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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 16.11.2009

Spuren eines kargen Lebens

Pauline de Bok: "Blankow oder Das Verlangen nach Heimat", weissbooks, Frankfurt am Main 2009, 310 Seiten

Die Protagonistin zieht es in die Natur. (Stock.XCHNG / Gerla Brakkee)
Die Protagonistin zieht es in die Natur. (Stock.XCHNG / Gerla Brakkee)

Die Ich-Erzählerin, offensichtlich mit der niederländischen Autorin Pauline de Bok identisch, hat den Plan gefasst, für eine Weile aus der Zivilisation auszusteigen. Sie verlässt Amsterdam und zieht sich auf ein mecklenburgisches Gehöft zurück - einsam gelegen, Fuchs und Fledermaus sagen sich dort buchstäblich gut’ Nacht.

Sie verordnet sich diese große Portion Einsamkeit auf dem menschenleeren Land, um ihre Angst vor der eigenen Einsamkeit zu bekämpfen. Sie hat einen Hund, den sie misstrauisch beobachtet, wie sie alles um sich herum mit einem gewissen Misstrauen beobachtet. Sie ist nicht der Idylle wegen in das verlassene Haus gefahren, es ist eine Art Selbsterkundung, die man an der leicht knurrigen Art im Umgang mit sich selbst und ihren Erfahrungen erkennt.

"Blankow oder Das Verlangen nach Heimat" ist ein deutsches Geschichtsbuch, gesehen mit den skeptischen, unsentimentalen und immer wieder neu überraschten Augen einer Fremden. Nach der Aneignung von Haus und Garten - die Erzählerin rodet, gräbt, pflanzt und erntet - beginnt die Recherche. Das Land ist ihr fremd, es hat, schreibt die Erzählerin, etwas "Feindliches". Im Zentrum stehen die Familien, die auf dem 1827 gebauten Gehöft ein karges Leben geführt haben. Ein bäuerliches Leben, geprägt über die Zeiten, von der Landflucht nach Amerika in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, den beiden Weltkriegen, dem Durchzug der Roten Armee im April 1945, der Kollektivierung der Landwirtschaft durch den neuen Staat DDR bis zum Fall der Mauer. Pauline de Bok findet auf dem Dachboden Pläne, Verträge, Liebesbriefe und macht sich zögernd auf die Suche nach Spuren der einstigen Bewohner von Blankow.

Das Besondere an dieser Recherche sind nicht die Geschichten von Vertreibung, Evakuierung, Einquartierung und kargem Leben, das Besondere sind die dazwischengeschobenen und dem Text seine Form gebenden Betrachtungen über die hügelige, von Seen durchzogene Landschaft, über Jahreszeiten, über die Macht, die von der Natur auf den Menschen übergeht. Geleitet von dem Hund, geführt von den Wegen, die von den Rädern der Traktoren gezogen sind, streift sie umher, beobachtet die Tiere, fürchtet sich vor ihnen. Je mehr sie sich an das Leben draußen gewöhnt und je mehr sie lernt, die Zeichen der Natur zu verstehen, desto geringer werden ihre Furcht, ihre Verdächtigungen, ihre Idiosynkrasien.

Die Sprache, in der dies geschrieben ist, ist nüchtern, in der klaren Diktion einer durch Betrachtungen und intensive Naturbeobachtungen angereicherten Dokumentation. Es ist ein fast ethnologisch zu nennender Bericht über die Auswirkungen von Politik, Arbeitsbedingungen und Umgebung auf die Bewohner eines Landstrichs. In diesem Fall dem dünnbesiedelten Mecklenburg-Vorpommern. Der Niederländerin Pauline de Bok mit dem "fremden" Blick ist mit dieser ostdeutschen Recherche eine eindringliche Mentalitätsgeschichte gelungen.

Besprochen von Verena Auffermann

Pauline de Bok: Blankow oder Das Verlangen nach Heimat. Roman
Aus dem Niederländischen von Waltraud Hüsmert
weissbooks, Frankfurt am Main 2009
310 Seiten, 22 Euro

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