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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 18.11.2008

Stabilisieren oder stalinisieren?

Vom Pumpen und Prassen

Von Bernd Wagner

Warum sollte man seinen Reichtum verbergen? (AP Archiv)
Warum sollte man seinen Reichtum verbergen? (AP Archiv)

Wenn kürzlich ein Cartoonist einen nicht näher erkennbaren Politiker ins Mikrophon sprechen ließ "Wir müssen die wirtschaftliche Lage stalinisieren ... äh stabilisieren", so kann man diese Übertreibung seiner östlichen Herkunft zugute halten.

Wie dem Autor dürften ihm die Rufe nach Verstaatlichung, sei es aus dem Munde des französischen Präsidenten oder eines deutschen Gewerkschaftlers, besonders laut im Ohr hallen; wie der hat er in Erinnerung behalten, dass Gier nicht allein in der plötzlich nur noch Kapitalismus genannten Demokratie, sondern nicht weniger im Sozialismus zuhause ist. Doch auch derjenige, dem diese Erfahrungen fehlen, sollte bei einem Blick auf die durchaus beträchtlichen sozialistischen Einsprengsel innerhalb der westlichen Gesellschaft stutzig werden: Sind es nicht die Banken mit staatlicher Beteiligung, die sich am tiefsten verzockt haben und zuerst die Steuergelder in Anspruch nehmen? Bekommen nicht auch gewisse Betriebsräte, Partei- und Stiftungsvorsitzende Gehälter, die in keinem Verhältnis zu ihren häufig bescheidenen Arbeitsleistungen stehen?

Sie alle hantieren mit Geld, das mehr und mehr zu einer imaginären Größe geworden ist. Gemälde, die vor 100 Jahren wegen ihrer Unverkäuflichkeit zu Selbstmorden ihrer Schöpfer führten, kosten heute zweistellige Millionenbeträge, nicht billiger sind ein paar halbwegs talentierte Fußballerbeine zu haben, und nennenswerte Posten in Staatsbudgets, Firmenbilanzen und Privatvermögen lassen sich nur noch in Milliarden beziffern. Imaginär an diesen Summen ist nicht nur das Fehlen jeglicher Beziehung zu realen Werten, sondern dass es sich fast ausschließlich um gepumptes Geld handelt.

Auf Pump wurde und wird die deutsche und europäische Einheit finanziert; mit gepumptem Geld trugen die amerikanischen Unterklässler unseren letzten Wirtschaftsaufschwung, weil sie damit ihre Häuser, Autos und Kühlschränke bezahlten; seine alten Schulden vergisst im Moment der Krise plötzlich der Staat und häuft neue darauf, um uns durch ein "Rettungspaket" zum Kauf neuer Autos, Häuser und Kühlschränke zu animieren. Doch wer darin den Beweis für die Überlegenheit der Plan- über die Marktwirtschaft sieht, sei daran erinnert, dass die DDR dann unterging, als sie ihr gepumptes Geld nicht mehr zurückzahlen konnte.

Nein, wer schon das schuldenbelastete Rad der Zeit zurückdrehen will, sollte es über den Sozialismus hinaus bis zum Feudalismus tun. Schon unter dem Gesichtspunkt, dass der jährliche Kauf eines Neuwagens vielleicht ein Wirtschaftssystem, aber nicht die Welt am Zusammenbrechen hindern kann, ist er eine bedenkenswerte Alternative. Noch deutlicher wird seine Überlegenheit am vieldiskutierten Beispiel unserer Spitzenmanager. Gehört es wirklich zu den Hauptproblemen unserer Gesellschaft, dass sie zu hohe Gehälter, Bonuszahlungen und Abfindungen bekommen? Nein und abermals Nein! Sie bekommen nicht zu viel Geld, sondern sie arbeiten zu viel! Anstatt unser verpumptes Geld an pleitegehende Banken zu überweisen oder, wie Herr Mehdorn, das Land mit betonierten Bahnsteigen, Brücken und Bahnhofs-Kaufhäusern zuzupflastern, sollten sie endlich der Verpflichtung wirklicher Aristokraten zum repräsentativen Nichtstun nachkommen.

Erinnern wir uns einmal an jene seligen Zeiten, die uns nicht nur Bahnsteige, sondern Schlösser, Parks, Orangerien und den Champagner hinterlassen haben. Was waren dort die Aufgaben der Spitzen der Gesellschaft? Nun, Bilanzen zu ziehen und Dividenden auszuschütten gewiss nicht. Sie hatten vielmehr ihr Geld, ob gepumpt oder nicht, auf möglichst glanzvolle Weise zu verprassen. Hatten ihren ärmeren Mitbürgern ein Festspiel des Menschenmöglichen zu liefern, ja darüber hinaus einen Abglanz des Göttlichen, falls noch jemand weiß, was ich meine. Dieser Gott, den sie zu vertreten hatten, war aber keineswegs der protestantische Schöpfergott, sondern einer, der, wenn er überhaupt jemals etwas geschaffen hat oder zugelassen, dass es geschaffen wurde, seine restliche Zeit mit Nichtstun verbrachte.

Wie aber sieht der Alltag unserer neuen Aristokratie aus? Sechzehn Stunden am Tag Konferenzen, Telefonate und andere Termine, und wenn sie dann nach Feierabend von Bodyguards in ihre abgeschirmten Ghettos gebracht werden, können auch sie nur so viel essen, bis der Magen voll ist, und noch ein bisschen fernsehen. Wer hat etwas von ihren Millionen und Milliarden? Weder sie noch wir. Sie sollten endlich die vielfach beschworene Kreativität anstatt zum Verdienen von noch mehr Geld zu seinem möglichst sinnvollen, das heißt sinnlosen Ausgeben einsetzen. Öffentliche Feste geben und Feuerwerke zünden lassen, Windjammerparaden mit ihren Yachten veranstalten, sich Perücken, Pferde und Mätressen anschaffen und damit ein allen sichtbares Zeichen zur Anfeuerung des Konsums geben.

Bernd Wagner, Schriftsteller, 1948 im sächsischen Wurzen geboren, war Lehrer in der DDR und bekam durch seine schriftstellerische Arbeit Kontakt zur Literaturszene in Ost-Berlin. 1976 erschien sein erster Band mit Erzählungen, wenig später schied er aus dem Lehrerberuf. Von Wagner, der sich dem Protest gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns anschloss, erschienen neben einem Gedichtband mehrere Prosabände und Kinderbücher. Als die Veröffentlichung kritischer Texte in der DDR immer schwieriger wurde, gründete Wagner gemeinsam mit anderen die Zeitschrift "Mikado". Wegen zunehmender Repression der Staatsorgane siedelte er 1985 nach West-Berlin über. Zu seinen wichtigsten Büchern zählen "Die Wut im Koffer. Kalamazonische Reden 1-11" (1993) sowie die Romane "Paradies" (1997), "Club Oblomow" (1999) und "Wie ich nach Chihuahua kam". Zuletzt erschien "Berlin für Arme. Ein Stadtführer für Lebenskünstler".

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