Seit 09:07 Uhr Im Gespräch
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 09:07 Uhr Im Gespräch
 
 

Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 13.04.2015

Städteplanung und Bürgerbeteiligung Partizipation macht Architektur!

Von Susanne Hofmann

Saniertes Studentenwohnheim in Berlin (Foto: NOSHE)
Ein Projekt der Architektin Susanne Hofmann: saniertes Studentenwohnheim in Berlin (Foto: NOSHE)

Immer mehr Menschen wehren sich gegen "Gentrifizierung" und die damit verbundenen Veränderungen. Die Architektin Susanne Hofmann plädiert in diesem Konflikt für mehr Bürger-Mitbestimmung. Denn dadurch könne man erkennen, was wirklich in einer Stadt gebraucht wird.

Es wird eng in den großen deutschen Städten. Das Wohnen in ihren inneren Quartieren ist begehrt und längst findet ein heftiger Verdrängungswettbewerb statt, der den weniger zahlungskräftigen Bewohnern mehr und mehr den Wohnort diktiert, Orte, die nicht ihre erste Wahl sind, eher belasten als gefallen.

Die Menschen in Deutschland lehnen sich auf gegen die "Gentrifizierung" und die damit verbundenen Veränderungen, die soziale Entmischung und Verdrängung. Die Fragen "Wem gehört die Stadt?" und der Slogan "Wir sind die Stadt!" sind längst Allgemeingut. Der Soziologe Henri Lefebvre leitete aus dem Widerstand gegen eine solche Entwicklung schon 1969 seine Forderung nach dem "Recht auf Stadt!" ab.

Einige Bundesländer antworten mit der Neuauflage des sozialen Wohnungsbaus und manche Städte und Kommunen verabschieden soziale Erhaltungssatzungen.

Die Angst vor Veränderung

Die Politik reagiert, denn die Bürger mischen sich ein. Eine neue Stadt wird gefordert, die weniger anonym wirkt, nicht nur wohnlicher, sondern auch herzlicher ist und die den Menschen die Angst vor Veränderung nimmt. Impulse wie Kritik sind längst aus den Städten auf den ländlichen Raum übergesprungen.

Nicht nur Politikern, öffentlicher Verwaltung, Bauunternehmen und Planern, sondern gerade Architekten wird hier wie da vorgeworfen, zu sehr eigenen Vorstellungen zu folgen und viel zu wenig einzugehen auf Wünsche von Bauherren und Nutzern.

Als Architektin habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Erwartungen der Kunden an das Bauen uns nicht behindern, sondern die ganz wesentliche Grundlage eines Entwurfes sind. Erst durch Partizipation können wir erkennen, was jene brauchen, die zukünftig Kindergärten, Schulen, Studentenwohnheime oder Wohnungen nutzen sollen und sich darin wohlfühlen wollen.

Wie Räume gestaltet werden können, wie Eigenheimer oder Mieter, wie Kinder, Eltern und Senioren, wie Nachbarn zusammenleben wollen, was sie teilen oder tauschen möchten, all das erkundet unser Büro "Die Baupiloten" vorab – und zwar in kreativ-spielerischen Workshops, in einer regelrechten Wunschforschung.

Dinge mit viel Phantasie umsetzen

Meist geht es darum, recht alltägliche Dinge mit viel Phantasie in Entwürfen umzusetzen. Und natürlich darf das alles nicht viel kosten. Der Rahmen des Budgets ist heilig, Anregungen sind es aber auch.

So haben wir ein Berliner Studentenwohnheim aus den 1960er-Jahren saniert und umgebaut. Weil die Bewohner das Grün zwischen den Häusern, bislang lediglich als Abstandsflächen angelegt, ebenfalls "bespielen" wollten, richteten wir ihnen eine Art Freilicht-Raum ein, mit wetterfesten Wohnzimmerleuchten und stabilen Sitzgelegenheiten.

Für eine Siedlung im niedersächsischen Dötlingen machten wir uns gemeinsam Gedanken zum Leben und Wohnen im Alter auf dem Land. Manche Teilnehmer wünschten, die eigene Küche recht klein zu halten und lieber eine große Küche für die Gemeinschaft einzurichten. Andere schlugen eine waldige Diskutier-Insel, eine Freiluft Aktiv-Wiese, einen Nutzgarten vor und viele wollten als Herz der Wohnanlage einen gemeinschaftlichen Vergnüg-Platz.

Architekten können Stadtgebiete und Wohnorte gestalten, aber sie werden keine gesellschaftlichen Missstände beseitigen. Andererseits: Häuser, die nicht zum Stein des Anstoßes werden, stiften Identität, wirken als soziale Katalysatoren und helfen, Konflikte zu vermeiden. So macht Partizipation Architektur.

Architektin Susanne Hofmann (privat)Architektin Susanne Hofmann (privat)Susanne Hofmann, Jahrgang 1963, ist Architektin und Hochschullehrerin an der TU in Berlin. Sie forschte und promovierte zum Thema "Atmosphären als partizipative Entwurfsstrategie" und leitet das Architekturbüro "Die Baupiloten BDA". In ihrem gerade erschienenen Buch "PARTIZIPATION MACHT ARCHITEKTUR" zeigt sie an Ergebnissen ihrer Forschung und Bauprojekten der Baupiloten, wie die Teilhabe der Nutzer am architektonischen Entwurf produktiv gestaltet werden kann. (www.baupiloten.com)

Mehr zum Thema:

Gentrifizierung - Der Rebell von München
(Deutschlandradio Kultur, Zeitfragen, 08.09.2014)

Wohnungsmarkt - Regulierung gegen Gentrifizierung
(Deutschlandradio Kultur, Interview, 07.01.2014)

Protest gegen "Gentrifizierung"
(Deutschlandradio Kultur, Thema, 22.06.2009)

Hörerkommentare

Wir behalten uns vor, Kommentare vor Veröffentlichung zu prüfen. Bitte befolgen Sie unsere Regeln. Für die Kommentarfunktion nutzen wir testweise ein System der US-Firma Disqus, Inc. Weitere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

comments powered by Disqus

Politisches Feuilleton

Kollektive RegressionLieber Komfortzone als Daueralarm
Zeichnung eines angsteinflößenden Clowns von Marion Auburtin (Clown Maléfique - Serie La Nuit des Masques/ Marion Auburtin)

In der Komfortzone richten sich die Veränderungsunwilligen ein. Doch so schlecht sei diese Zone gar nicht, meint Psychotherapeut Christian Kohlross. Denn die Alternative dazu sei nicht gesund: Alarm als gesellschaftlicher Dauerzustand.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur