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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 19.06.2012

Staatliche Gewalt und Rebellion

Die Gesichter der syrischen Opposition

Von Martin Durm

Syrische Flüchtlinge im Lager Reyhanli an der türkische Grenze zu Syrien
Syrische Flüchtlinge im Lager Reyhanli an der türkische Grenze zu Syrien (picture alliance / dpa - Jean Rene Auge/wostok Press)

Die Vereinten Nationen haben Syrien auf die "Liste der Schande" gesetzt, weil Regierungstruppen und Milizen offenbar selbst Kinder als Schutzschilde missbrauchen, foltern und töten. Je brutaler das syrische Regime gegen die Opposition vorgeht, je größer die Gewalt im Land, desto mehr Menschen fliehen.

Vom türkischen Grenzland aus agieren Oppositionelle aller Schattierungen und Kommandeure der rebellierenden Freien Syrischen Armee. Ihre Vertreter leben im Exil wie in einem Niemandsland: nicht mehr in ihrem vom Bürgerkrieg zerrissenen Land, aber auch nicht wirklich draußen.

Die Grenzwälder von Hatay - nahe der Mittelmeerküste, wo die Türkei im Südwesten auf Syrien trifft. Idlib, das täglich unter Beschuss liegt, ist nur 15 Kilometer entfernt. Aber hier ist es still, friedlich, könnte man meinen. Hohe Pinien überall auf den Hügeln, der Waldboden ist gepolstert mit getrockneten Nadeln. Auf syrischer Seite ist er vermint.

Zwischen Wäldern und Olivenhainen liegen drei Dörfer, zwei Flüchtlingslager, ein Grenzübergang. Auf legalem Weg ist hier schon lange niemand mehr rüber gekommen. Das syrische Regime hat Familien und Männern zwischen 18 und 40 die Ausreise verboten. Mohammed Assaed Faizeh ist aber zweifellos jünger als 40. Er steht am Ortsrand des türkischen Dorfes Ischrin und schaut durch ein Fernglas rüber auf die syrische Seite.

Er macht das jeden Tag, sagt er. Und sieht: Einen schnurgeraden Stacheldrahtzaun, der die Landschaft in gerader Linie zerschneidet. Drei syrische Soldaten, die sich auf einer Anhöhe in einem zweistöckigen Rohbau verschanzen. Und links davon ein paar verlassene Häuser. Das ist Scherbet al Schaus, sagt Mohammed Assaed Faizeh, dort war er daheim:

"Ich hab’ da drüben 6000 Olivenbäume stehen, und 1000 Apfelbäume. Du kannst sie von hier aus sehen - da drüben auf dem Hügel. Letztes Jahr konnten wir sie schon nicht abernten. Und dieses Jahr wird’s wohl auch wieder nichts. Es ist eine Schande. Aber am Ende ist es die Sache wert: Wenn Assad weg ist, dann geh ich einfach rüber - über die Grenze - und kümmere mich wieder um die Bäume. Bäume wachsen nach. Wenn nur Baschar endlich weg wäre."

Auf ein paar Scheunen auf türkischer Seite prangt die Aufschrift: Baschar Kalb – Baschar ist ein Hund. Daran lässt sich ablesen, dass die türkisch-syrischen Beziehungen, die vor dem Aufstand noch sehr eng waren, mittlerweile ziemlich angespannt sind. Als vor einigen Wochen syrische S oldaten in dieser Gegend über die Grenze hinweg auf Flüchtlinge schossen, droht Ministerpräsident Erdogan dem syrischen Regime sogar mit der NATO.

Trotzdem gehen hier täglich Syrer illegal über die Grenze - ein lebensgefährliches Unterfangen. Und ein Geschäft, an dem Mohammed inzwischen ganz gut verdient:

"Wenn Leute rüber wollen in die Türkei, werde ich angerufen. Ich habe drüben zwei ehemalige syrische Polizisten, die zur Opposition übergelaufen, Sie arbeiten für mich. Sie sagen mir: Da sind zwei oder drei, die abhauen wollen. Dann sorg ich dafür, dass wir sie sicher auf die andere Seite bringen. Im Grenzzaun sind ein paar Löcher, von denen nur wir wissen. Die Türken sind großzügig. Die schauen einfach weg."

Die Türkei hat mittlerweile 25.000 Syrer aufgenommen und in grenznahen Lagern untergebracht. Es ist eine vergleichsweise großzügige Flüchtlingspolitik der offenen Tür. Männer und Frauen gehen im Lager von Yayladagi ein und aus, Kinder nutzen das große Eingangstor als Klettergerüst.

Nieder mit Baschar, singen sie, Baschar muss gehen, aber wir bleiben in Idlib, auch wenn wir kein Gas und kein Wasser mehr haben. Aber dann, als die Panzer kamen, mussten sie doch gehen, zusammen mit ihren Vätern, die ihnen die Spottlieder beibrachten in den Straßen von Idlib.

Wir haben Angst vor Baschar, sagen sie. Wir haben schlimme Sachen gesehen. Wir würden gerne zurück, nach Hause. Aber wenn wir nach Hause gehen, werden uns Baschars Soldaten töten.

Es gebe dort zu viele böse Soldaten, sagen die Kinder. Es gebe auch Gute. Aber nicht genug, um Baschar zu verjagen.

Im Verbindungsbüro der FSA in der türkischen Provinzmetropole Antakya sitzt ein abgekämpfter Offizier der Freien Syrischen Armee und lacht. Gerade wurde ihm eine Frage gestellt, die ihm vollkommen abwegig erscheint: Hätte er in Syrien eine Zukunft, eine Überlebenschance, wenn das Assad-Regime an der Macht bleibt? Für ihn war das offensichtlich ein schlechter Witz.

Heute früh bin ich aus Idlib gekommen. Ich bin hier über die Grenze und geh morgen früh wieder zu meinen Männern zurück. Die Katiba, die Einheit, die ich führe, besteht aus 150 Kämpfern. Aber mit den paar Gewehren, die wir haben, können wir gegen die Regierungstruppen nicht viel ausrichten. Wir können ihnen allenfalls Probleme machen, wenn sie in unsre Wohnviertel vordringen.

Vor sechs Monaten desertierte er aus der Regierungsarmee, weil er nicht auf Protestierende schießen wollte. Als ehemaliger Offizier übernahm er dann in Idlib eine Katiba und nannte sie "Tahrir i schemal – freier Norden. Von wem er Befehle bekommt, weiß er selbst nicht so genau. Offiziell von General Mustafa al Scheich, der operativen Chef der FSA. Scheich ist als bislang Einziger aus dem Generalstab zu den Aufständischen übergelaufen. Aber es gibt auch noch Oberst Assaed, der wesentlich früher desertierte und die Autorität General Scheichs nicht akzeptiert.

Es gibt einen Hohen Militärrat, ein paar hundert lokale Milizen, säkulare, kurdische, sunnitische, auch islamistische wie die "Front zum Schutz des Volks der Levante", die wiederum zum Umfeld von al Kaida zählt. Die einen haben sich dem Hohen Militärrat unterstellt, andere sind lose mit ihm vernetzt, wieder anderen sind mit ihm zerstritten. Im Grunde, sagt der Offizier, muss jeder selbst schauen wie er durchkommt:

"Ich bringe, was ich finden kann. Wir brauchen, Kameras, Telefone, alles was Kommunikation ermöglicht... ich nehme Lebensmittel mit, Verbandszeug, Medikamente – ich würde auch Waffen einschleusen, wenn wir welche bekämen. Wir nehmen, was wir kriegen."

Von den sogenannten "Freunden Syriens" hat er noch nie etwas bekommen. Dabei haben die "Freunde Syriens" – zu denen mittlerweile über 70 Staaten gehören, die USA, Frankreich, Saudi-Arabien – nun schon bei drei Konferenzen den Oppositionellen großzügige Hilfe in Aussicht gestellt.

Herausgekommen ist bislang aber nur die offizielle Anerkennung des sogenannten "Syrischen Nationalrats". Im Grunde ist er eine Ansammlung von Exilanten, die teilweise schon in den 80er-Jahren aus Syrien flohen: Moslembrüder aus Homs, linke Intellektuelle aus Damaskus, Christen, Kurden.

Sie haben zwar die Unterstützung der internationalen Staatengemeinschaft gewonnen, doch es fehlt ihnen der Kontakt zu denjenigen, die in Syrien kämpfen. Die freie syrische Armee würde niemals Anordnungen von Exilanten entgegennehmen, und die Rebellen im Grenzgebiet halten ohnehin nichts vom syrischen Nationalrat und seinen Repräsentanten.

"Wir halten hier den Kopf hin, riskieren unser Leben in Syrien, und die Herren vom Nationalrat sitzen im Ausland und tun so, als seien sie die Führer des Aufstands. Dabei sitzen sie doch nur auf Konferenzen in Fünfsternehotels und wohnen in Istanbul. Vor ein paar Tagen haben wir hier einen Verletzten über die Grenze gebracht. Wir mussten ihn auf einer Leiter durch die Berge schleppen, weil wir nicht mal Tragbahren haben.

40 Kilometer, und ständig mussten wir uns vor der Armee verstecken. Er hat die ganze Zeit Blut verloren. Als wir dann auf der türkischen Seite waren, kam einer vom syrischen Nationalrat mit einem Journalisten angefahren und ließ sich mit dem Verwundeten fotografieren. Und wir standen da und warteten vier Stunden, bis endlich Hilfe kam."

Es ist schwer – nein: es gar nicht möglich, auch nur einen einzigen Rebellen zu finden, der sich positiv über den syrischen Nationalrat äußern würde. Ein Nationalrat, der sich auf internationalen Konferenzen als legitimer Vertreter der syrischen Opposition präsentiert. Der aber von den aufständischen nicht respektiert wird. Dass es da ein Problem mit der Legitimität gibt, scheine selbst die dreihundert Mitglieder des syrischen Nationalrates zu ahnen. Einer von ihnen ist Dr. Talaal Abdallah, ein Arzt, der seit Jahren im türkischen Antakya lebt:

"Mag sein, dass es da ein paar Meinungsunterschiede zwischen uns im Ausland und der Opposition innerhalb Syriens gibt. Aber so etwas lässt sich nun mal nicht vermeiden. Man muss doch auch sehen: Am Ende haben wir alle nur ein gemeinsames Ziel: Wir wollen, dass Assad stürzt. Das verbindet uns miteinander - trotz aller Differenzen."

Aber was kommt nach Assad? Eine parlamentarische Demokratie, wie es die Christen im Nationalrat verlangen? Oder eher eine präsidiale, wie von manchen Kurden gewünscht? Oder vielleicht doch eine Staat auf Grundlage der Sharia, wie es sich die Moslembrüder vorstellen würden, die den Nationalrat politisch und finanziell dominieren? Im blutigen Alltag des Aufstands stellen sich ganz andere Fragen: Was hat es zu bedeute n, wenn sich immer mehr Milizen die Kampfnamen mittelalterlicher islamischer Kriegsherren geben? Wenn bei Demonstrationen immer öfter der Aufruf zum Märtyrertod im heiligen Krieg?

Wie reagieren Syriens Christen darauf? Sie hatten sich jahrzehntelang mit dem Assad-Regime arrangiert. Nun fürchten vielen von ihnen Chaos und islamistische Anarchie.
"Die Christen fürchten nicht die Revolution, sondern, was danach kommen könnte. Sie haben Angst davor, dass in Syrien Zustände wie im Irak herrschen könnten, wo sie verfolgt und verjagt werden. Das ist ihre Angst."

Derweil scheint Baschar al Assad längst nicht am Ende zu sein. Seine 200.000 Mann starke Streitmacht wird von Russland und Iran mit Waffen versorgt. Ihnen stehen 10. - vielleicht 15.000 Kämpfer der Freien Syrischen Armee gegenüber. Auf dem Schwarzmarkt zahlen sie drei Dollar für eine Kalschnikowpatrone.

"Wir geben nicht auf, wir haben in letzter Zeit auch immer wieder angegriffen. In Idlib haben wir bestimmt 150 Regierungssoldaten getötet. Aber jetzt können wir uns nur noch verteidigen. Es wird immer schwerer für uns, weil sie mit Panzern in die Stadt kommen. Wir können den Panzer nicht viel entgegensetzen. Wir graben Minen aus, wir bauen mit Chemikalien IEDs - Sprengfallen - um sie in die Luft zu jagen. Fünf haben wir erwischt."

Terror und Gegenterror – die syrischen Rebellen haben längst die Unschuld der ersten Revolutionstage verloren. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hat berichtet, dass auch in ihren Reihen gefoltert und gemordet werde.

Die Aufständischen weisen solche Vorwürfe mit Empörung zurück. Das sei Verleumdung, behaupten sie. Das sei Lügenpropaganda des Assad-Regimes, die nur darauf abziele, den Widerstand im Ausland zu diffamieren.

Am Ende geht es um die Glaubwürdigkeit der Opposition und um die Frage, wie sehr sie die sogenannten Freunde Syriens unterstützen.

"Wir nehmen jede Hilfe an, sagen sie bei der freien syrischen Armee. Jede form der Unterstützung ist uns willkommen, egal, ob sie von der Nato kommt, von den Amerikanern, den Türken oder von Saudi-Arabien. Wir brauchen Waffen und Munition. Alles andere erledigen wir."

Der Sondergesandte der Vereinten Nationen, Kofi Annan, hat inzwischen seine eigenen Vermittlungsbemühungen für gescheitert erklärt. Die freie syrische Armee hat inzwischen ihrerseits den Waffenstillstand aufgekündigt. Es hatte sich ohnehin niemand daran gehalten. Jeder für sich und Assad gegen alle.

In den Lagern jenseits der syrischen Grenze werden sich die Flüchtlinge noch auf eine lange Wartezeit einrichten müssen. Die Kinder werden tun, was sie immer tun, egal wo sie sind und was sie sind: sie werden spielen. Die Männer werden vorm Lagertor sitzen und rauchen und die Frauen werden gegen ihre Verzweiflung ankämpfen.