aufregend fand, vor den Bomben sich schützend, wie konnte ich eine solche Jugend verbringen, eine solche Kindheit, während doch dieses Regime herrschte. Dieses Regime, von dem der Vater ihm eben später alles erzählte. Ist das da tatsächlich noch der Junge, der sich das fragt?

Bohrer: Doch, das ist der Junge, sagen wir mal, der etwas älter gewordene Junge. Der Junge kurz nach dem Krieg. Er ist ja schon, sagen wir mal, ich glaube, das kann man nachrechnen, mit zehn Jahren zum allerersten Mal von seinem Vater, der aus verschiedenen Gründen wie die gesamte Familie extrem regimefeindlich war, aufgeklärt worden, in welch strukturellen Verbrechen man doch damals lebte.

Aber ein 10-Jähriger nimmt das natürlich anders auf als dann ein 14-Jähriger, sodass also diese Frage, die Sie zitiert haben, wohl aus dem Gedanken, sagen wir mal, Assoziationen, vorsichtigen Gedankenflügen des 14-Jährigen entstanden ist, der ja zu diesem Zeitpunkt sehr genau wahrnahm, was im Krieg passiert ist, nicht zuletzt durch ganz konkrete, auch da habe ich drauf geachtet, ganz konkrete anschauliche Wahrnehmungen. Sei es nun eine Litfaßsäule, auf dem die Toten von Bergen-Belsen abgebildet sind, die ihn zum ersten Mal nun wirklich schockierten. Oder auch frühe Lektüre, etwa Eugen Kogon, "SS-Staat", den er auch als 14-Jähriger zum ersten Mal las. Und schließlich natürlich auch die Rundfunkübertragungen des Nürnberger Prozesses.

Heise: Seine Familie war ja eine offene, eine weltoffene, eine liberale. Eine Weiterung seines Geistes erfährt der Junge dann ja im Internat, in dem griechische Tragödien, aber in der Folge auch Theater allgemein die Hauptrolle für ihn spielen. Die elysischen Felder nennen Sie das. Es ist aber nicht das Abtauchen in eine andere Welt gewesen, oder? Die Wirklichkeit, die Vergangenheit ragt doch immer wieder hinein?

Bohrer: Ja, das lag schon daran, dass auf der Schule ja auch eine sehr gemischte Schülerschaft war oder auch Lehrerschaft. Auf der einen Seite wurde einem deutlich, dass einige Lehrer, und zwar ehemalige Universitätsprofessoren, die aufgrund ihrer Involvierung in das System nicht mehr an der Universität lehren konnten, täglich ihn daran erinnerten. Und auf der anderen Seite natürlich eine ganze Reihe von Familienangehörigen, von Schülern aus Familien, die im Widerstand waren, nicht zuletzt aus dem preußischen Adel, aber auch durchaus bürgerliche Jungen und Mädchen. Das Nazi-Motiv blieb auch in der Schule anwesend.

Heise: Im Postskriptum des Buches heißt es ja, eben keine Biografie, es ist eine Fantasie einer Jugend, also wird es auch nur Internat genannt, es ist aber ziemlich sicher, dass es wohl der Birkelhof im Schwarzwald war, in dieses Internat sind Sie selber ja auch gegangen. War das nicht eigentlich ein Schutzraum, in dem trotz alles Reglements und auch der Hierarchie, die dort herrschte, das eigenständige Denken erlaubt war?

Bohrer: Ja, das eigenständige Denken wurde natürlich sehr gefördert durch die Figur schon des Schulleiters und einiger wirklich als Intellektuelle zu bezeichnende Lehrer. Mein mir wichtigster Lehrer, mein Griechischlehrer, war eben nicht nur ein gelehrter Mann und ein akademischer Mensch, sondern es war ein wirklicher, temperamentvoller Intellektueller, der genau das in uns ausgelöst hat, was dann später sogar vielleicht sogar so meine Berufswahl antizipierte, nämlich nicht nur Dinge zu lernen, sondern Dinge zu verstehen. Das war sehr entscheidend, ja, dieser Widerspruch.

Ich habe das sehr stark empfunden, als ich später auf die Universität kam und so eine gewisse Art Nonchalance an den Tag legte, dass das als seltsam empfunden wurde in den frühen Fünfzigerjahren an der Universität. Das war so quasi das Erbe der Schule.

Heise: Der Leser kann doch irgendwie beobachten, dass ein neugieriger, ein widerständiger Geist ein weltoffenes Feld braucht, auf dem er gedeihen kann. Der Junge hatte dies. Ist das so was wie die Botschaft dahinter? Also gerade, wenn man sich sonst so die frühen Fünfzigerjahre und das Bildungssystem in den Kopf ruft?

Bohrer: Ja, eines ist wohl wahr: Ich habe, ich der Junge, habe die anfahrenden Fünfzigerjahre und hinauf bis wahrscheinlich Mittfünfzigerjahre nicht als diese Dumpfheit erlebt, als die sie heute gilt. Das habe ich aber damals, oder besser, wir müssen wieder sagen, der Junge so nicht gesehen. Er war ja durch den Birkelhof und durch seine Eltern hatte er einen ganz anderen Blick. Und deswegen habe ich auch, und zwar in die Zukunft, in eine Art von sich weit öffnendem Horizont, der spannend und interessant war, und deswegen habe ich abgeschlossen das Buch ja auch mit seinem aller-allerersten Vorstoßen in eine andere Welt, nämlich England und seine Eindrücke dort im Parlament und im Theater als 19-, 20-Jähriger.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.