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Tonart | Beitrag vom 26.02.2016

Star-Violinist Frank Peter ZimmermannIm siebten Geigenhimmel

Von Christoph Vratz

Violinist Frank Peter Zimmermann bekommt in New York, von Liya Yu, der Tochter eines chinesisch-deutschen Unternehmers, eine Stradivari übergeben. Die millionenschwere Geige hat Zimmermann als Leihgabe von ihrem Besitzer erhalten. (picture alliance / dpa / Anja Rauschardt)
Frank Peter Zimmermann mit seiner Neuen. Die Stradivari wurde ihm von der Tochter des Eigentümers übergeben. (picture alliance / dpa / Anja Rauschardt)

Er war eine der weltbesten Geigen gewöhnt, dann musste Frank Peter Zimmermann das Instrument abgeben. Doch ein Geschäftsmann aus China sorgte für würdigen Ersatz und lieh ihm seine Stradivari. Nun schwebt Zimmermann im siebten Geigenhimmel.

Dezember 2015: Frank Peter Zimmermann bereist mit dem WDR-Sinfonieorchester China. Gerade ist er in Shanghai eingetroffen, als kurz vor der nächsten Probe Herr Wu vorstellig wird. Er lässt fragen, ob Zimmermann seine neu erworbene Geige anspielen wolle. Nur zögernd willigt der Musiker ein.

Die besten Stradivaris kosten mehrere Millionen Euro

Zimmermann: "Dann habe ich aber doch den Kasten aufgemacht, und ich sah natürlich sofort, das ist eine 'Strad'. Die Geigen, die wirklich tollen, berühmten 'Strads' haben alle eine eigene riesige Persönlichkeit und ein ganz eigenes Timbre."

"Strad", das ist die Kurzform für Stradivari, den berühmtesten Geigenbauer der Welt. Der Wert seiner besten Instrumente liegt im mittleren einstelligen Millionenbereich. Zimmermann nimmt die Geige in die Hand – und erkennt sofort, wem sie einmal gehört hat: dem großen belgischen Geiger Arthur Grumiaux.

 "Diese unglaubliche Süße!"

Zimmermann:  "Und dann ein paar Töne, auf der E-Saite diese unglaubliche Süße! Und je nachdem, wie man vibriert, meint man, der Grumiaux spielt da selbst drauf. Und ich habe dann wahrscheinlich nach zehn, fünfzehn Tönen sofort begonnen, Mozart darauf zu spielen, weil ich hatte diese Eingebung."

Es handelt sich tatsächlich um Grumiaux' Stradivari mit dem Namen "General Dupont". Wie aber ist es möglich, dass Zimmermann sie sofort und allein am Klang zuordnen konnte?

Zimmermann:  "Bei Grumiaux war es halt so: Ich bin mit seinen Aufnahmen aufgewachsen. Ich kann mich erinnern, dass mein Vater schon die Schränke voll hatte mit Mozart- und Bach-Aufnahmen, mit den Trio-Aufnahmen, und in der Zeit hat er diese Geige gespielt, also in den 50er und 60er Jahren."

Geeignetes gab der Markt nicht her – dann der Volltreffer

Knapp ein Jahr lang hat Zimmermann verschiedene Geigen ausprobiert, hier gehorcht, dort gefragt – doch etwas Geeignetes gab der Markt nicht her. Und nun dieser Volltreffer!

Zimmermann:  "Sie ist sehr gut erhalten, sie hat auch noch sehr viel Original-Lack. Sobald ich die Geige anstreiche, ist es eine so unglaublich leichte Ansprache, es ist wie wenn man eine Auster öffnet und ein bisschen Zitronensaft auf die lebende Auster oder wenn man die Gabel von der Seite in die Auster pitscht."

Und auf einmal muss Zimmermann all seine Erfahrungen als Musiker wieder neu justieren. 

"Die Stradivari ist eine ziemliche Primadonna"

Zimmermann:  "Man verliebt sich in eine Geige, so wie ich mich jetzt sofort nach ein paar Tönen in die Dupont-Grumiaux da verliebt habe. Aber es dauert Jahre, bis man dann wirklich so ein Instrument wieder voll beherrscht und alle Nuancen kennt."

Zimmermann: "Man merkt, mein Gott, wie viel Arbeit ist jetzt wieder da, und man muss so viele Nuancen und Dinge überdenken. Wie mache ich das mit dem Bogen, wie mache ich das mit dem Vibrato? Weil die Geige ist, wie alle 'Strads', eine ziemliche Primadonna, sie ist nicht einfach zu spielen. Und man will doch das Allerbeste aus ihr herausholen und sie wirklich spüren lassen, dass sie sich wohlfühlt, dass ich möchte, dass sie sich wohlfühlt."

Und dann, endlich, kommt der Moment, als Zimmermann erstmals mit sich und dem Instrument allein sein kann. Wieder zuhause, in Köln. 

Auf der Suche nach näselnden Tönen

Zimmermann: "Ich fange meist auf so für mich neuen Instrumenten an, erst einmal ein bisschen Technik zu üben, einfach fast nonvibrato Terzen-Tonleitern zu üben, und dann hört man sofort, welche Töne sind besonders obertonreich, welche Töne sind ein bisschen näselnd. Wenn man die Geige einfach so singen lässt, wie sie ist, ohne viel selbst beizutun, dann merkt man, was das Potenzial ist und wie weit man gehen kann."

Diese neue, alte Geige stammt von 1727 und ist ein Spätwerk des über 80-jährigen Stradivari. Drei Jahre lang darf Zimmermann nun darauf spielen und damit reisen – so sieht es der Leihvertrag vor. 

Zimmermann: "Diese Obertöne oder einfach die Süße, das hat nur 'Strad'. Auf der G-Saite… Das hat schon dunkle Töne, aber es ist halt nicht ganz so dunkel wie die Lady. Jetzt ist immer die Frage: Soll man da so drücken. Ich finde bei Bartók, der rechte Arm oder die rechte Hand muss einen gewissen Druck ausüben, was ich sonst nicht mache bei anderen Komponisten. Aber es hat etwas mit Paprika im Klang, was bei Bartók immer sein muss. Und das ist so eine Frage, ob ich das bei dieser Geige machen soll oder nicht. Es ist eher mit Schwung zu spielen als. das sind so Sachen, die muss man halt ausprobieren über Monate, auch im Saal."

Seine "Ex" liegt in einem Stuttgarter Tresor

Während Zimmermann nun mit dem "General Dupont" arbeitet, liegt die "Lady Inchiquin", seine Ex, in einem Stuttgarter Tresor – die Höchststrafe für hochwertige Streichinstrumente. Denn gut in Schuss bleiben sie nur, wenn sie regelmäßig gespielt werden. Wie aber erklärt Zimmermann einem Laien den Unterschied zwischen "General" und "Lady"?

"Die Geige ist heller, D- und G-Saite haben auch eine gewisse Tiefe, aber doch nicht so tief mitternachtsblau, wie die Lady war. Dafür hat sie auf der E-Saite eben das genau, was man auf den Aufnahmen von Grumiaux hört, so einen unglaublichen Schmelz, was mich dann auch wieder entschädigt. Sie hat so etwas Apollinisches – apollinisch ist das Wort, das ich für Grumiaux mit seinem unglaublichen Klang wählen würde. Und die Lady war grundsätzlich auf allen vier Saiten so unglaublich ausgeglichen, und sie hatte – das ist vielleicht aber auch die Zeit, 1711 war Stradivaris größte Zeit, da war er absolut auf dem Höhepunkt –, hatte fast etwas Guarneriartiges auf den beiden tiefen Saiten."

 

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