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Filme der Woche / Archiv | Beitrag vom 17.06.2009

"State of Play - Stand der Dinge"

Hans-Ulrich Pönack über den Journalisten-Krimi von Kevin MacDonald

Russel Crowe und Helen Mirren bei der Premiere von "State of Play" in London. (AP)
Russel Crowe und Helen Mirren bei der Premiere von "State of Play" in London. (AP)

Journalismus 2.0 trifft auf alten Reporter-Ethos in diesem Krimi, der im Washingtoner Polit-Betrieb angesiedelt ist. Die Zutaten stehen in guter "Watergate"-Tradition: kriminelle Machenschaften, deren Spuren in höchste Politiker-Kreise führen.

State of Play - Stand der Dinge. USA 2009. Regie: Kevin Macdonald. Darsteller: Russell Crowe, Ben Affleck, Rachel McAdams, Robin Wright Penn, Helen Mirren, Jason Bateman. Länge: 127 Minuten

Kevin MacDonald, der am 28. Oktober 1967 in Glasgow/Schottland geborene britische Regisseur, Drehbuch-Autor und Produzent, ist der Enkel des ungarisch-britischen Drehbuch-Autors und Regisseurs Emeric Pressburger (1902-1988/"Die roten Schuhe", 1948). Er machte sich anfangs mit TV-Dokumentationen (über Filmkünstler wie Charles Chaplin, Howard Hawks und den kinetischen Bildhauer George Rickey) einen guten Namen.

1998 porträtierte er den schottischen Filmregisseurr Donald Cammell, der sich zwei Jahre zuvor, nach Fertigstellung seines Thrillers "Wild Side", das Leben genommen hatte. Der Dokumentarfilm "Donald Cammell: The Ultimate Performance" lief in ausgewählten britischen Kinos und wurde auf dem Filmfestival von Chicago mit dem "Silbernen Hugo" ausgezeichnet. 1999 knüpfte MacDonald mit "Ein Tag im September" an diesen Erfolg an. Für die Dokumentation über die Geiselnahme von München während der Olympischen Sommerspiele von 1972, die auch in den amerikanischen Kinos gezeigt wurde, erhielt der Filmemacher, gemeinsam mit dem Schweizer Produzenten Arthur Cohn, den "Oscar" als "Bester Dokumentarfilm".

Nach weiteren Porträts über Filmemacher wie Errol Morris und Humphrey Jennings (1907-1950) sowie über den "Rolling Stones"-Frontsänger Mick Jagger folgte 2003 der Dokumentarfilm "Sturz ins Leere", der auf dem 1988 erschienenen preisgekrönten Buch "Touching the Void" des britischen Extrembergsteigers Joe Simpson basiert. Das Werk kam im Dezember 2003 in die britischen und im Januar 2004 in die amerikanischen Kinos und avancierte zum erfolgreichsten englischen Dokumentarfilm aller Zeiten, setzte sich – noch vor den Spielfilmen "In This World – Aufbruch ins Ungewisse" von Michael Winterbottom und "Unterwegs nach Cold Mountain" von Anthony Minghella – als beste britische Kino-Produktion des Jahres durch.

Der erste Kinospielfilm von Kevin MacDonald kam 2006 in die Lichtspielhäuser: "Der letzte König von Schottland – In den Fängen der Macht". Die Geschichte um Nicholas Garrigan, den schottischen Leibarzt des ugandischen Diktators Idi Amin (1928-2003), wurde hervorragend aufgenommen und bewertet. Forest Whitaker bekam den "Oscar" als "Bester Hauptdarsteller" zugesprochen.

Für seinen zweiten Kinofilm adaptierte MacDonald die sechsteilige, jeweils rund einstündige britische BBC-Erfolgsminiserie "Mord auf Seite eins" von 2003. Originaltitel: "State of Play"; Regie: David Yates; deutschsprachige Erstausstrahlung ab 5. Januar 2008 auf ARTE. Im Blick- und Mittelpunkt des nun amerikanischen Spielfilms: Der altgediente, "zottlige", aber hellwache Chef-Reporter der (fiktiven) Zeitung "Washington Globe", Cal McCaffrey.

Der fährt ein klappriges Alt-Auto, wirkt übergewichtig, nicht besonders gepflegt, ziemlich unordentlich, also absolut glaubwürdig. Authentisch. Denn Cal nimmt seinen journalistischen Beruf noch ernst, ist einer jener Haudegen, die es sich nicht nehmen lassen, ebenso zeitaufwendig wie kritisch zu recherchieren. Mit Bleistift, Block und Papierbergen auf dem Schreibtisch trotzt er dem Internet-Zeitalter. Um die Wahrheit herauszufinden. Was in der heutigen Zeit und vor allem innerhalb der Zeitungslandschaft samt ihrer aktuellen Finanzkrise plus Leserschwund nicht so einfach mehr ist, ganz im Gegenteil.

Die äußerst toughe Chefredakteurin Cameron Lynne (in einer wunderbaren Neberolle: "Oscar"-Lady Helen Mirren/"The Queen") sitzt ihm ein ums andere Mal im Nacken von wegen Zeit, Kosten, schnellere Fakten und überhaupt. Doch Cal ist wegen seines untrüglichen Instinkts für "heiße Stories" geachtet wie – noch – unantastbar. Sein neuer Fall scheint ziemlich unspektakulär und eher "klein"; es geht um einen Mord an einem Drogendealer.

Gleichzeitig erhält seine junge, forsche Nachwuchskollegin aus der Online-Redaktion, Della Frye (Rachel McAdams), den Auftrag, dem mysteriösen Tod einer jungen Frau nachzugehen, die unter U-Bahn-Räder "gelangte". Die junge, technisch versierte Della belächelt solch journalistische "Oldie-Rabauken-Typen" wie Cal, dennoch müssen sie zusammenarbeiten. Und sich zusammenraufen. Denn: Der alte und der neue Journalismus stoßen auf einen brisanten und anscheinend zusammenhängenden, hochkarätigen Polit-Skandal.

Mit darin verwickelt: Der aufstrebende Kongressabgeordnete Stephen Collins (Ben Affleck/"Good Will Hunting"), der gerade dabei ist, die Machenschaften eines gigantischen Privat-Sicherheitskonzerns aufzudecken, deren Angestellte/Söldner anscheinend mit Duldung des Pentagons im Irak und in Afghanistan "amtliche" Greueltaten verübten. Dafür bekommt Collins gerade viel "politischen Gegenwind", muss Attacken sogar aus den eigenen Partei-Reihen einstecken.

Stephen Collins ist aber auch zugleich ein alter Freund von Cal und hat dessen frühere "Spusi" Anne (Robin Wright Penn/"Message in a Bottle") geheiratet. Und es stellt sich heraus, dass die junge U-Bahn-Tote eine Sekretärin des Politikers war und - seine Geliebte. Und: Im Handy der Toten befindet sich die Telefonnummer des umgebrachten Dealers. Beide Ereignisse besitzen also einen Zusammenhang; Cal und Della haben fortan mächtig zu tun. Und stoßen auf ebenso hochkarätige wie "lukrative" kriminelle Verstrickungen in Politik und Wirtschaft.

Noch mal bzw. mal wieder: Ein Journalisten-Krimi - in der besten Tradition von spannendem Enthüllungsjournalismus wie dem Watergate-Klassiker "Die Unbestechlichen" von 1976 (mit Robert Redford/Dustin Hoffman). Die 4. Gewalt im Staate als "funktionierende Demokratie-Basis": Kevin MacDonalds raffinierter Thriller über neue Medien und alte Seilschaften, über Macht und Moral sowie vor allem über die korrupte Einflussnahme der amerikanischen Wirtschaft und ihrer geschäftigen Lobbyisten auf den Regierungsalltag ist intelligent, verblüffend, außerordentlich spannend und natürlich von immenser politischer wie gesellschaftlicher Aktualität. Und sicherlich nicht nur für die USA.

Der Journalist als Detektiv, als Quasi-Polizist, der im Sumpf, im Dreck des schmutzigen Alltags hinter den Kulissen, hinter den glänzenden Fassaden unbeirrt, störrisch wie couragiert ermittelt. Und sich einfach nicht ´runterkriegen, geschweige denn – teuer – "einfangen" lässt. Cal McCaffrey als einer von uns, als einer, der noch an Gerechtigkeit glaubenden "Normalos", der einfach nicht aufzuhalten ist. Sein unbedingtes, starrköpfiges Dauer-Medien-Motto: Immer-Qualität statt Oberflächen-Quote! Um jeden Preis.

Ein exzellenter Spannungsfilm, mit dann auch verblüffenden Pointen, auf der Tastatur von Intelligenz und Gefühl klasse zubereitet und spielend. Mit denkwürdigen Sätzen wie "Gute Reporter haben keine Freunde, sie haben nur Quellen." (Cameron Lynne, Chefredakteurin von "The Washington Globe") ummantelt und mit einem grandiosen Vollblut-Hauptakteur "im Ring" aufwartend: Russell Crowe. Der 45-Jährige, in Wellington/Neuseeland geborene australische Star hat bekanntlich Filme wie "L.A. Confidential", "Insider" (1999), "Das Comeback" (2005), "Todeszug nach Yuma" (2007) und "Der Mann, der niemals lebte" (2008) geadelt.

Für die Darstellung des römischen Generals Maximus Decimus in Ridley Scotts Historienfilm "Gladiator" bekam er im Jahr 2000 den "Oscar" als "Bester Nebendarsteller". In der britisch-französischen Ridley-Scott- "Wein-Produktion" "Ein gutes Jahr" stellte er sich 2006 als letztlich überzeugender Romantiker amüsant vor. Hier nun dringt er, als Auslaufmodell von glaubwürdigem Reporter, fintenreich-tief in den Morast vom heutigen Washington ein, der mit Tiefgaragen, Kellerverliesen und U-Bahn-Schächten düster-eindringlich verbildlicht wird (Kamera: Rodrigo Prieto).

Dabei wirkt der charismatische Crowe als angeschmuddelter Starschnüffler sehr ausdrucksstark und präsent, angenehm unangestrengt, angenehm unaufgeregt wie prima kino-like, also "heldisch"-hellwach-reizvoll. Ein spannender, ein cleverer Typ, dem man gerne folgt. "State of Play" ist schon auf dem besten unterhaltsamen Weg, ein Genre-Klassiker zu werden.

Filmhomepage "State of Play - Stand der Dinge"

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