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Kompressor | Beitrag vom 15.09.2015

StadtentwicklungGemeinsam wohnt es sich besser

Von Jürgen Stratmann

Die sich vegan ernährenden Robert Kresse (l), Silke Bott (M) und Robert Elzer (r) blicken in ihrer Wohngemeinschaft in Karlsruhe in den mit Gemüse gefüllten Kühlschrank (Foto vom 04.08.2010). (picture-alliance / dpa / Uli Deck)
Die Mitglieder einer WG blicken in einen gefüllten Kühlschrank. (picture-alliance / dpa / Uli Deck)

Steigende Mieten, schwindende Freiräume - in Großstädten wird das Leben teurer. Auf den Experimentdays in Berlin treffen sich Wohnprojekte und Initiativen, die sich eine andere Stadtentwicklung wünschen. Die Szene hat schon beachtliche Erfolge vorzuweisen.

Was einem ganz schnell bewusst wird, wenn man im Pulk von gut 15 Radfahrern spätnachmittags, mitten im Kreuzberger Feierabendverkehr, herumradelt, ist sicher: Wer solche Exkursionen organisiert, braucht schon eine gewisse aktivistische "Wir-legen-erst-mal-los,-mal sehen-wie-weit-wir kommen"-Mentalität.

"Allein die Logistik, das so hinzukriegen, dass man so schön in der Gruppe fährt, ist nicht so ganz einfach. Die einen sind ein Bisschen schneller, die andern langsamer, dann kommen die Ampeln dazwischen - und schon ist alles zerrissen."

Stimmt!

"Wie's aussieht, werden wir immer weniger - scheint so ..."

Aber zum Glück wurde ja vorher geklärt, wo man sich später treffen könnte:

"Sag mir nochmal, wo das ist?"

"Der Mittelweg?"

"Ja!"

"Das ist so eine querschießende Schiefstraße."

Aha! Los ging's am sogenannten Kreuzberger "Dragoner-Areal" - ein Ort mit dunkler Historie. Hier wurde 1911 eine Gruppe aufständischer Arbeiterführer von den hier stationierten Soldaten bestialisch niedergemetzelt. Trotzdem:

"Dragoner-Areal ist ein Begriff, den die Investoren geprägt haben."

Wohl, weil er so glanzvoll nach Preußens Gloria klingt - jetzt ist der alte Kasernenhof zugebaut mit Hinterhofgewerbe und endlosen Mietgaragen-Reihen. Auf den ersten Blick eher unattraktiv. Allerdings:

"Dieses ganze Gelände hinter uns - das ist ein ganzer Block, hat gerade ein Wahnsinnserfolg hinter sich. Das wissen einige von euch: Es ist nicht zum höchsten Preis verkauft worden - das ist ziemlich einzigartig!"

Eine lebendige und bunte Siedlung

Denn der Bund verkauft seine Grundstücke normalerweise immer an den Meistbietenden - ein Investor wollte hier ein Luxusressort errichten. Jetzt soll hier eine lebendige, buntgenmischte Siedlung entstehen:

"Wir haben uns jetzt eineinhalb, fast zwei Jahre dafür eingesetzt ..."

... erklärt Anna vom Bündnis "Stadt von Unten". Zum Protest inspiriert worden sei man auch: Auf einer Party. Das Kollektiv "Reclaim your city" sei in eins der alten Kasernengebäude eingestiegen und habe dort eine Kunstaustellung gemacht:

"Hier waren ganz viele Menschen, die sich die Ausstellung angeguckt haben, getrunken und getanzt haben. Und das war so ein erster Moment von: Aha, es ist gar nicht so schwer, und man könnte jetzt auch einfach hier bleiben - das war auch immer so ein Thema während unserer Kampagne: Sollen wir nicht einfach besetzen? Müssen wir erst besetzen, bevor jetzt jemand versteht, was Sache ist?"

Sie haben nicht besetzt, sondern sind jetzt:

"Ein Bisschen stolz, dass wir ein Bisschen Bundespolitik gemacht haben."

"Also: Herzlichen Glückwunsch! Großartig! Applaus!"

Und dann - wieder auf die Piste. Die Hütte am Kotti, ein kleines Holzhäuschen der Mieter-Initiative Kotti und Co.

"Das ist unser Protesthäuschen!"

Was andere mit ehrgeiziger Konzeption ganzer Wohnblocks erreichen wollen - ein lebendiges Umfeld, soziale Durchmischung - gelingt hier auf geschätzten zwölf Quadratmetern unter einem Spanplattendach.

"Wir haben hier 24 Stunden die Hütte bewachen müssen, und nicht nur die Nachbarn haben sich hier in Schichten eingeteilt, sondern auch alle möglichen Leute aus der Stadt, auch Leute, die vielleicht gar nicht so große Probleme haben mit der Miete. Ich fand immer sehr rührend, wenn dann die Alternativ-Mütter mit ihren Kindern aus der Kita mit ihren selbstgebackenen Kuchen vorbeigekommen sind."

Und: Es hat sich gelohnt. Das Problem der Verdrängung sozial Schwacher aus Kreuzberg ist heute allgemein bekannt. Außerdem:

"Es gibt einen Mieterhöhungsstopp für 35.000 Sozialwohnungen in Berlin - das ist schon mal was."

Kunst und Kultur in der ehemaligen Kindl-Brauerei

Die dritte Station: das Gelände der ehemaligen Kindl-Brauerei in Neukölln. Es heißt ja oft von offizieller Seite: Wer Freiräume sucht, kann die sicher finden - nur eben nicht mehr in der Innenstadt. Ich habe gelernt: Doch, man kann die auch in der Innenstadt finden - wenn man weiß, wo man suchen muss. Denn mitten in Neukölln, genau unter unseren Füßen, geht's:

"Vier Etagen nach unten in den Rollberg rein - das waren die alten Gärkeller der Brauerei. Da ist superviel Platz, fast 40.000 Quadratmeter Brutto-Geschossfläche, das sagt doch schon einiges aus!"

Das Neuköllner Künstler und Managerkollektiv Agora hat hier großes vor:

"Der Plan von allen ist, das zum Ort zu machen für Kultur, Soziales und Gewerbe, eine Stadtteilkonferenz abzuhalten, in der die Nachbarschaft ihre Vorschläge einreichen und die Vorschläge diskutiert werden können."

Wie gesagt, es gibt noch Freiräume in der Stadt. Man muss sie nur finden - und dann darum kämpfen.

Mehr zum Thema:

Selbstorganisierte Stadtentwicklung - Wie möchten wir wohnen?
(Deutschlandfunk, Corso, 14.09.2015)

Fazit

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