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Vor 25 JahrenMenschenkette für die Freiheit
23. August 1989 - Menschenkette durch die drei baltischen Republiken Lettland, Litauen und Estland

Im August 1989 standen die sozialistischen Regime des Ostblocks vor dem Zusammenbruch. Scharen von Ostdeutschen flohen über die ungarisch-österreichische Grenze in den Westen. Und im Baltikum demonstrierten Hunderttausende Esten, Letten und Litauer mit einer Menschenkette für ihre Unabhängigkeit.Mehr

Vor 150 JahrenErste Genfer Konvention unterzeichnet
Zeitgenössische Aufnahme von Henri Dunant, Schweizer Schriftsteller, Friedensnobelpreisträger (1901) und Gründer des Internationalen Roten Kreuzes.

Der erste humanitär-völkerrechtliche Vertrag fußt auf der Idee des Schweizer Schriftstellers Henri Dunant. Durch seinen Einfluss entstand 1864 in Genf ein Vertrag mit dem Titel "Konvention zur Verbesserung des Loses der Verwundeten bei den im Felde stehenden Heeren".Mehr

Kriminalist Ernst Gennat"Buddha vom Alexanderplatz"
Ausschnitt eines Plakates zu Fritz Langs Film "M - Eine Stadt sucht einen Mörder".

Als Leiter der weltweit ersten ständigen Mordkommission revolutionierte Ernst Gennat die polizeiliche Ermittlungsarbeit und prägte den Begriff Serienmörder. Seine Aufklärungsquote lag bei fast 95 Prozent. Vor 75 Jahren starb er in Berlin.Mehr

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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 18.07.2012

Startschuss für die Ära der Mietskasernen

Vor 150 Jahren wurde der "Hobrecht-Plan" zur Bebauung der Umgebung Berlins veröffentlicht

Von Jochen Stöckmann

1862 trat der Hobrecht-Plan in Kraft. Bis heute bildet er eine Grundlage der Berliner Bebauungs- und Verkehrsstruktur.
1862 trat der Hobrecht-Plan in Kraft. Bis heute bildet er eine Grundlage der Berliner Bebauungs- und Verkehrsstruktur. (picture alliance / dpa / Robert Schlesinger)

Industrialisierung, wirtschaftliches Wachstum und Zuzug aus dem Umland ließen Berlin Mitte des 19. Jahrhunderts förmlich aus den Nähten platzen. Der 1862 vorgelegte Hobrecht-Plan sollte Abhilfe schaffen. Berlins erster perspektivischer Bebauungsplan läutete die Zeit der Mietskasernen ein.

Industrialisierung, wirtschaftliche Prosperität und Zuzug aus dem Umland ließen Berlin Mitte des 19. Jahrhunderts förmlich aus den Nähten platzen. 1861 wurden weit mehr als eine halbe Million Einwohner gezählt. Über 15 Prozent von ihnen mussten sich mit acht, neun oder gar zehn anderen ein einziges Zimmer teilen, jeder zehnte Berliner lebte in einer Kellerwohnung.

"Der König hat den königlichen Polizeipräsidenten beauftragt, jemanden zu finden, der den Bebauungsplan für ihn erstellt, und das ist der James Hobrecht gewesen, der viel in der Welt herumgekommen war. Der hatte sich auch Gedanken darüber gemacht, wie er sehr stark konzentrierte Verhältnisse von Armut und Ausgrenzung in Berlin verhindern kann und er hatte diesen Plan der sozial gemischten Nutzung."

Der Stadtsoziologe Andrej Holm beschreibt die Motive hinter jenem "Bebauungsplan der Umgebungen Berlins", der am 18. Juli 1862 veröffentlicht wurde. Auf den ersten Blick war unter der Leitung des Ingenieurs James Hobrecht, einem Spezialisten für Eisenbahnbau und Kanalisation, nur ein sogenannter Fluchtlinienplan entstanden.

"Hobrecht hat die Straßenzüge festgelegt, was er nicht festgelegt hat, ist die Hofgröße, die Parzellengröße, sondern die Blockgröße. Diese Blöcke waren - das ist auch das Besondere in Berlin - sehr groß."

Diese Berliner Block- oder Quartiersstrukturen sind für die Architektin Hilde Léon ein Ergebnis jener Freiheiten, die Berlins 1862 einsetzende Stadtplanung Bauherren und Investoren einräumte. Beschränkungen gab es nur durch eine Baupolizeiordnung, die nicht mehr als sechs Geschosse erlaubte und das Mindestmaß der Innenhöfe auf einen Durchmesser von 5,34 Meter festlegte – damit damals gebräuchliche Feuerwehrleitern bis ins oberste Stockwerk reichten und Löschfuhrwerke eben noch wenden konnten. So entstanden unter einheitlicher Traufhöhe Straßenfronten mit aufwendigem, meist vorgefertigtem Fassadenschmuck. Dahinter aber wurden die Parzellen bis in den letzten Winkel ausgenutzt durch eine Folge von drei, vier und mehr Hinterhöfen – Platz für Arbeiterwohnungen dicht an dicht. Eine Art Gründerzeit-Standard.

"Vorder- und Hinterhäuser - in vielen anderen Städten eine eher untypische Struktur, die wir hier in Berlin aber sehr ausgeprägt haben. Ein großer Vorteil für die Investoren und Bauherren: eine maximale Ausnutzung der Grundstücke! Das andere war, dass dadurch sehr unterschiedliche Wohnverhältnisse und Wohnqualitäten auf einem Grundstück, auf einer Parzelle entstanden sind."

Andrej Holm erinnert an einen sozialreformerisch klingenden Anspruch, den der Stadtplaner James Hobrecht erst Jahre nach dem Entstehen dieser Mietskasernen formulierte, nämlich 1868 in seiner Schrift "Über die öffentliche Gesundheitspflege":

Nicht "Abschließung", sondern "Durchdringung" scheint mir aus sittlichen und darum aus staatlichen Rücksichten das Gebotene zu sein. In der Mietskaserne gehen die Kinder aus den Kellerwohnungen über denselben Hausflur wie diejenigen des Rats oder Kaufmanns auf dem Weg nach dem Gymnasium. Wenn eine Mutter aus dem englischen Arbeiter-Viertel ihr Kind ungewaschen, ungekämmt und zerlumpt umherlaufen lässt, so wird sich die Mutter aus der Kellerwohnung einer Mietskaserne doch scheuen, dies zu tun, denn sie weiß sich beobachtet und dem Tadel besserer Mitbewohner ausgesetzt.

"Getrieben war das vielfach auch von der Angst, dass es konzentrierte Armutsviertel gibt und die dann auch unkontrollierbar sind, als Hort von Revolten, Aufständen und moralischem Verfall."

Über Hobrechts Absichten und vor allem über die tatsächlichen Ergebnisse seiner Planung ist lange gestritten worden. Der Historiker Werner Hegemann geißelte die Mietskasernen in den zwanziger Jahren als "Gefängnisse" und "Verbrechen an der Berliner Bevölkerung". Die in Ost-Berlin aufgewachsene Autorin Daniela Dahn dagegen erinnerte sich 2001 in ihrer "Prenzlauer Berg-Tour" gerne an "Hinterhöflichkeit" und meinte damit das Gefühl, "direkter als anderswo füreinander verantwortlich zu sein". Und die Architektin Hilde Léon konstatiert:

"Natürlich ist es keine Erfindung der Berliner, sondern das Hofhaus ist fast ein Archetypus des menschlichen Wohnens. Also, insofern hat es eine wahnsinnig lange Geschichte - und ich behaupte, es wird auch in Zukunft noch weitergehen."