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Radiofeuilleton - Kino und Film / Archiv | Beitrag vom 26.06.2011

Staub zu Staub

Michelangelo Frammartino überschreitet die Grenze zwischen Dokumentation und Spielfilm

Von Vanja Budde

Ein Film fast ohne Worte, der mit den Klängen der Natur das Ohr ebenso anspricht wie mit seinen ruhigen, poetischen Einstellungen die Augen. Michelangelo Frammartino erzählt in "Vier Leben" die Geschichte einer Seelenwanderung.

Ein Hirte hütet eine Herde Ziegen in einem Bergwald in Kalabrien, Italiens tiefstem, bitterarmen Süden. Der namenlose Hirte ist alt und krank: Er kann der Herde kaum mehr folgen, sein Hund macht sich Sorgen um ihn.

Und wir bald auch, denn der Alte hustet so fürchterlich, dass man die eigene Lunge schmerzen fühlt. Als er stirbt, dringen seine Ziegen ins Haus ein klingt so militant – in Wirklichkeit halten sie ja eher auf ihre Art Totenwache…, versammeln sich zum Abschied ums ärmliche Totenbett. Die Großaufnahmen ihrer seltsam klugen Gesichter scheinen ihre Trauer zu zeigen. Jedes Tier hat eine Persönlichkeit, das macht dieser Film uns klar. Und mehr noch: Ein Zicklein wird geboren: Die Seelenwanderung des Hirten hat begonnen.

"Vier Leben" überschreitet die Grenzen zwischen Dokumentation und Spielfilm, beobachtet das Zicklein bei seinen ersten Schritten. Das Leben der Seele in diesem Tierkörper währt nur kurz: Unbemerkt vom neuen Hirten kommt die junge Ziege im Wald abhanden, stirbt entkräftet an die Wurzeln einer großen Tanne geschmiegt, die Seele geht in die Pflanze ein.

Nur zu den Festen kehren die jungen Leute von der Küste und aus den Städten in die Dörfer Kalabriens zurück: Zur archaischen Feier des Frühlings wird der große Baum gefällt, unter Jubel auf dem Festplatz aufgestellt. Wenn der Herbst kommt, holen die Köhler den Baum. Die Metamorphose vollendet sich: Die Pflanze wird zum Mineral.

Alle Menschen, Tiere, Pflanzen und Dinge der Natur sind beseelt und gleichwertig, sagt dieser Film. Auf den man sich geduldig einlassen muss, um zu sehen wie der immerwährende Kreislauf des Lebens sich schließt, wie die Holzkohle der Schlusseinstellung den Beginn zitiert, an dem der alte kranke Hirte jeden Abend seine Medizin trinkt: Staub vom Boden der Kirche, eingerührt in ein Glas Wasser.


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Interview mit Regisseur Michelangelo Frammartino in "Kino und Film": "Auch ein politischer Film"

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"Auch ein politischer Film"

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