Seit 07:20 Uhr Politisches Feuilleton
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 07:20 Uhr Politisches Feuilleton
 
 

Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 15.09.2009

Staatsbesuch beim Klassenfeind

Chruschtschow trifft als erster sowjetischer Regierungschef in den USA ein

Von Ralf Geißler

Nikita Chruschtschow spricht 1960 vor den Vereinten Nationen in New York (AP Archiv)
Nikita Chruschtschow spricht 1960 vor den Vereinten Nationen in New York (AP Archiv)

"Die ganze verdammte Familie kommt", so titelte die New Yorker "Daily Mail" vor 50 Jahren, als Nikita Chruschtschow die USA besuchte. Denn neben dem üblichen Tross an Diplomaten brachte er auch zahlreiche seiner Verwandten mit.

Besuch beim Klassenfeind: Am 15. September 1959 landet der sowjetische Ministerpräsident Nikita Chruschtschow auf dem US-Luftwaffenstützpunkt Andrews bei Washington. Zum ersten Mal seit Beginn des Kalten Krieges betritt der mächtigste Mann des Ostblocks amerikanischen Boden. Er wird mit allen diplomatischen Ehren empfangen: Salutschüsse, die sowjetische Hymne erklingt, und US-Präsident Dwight D. Eisenhower hält auf dem roten Teppich eine lange Rede.

"Herr Generalsekretär. Ich begrüße Sie, Ihre Familie und Ihre Begleitung in den Vereinigten Staaten."

Während Eisenhower spricht, winkt Chruschtschow fröhlich mit seinem schwarzen Hut. Der sowjetische Regierungschef will locker wirken:

"Wir Russen sagen: Eine wichtige Aufgabe beginnt man am Morgen. Wir sind in Moskau heute sehr früh losgeflogen. Und ich freue mich, dass unsere erste Begegnung auf amerikanischem Boden noch am Morgen desselben Tages stattfindet. Da sehen Sie, unsere Länder liegen gar nicht so weit auseinander."

Fast zwei Wochen will Chruschtschow die USA bereisen – auf Einladung Eisenhowers Land und Leute kennenlernen. Bei Gesprächen, so die Hoffnung, können Missverständnisse im Kalten Krieg beseitigt werden. Auf dem Programm stehen unter anderem Besuche in New York, San Francisco und Hollywood, Treffen mit Senatoren und einfachen Farmern. Hunderte Journalisten begleiten die Reise. Darunter auch der NDR-Reporter Peter von Zahn.

"Einige glauben sogar, dass Chruschtschow angesichts des amerikanischen Lebensstandards stutzig werden und seine Ansicht über die Mürbe und Schwäche der amerikanischen Zivilisation ändern werde, weshalb man ihm viele Supermärkte, Einzelhäuser und automatisierte Farmen zeigen sollte."

Doch Chruschtschow lässt sich nicht beeindrucken. Fast überall erzählt er, dass die Sowjetunion den USA überlegen sei. In seiner Haltung sieht sich der sowjetische Regierungschef bestätigt, als er trotz großer Sicherheitsvorkehrungen im Fahrstuhl eines Luxushotels steckenbleibt. Bei einem Treffen mit amerikanischen Arbeiterführern kommt es sogar zum Streit.

"Der Präsident der Bierbrauergewerkschaftler fragte, was der Massenauszug von Arbeitern aus Ländern zu bedeuten habe, in denen die Kommunisten die Macht ergreifen. Chruschtschows Antwort lautete ungekürzt: Ist das alles? Denken Sie noch mal nach! Trinken Sie Ihr Bier! Vielleicht hilft Ihnen das, eine Antwort zu finden."

Es treffen buchstäblich zwei Welten aufeinander. Während die sowjetische Presse die Reise als "Friedensfahrt durch Amerika" feiert, betonen westliche Medien, wie ungehobelt Chruschtschow auftritt. Besonders gern spotten die Reporter über die altmodische Kleidung der Gäste.

"Es wurde mit einer gewissen Dankbarkeit konstatiert, dass Frau Chruschtschowa dem Gala-Abendessen im Weißen Haus die Rücksicht angedeihen ließ, wenn nicht wie die anderen Damen im großen Abendkleid, so doch bodenlang und in Seide zu erscheinen. Während ihr allgewaltiger Eheherr es für passend befand, den Fracks und weißen Krawatten in seinem Reiseanzug und mit grauen Schlips gegenüberzutreten."

Immer wieder hat Chruschtschow den Eindruck, man begegne ihm nicht mit dem nötigen Respekt. Mehrfach droht er, die Reise abzubrechen. Doch dann lässt sich der Gast stets besänftigen. Die letzten drei Tage seiner Reise führt Chruschtschow Gespräche mit Eisenhower auf Camp David. In der anschließenden Pressekonferenz dürfen die Journalisten Fragen stellen.

"Herr Generalsekretär. Könnten Sie kurz zusammenfassen: Haben Sie heute irgendeinen Vorschlag zur Linderung der internationalen Spannungen gemacht, den Sie nicht schon vorher einmal gemacht haben?"

Chruschtschows Antwort: diplomatisch vage.

"Man sollte nicht neue Probleme aufrühren, sondern sich damit begnügen, die Probleme zu lösen, die bereits existieren. Wir dürfen uns nicht durch eine Diskussion über neu aufgeworfene Fragen ablenken lassen, solange nicht die fundamentale Frage gelöst ist."

Immerhin: Chruschtschow betont, er wolle das Eis des Kalten Krieges brechen. Er wünsche eine friedliche Koexistenz. Am 28. September fliegt er zurück nach Moskau. Ein Jahr später soll Eisenhower zum Gegenbesuch kommen. Doch diese Reise findet nie statt. Die Sowjetunion entdeckt im Mai 1960 ein U2-Spionageflugzeug der USA in ihrem Luftraum, schießt es ab und lädt Eisenhower wieder aus.

Kalenderblatt

Der Maler Frans HalsDen Augenblick erhaschen
Das Gemälde von Franz Hals mit dem Porträt des Tuchhändlers Tieleman Roosterman rückt ein Angestellter des Londoner Auktionshauses Christie's am 12.4. zurecht. (dpa / AFP / Sinead_Lynch)

Würdevoll und stolz - so ließen sich die Niederländer Anfang des 17. Jahrhunderts darstellen. Der Maler Frans Hals brach mit den Konventionen. Statt Posen abzubilden, zeigte er lebendige Wesen, dem Augenblick verhaftet. Vor 350 Jahren starb der niederländische Maler.Mehr

Vor 175 JahrenHoffmann von Fallersleben dichtet das "Lied der Deutschen"
Spieler der deutschen Fußballnationalmannschaft singen die Nationalhymne (picture alliance / dpa / Thomas Eisenhuth)

Am 26. August 1841 schrieb Hoffmann von Fallersleben das “Lied der Deutschen” auf die Melodie eines Streichquartetts von Joseph Haydn. 1922 wurde es zur Nationalhymne erhoben, im Nationalsozialismus missbraucht und schließlich mit der dritten Strophe nach 1949 Nationalhymne der Bundesrepublik und auch des vereinten Deutschlands. Mehr

Wolfgang LanghoffEr machte das DT zur Vorzeigebühne der DDR
Der Intendant des Deutschen Theaters in Berlin (DDR) und Nationalpreisträger Wolfgang Langhoff.  (picture-alliance / dpa)

Er wurde Kommunist, kam ins Konzentrationslager und formte das Deutsche Theater zur wichtigsten DDR-Bühne neben Brechts Berliner Ensemble: der Schauspieler und Regisseur Wolfgang Langhoff. Als Theatermacher bekam er zu spüren, was es bedeutet, wenn idealistische Vorstellungen auf die Realität treffen. Vor 50 Jahren starb er.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur