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Studio 9 | Beitrag vom 15.01.2015

Stasiopfer-LesungDer Moment der Wahrheit

Von Verena Kemna

Aktenschränke in einem Gebäude des früheren Archivs der DDR-Staatssicherheit, aufgenommen am 13.07.2012 in Berlin. (picture-alliance / dpa / Soeren Stache)
Lange hat Karl-Heinz Richter gezögert: Aktenschränke in einem Gebäude des früheren Archivs der DDR-Staatssicherheit. (picture-alliance / dpa / Soeren Stache)

Anlässlich des Sturms auf die Stasi-Zentrale vor 25 Jahren haben acht Stasiopfer in Berlin aus ihren Akten gelesen. Einer von ihnen ist Peter Keup. Er wurde 1981 auf der Flucht verhaftet. Erst heute weiß er, wer ihn verraten hat.

Karl-Heinz Richter in Jeans und Lederjacke erzählt, wie er und einige Freunde 1963 Fluchtpläne schmieden. Die Taktik, am Bahnhof Friedrichstraße auf den fahrenden Moskau-Paris-Express aufspringen und am Bahnhof Zoo wieder abspringen.

"Sehr riskant, sehr gefahrvoll, aber wir haben es gewagt, wir wollten ja hier nicht bleiben. Wolfgang ist als erster rübergekommen und hat dann jeden Abend am Bahnhof Zoo in Berlin auf dem Bahnsteig gestanden und gewartet, dass einer von uns ankommt."

Der Rias Berlin, der Rundfunk im amerikanischen Sektor, verbreitet in Westberlin die Nachricht von erfolgreichen Fluchtversuchen einiger Jugendlicher. Die Stasi wird aufmerksam.

"Als ich fliehen wollte, ich merkte langsam, die Schlinge zog sich immer enger, nach 150 Metern bin ich von diesem Zug gefallen, weil ich mich nicht festhalten konnte."

Der damals 17-Jährige bricht sich beide Beine, schleppt sich schwer verletzt nach Hause. Eine Woche später stürmen zwölf Stasibeamte das Elternhaus und holen den Verletzten ab.

"Da begann für mich die Apokalypse. Während meiner Haftzeit, Gefangenschaft wurde mir jegliche medizinische Hilfe verwehrt. Ich hatte wochenlang meinen Körper mit Urin eingeschmiert, weil ich überall offene, wunde Stellen hatte. Konnte mich nicht waschen, keine Klamotten wurden gewechselt, habe gestunken wie ein Puma, das war für mich die Hölle."

Richter zögert die Herausgabe seiner Akte hinaus

Wer hatte ihn verraten? Bis zum Jahr 2000 zögert er die Herausgabe seiner Stasiakte hinaus. Er legt die Hand auf einen prall gefüllten Aktenordner. Vernehmungsprotokolle, Artikel aus Westberliner Zeitungen über die erfolgreichen Fluchtversuche der Freunde.

"17 meiner Kameraden gelang die Flucht, ich war der 18., mir gelang die Flucht nicht."

Der damals 17-Jährige muss stundenlange Vernehmungen und Einzelhaft über sich ergehen lassen, ärztliche Versorgung wird ihm verweigert.

"Man hat auf meine Verletzung keine Rücksicht genommen. Meine erste Vernehmung verlief rund 20 Stunden, ohne mir was zu trinken zu geben, wurde auch geschlagen. Da sind sie sehr aufgeregt gewesen, die wollten die Fluchtstelle wissen. Doch die Fluchtstelle konnte ich bei der ersten Vernehmung nicht nennen, denn in dieser Nacht versuchten noch die letzten beiden meiner Kumpels zu fliehen, Hans und Alfred, und das wusste ich."

Hans und Alfred gelingt die Flucht, Karl-Heinz Richter wird weiter von der Stasi drangsaliert. Erst 1974 darf er die DDR verlassen.

"Dann war ich in Westberlin, das fand ich toll. In meiner Wut, in meinem Zorn - meine Mutter hatte durch meine Haft einen Herzinfarkt bekommen, hat um ihr Leben gekämpft. Mein Vater ist an gebrochenem Herzen gestorben, der konnte nicht verwinden, was man seinem Jungen angetan hat. Da habe ich dann noch Leute rüber geholt als Fluchthelfer."

Der eigene Bruder war bei der Stasi

Peter Keup, 56 Jahre alt, liest zum ersten Mal öffentlich aus seiner Stasiakte. Freunde haben ihn offensichtlich nicht verraten. Erst seit eineinhalb Jahren kennt Peter Keup die Akte seines Bruders, erst seitdem weiß er, dass der eigene Bruder als inoffizieller Mitarbeiter für die Stasi gearbeitet hat.

Die Familiengeschichte beginnt, als der Vater, ein überzeugter Kommunist, schon 1956 freiwillig in die DDR übersiedelt.

"Aufgrund dessen, dass meine Eltern aus dem Westen in die DDR gegangen sind, standen sie natürlich von Beginn an im Fokus des Ministeriums für Staatssicherheit. Und das verstärkte sich ganz immens, als meine Eltern 1975 einen Antrag auf Rückübersiedlung in die Bundesrepublik stellten. Ich war damals 16 und es setzte sofort eine Abwärtsspirale der sozialen Art ein, wir waren ausgegrenzt als Klassenfeinde, als Gegner des Systems."

Kein Abitur, kein Studium, stattdessen bis zu zehn Inoffizielle Mitarbeiter der Stasi, die auf die Familie angesetzt sind. Peter Keup entscheidet sich zur Flucht, er wird 1981 verhaftet und ein Jahr später durch die Bundesrepublik freigekauft. 1984 dürfen die Eltern ausreisen, auch der Bruder gelangt ein Jahr später in den Westen. Die Familie ist zusammen, aber dennoch zerbrochen.

"Mein Vater, der Kommunist, der bewusst in die DDR gegangen ist, ist mit in die Bundesrepublik gegangen. Er hat sich zwei Jahre, nachdem er in Essen angekommen ist, das Leben genommen. Mein Bruder ist zwei Jahre nach dem Mauerfall gestorben, jung, mit 38 Jahren. Das heißt also, die Stasiakte meines Vaters und meines Bruder habe ich erst seit eineinhalb Jahren. Das heißt, ich sitze hier vor einem Aktenberg, kann weder meinen Vater befragen noch meinen Bruder und bin irgendwie zurückgelassen mit diesen beschissenen Akten."

Die Stasiakten sind heute die Lebensaufgabe des Peter Keup. Er reist als Zeitzeuge und studiert im Fernstudium Geschichte.

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