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Thema / Archiv | Beitrag vom 07.06.2013

Sprachwissenschaftler: Die Hälfte aller Sprachen ist bedroht

Ausschlaggebend sind sozioökonomische Faktoren

Nikolaus Himmelmann im Gespräch mit Susanne Führer

Kleine Lokalsprachen würden nicht mehr als Muttersprache weitergegeben, so Himmelmann. (AP)
Kleine Lokalsprachen würden nicht mehr als Muttersprache weitergegeben, so Himmelmann. (AP)

Die sprachliche Vielfalt auf unserer Welt wird in absehbarer Zeit drastisch abnehmen, prophezeit Nikolaus Himmelmann, Linguistikprofessor an der Universität Köln. Derzeit gebe es etwa 7000 Sprachen, die auf der Welt gesprochen würden.

Susanne Führer: Immer mal wieder treten ja Sprachpuristen auf den Plan und sehen das Deutsche oder auch das Französische durch die Übermacht des Englischen bedroht. Da geht es dann meist um Anglizismen, also so schöne Wörter wie "downloaden" oder den "Backshop". Na ja - ob die Sprache dadurch nun wirklich bedroht ist ... Andere Sprachen sind wirklich bedroht, sie sterben aus.

Ihnen widmete sich in den vergangenen drei Tagen eine internationale Tagung in Hannover. Der Titel lautete "Dokumentation bedrohter Sprachen", und einer der Organisatoren ist Professor Nikolaus Himmelmann. Er lehrt Allgemeine Sprachwissenschaft an der Universität in Köln. Ich habe ihn zuerst gefragt, welche und wie viele Sprachen zurzeit bedroht sind.

Nikolaus Himmelmann: Es gibt etwa 7000 Sprachen, die derzeit noch auf der Welt gesprochen werden, und moderate Schätzungen besagen, dass etwa die Hälfte davon bedroht ist. Das wären also 3500.

Führer: Das klingt furchtbar viel - warum?

Himmelmann: Weil wir derzeit weltweit ein Phänomen beobachten, dass eben kleinere Lokalsprachen nicht mehr als Muttersprache weitergegeben werden, sondern die Eltern mit ihren Kindern in regionalen, nationalen Sprachen sprechen, die von ihnen als irgendwie höherwertig bewertet werden.

Führer: Aber das wirkt doch erstaunlich. Also ich würde doch so spontan sagen, meine Muttersprache, da spreche ich doch spontan mit meinem Kind auch in der Muttersprache.

Himmelmann: Das würde man so denken, aber wenn Sie in anderen Kulturen tätig sind, wo wir zum Beispiel tätig sind, da gibt es ganz verblüffende Phänomene. Da beklagen sich die Leute darüber, dass ihre Kultur verschwindet, dass die Sprachen nicht verwendet werden, und dann drehen sie sich um und sprechen mit ihren Kindern in der Nationalsprache.

Zum Beispiel: Ich arbeite in Indonesien an verschiedenen Orten, da habe ich das also regelmäßig beobachtet. Und noch drastischer in einem gewissen Sinne ist, es gibt oft so ältere Generationen, also die Großelterngeneration, die oft gar kein Indonesisch kann, die sprechen aber, die lernen quasi mit den Babys indonesisch und sprechen zu den Babys indonesisch. Die sehen, was die Eltern mit den Babys machen und lernen dann diese fünf Worte, die man mit Babys so verwendet.

Führer: Weil das Indonesische als höherwertig gilt, weil Sie meinen - also wie bei uns, die Eltern wollen ihren Kindern alle Chancen geben und ...

Himmelmann: Ja. Man glaubt, das bessere Leben hängt an der Sprachwahl.

Führer: Sie haben jetzt Indonesien genannt. Gibt es andere Regionen, wo Sie sagen, da sterben jetzt gerade besonders viele Sprachen aus?

Himmelmann: Das kann man generalisieren. Das ist das, was wir unter dem Phänomen Globalisierung unter anderem verstehen, dass wir überall auf der Welt sehr ähnliche Tendenzen haben. Da können Sie nach Afrika gehen, Nigeria, Sudan, Äthiopien, das sind die Hotspots, wo es sehr viele kleine Sprachen noch gibt. Da finden Sie genau diese Wechselphänomene. Sie finden das in Indonesien, Papua-Neuguinea, im Amazonasgebiet, in Südamerika.

Führer: Es handelt sich also sozusagen um einen freiwilligen Verzicht auf die Muttersprache und nicht darum, dass die verboten wird. So was kennen wir ja auch. In der Türkei war jahrzehntelang der Gebrauch des Kurdischen verboten.

Himmelmann: Ja. Also diese Verbotsstrategie und die aktive Repression von Sprachen, das sind Phänomene des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Was wir jetzt haben, ist das, was man unter den Begriffen sozioökonomische Faktoren fassen muss. Und das heißt, wie freiwillig das ist, ist natürlich immer eine Frage, wie Sie die Gesamtsituation einschätzen, warum Eltern diese Wahl so treffen, wie sie sie treffen.

Führer: Kann man denn sagen, dass heute mehr und schneller Sprachen aussterben als im 19. Jahrhundert?

Himmelmann: Ja. Da sind wir ganz sicher. Und das ist auch das, warum es diese Initiative gegeben hat und warum es auch eine Gesellschaft für bedrohte Sprachen in Deutschland gibt. Dass Sprachen sich wandeln, dass Sprachen auch verschwinden und neue Sprachen entstehen, das gehört zum Leben der Sprache sozusagen dazu. Und in ihrer Anmoderation haben Sie auf so Phänomene hingewiesen - die sind ganz normal.

Sprachen mischen sich, sie verändern sich und so weiter. Und es sind sicherlich auch schon viele Sprachen ausgestorben in den 50-, 60-, 100.000 Jahren Menschheitsgeschichte. Aber das ist eben weltweit von Indonesien, Amazonas, Afrika, im Polarkreis und auch an den südlichen Enden unserer Erde überall dieses Phänomen des Sprachwechsels gibt, dass die Muttersprache nicht mehr mit den Kindern gesprochen wird, das ist ein Phänomen der letzten 50, 60 Jahre, und die Sprachwissenschaft hat etwas länger gebraucht, das zu bemerken. Seit den 90er-Jahren ist das dann Thema geworden.

Führer: Und, meinen Sie, sollte man etwas dagegen unternehmen, dass diese Sprachen aussterben oder sagen, na ja, so ist es halt?

Himmelmann: Das ist eine sehr schwierige Frage. Was heißt, etwas dagegen unternehmen? Man müsste ja dann die Eltern zwingen, mit ihren Kindern in ihren traditionellen Sprachen zu sprechen. In der Formulierung macht das keinen Sinn. Man kann und sollte, das ist zumindest die Auffassung der Gesellschaft für bedrohte Sprachen, informieren darüber, dass dieses Phänomen statt hat und wie es funktioniert, und dass es eigentlich nicht wirklich gut motivierte Entscheidungen sind der Eltern, wenn sie mit ihren Kindern nicht mehr in den Lokalsprachen sprechen, denn die Wissenschaft heutzutage hat relativ deutlich nachgewiesen, dass ein guter Erwerb der Muttersprache eigentlich die beste Grundlage ist, um sich sprachlich besonders gut und kreativ zu entwickeln.

Führer: Ich spreche mit dem Sprachwissenschaftler Nikolaus Himmelmann über bedrohte Sprachen. Herr Himmelmann, Sie ziehen jetzt auf dieser Tagung auch die Bilanz eines Projektes, das deuteten Sie gerade an, das die Volkswagen-Stiftung seit dem Jahr 2000 gefördert hat, eben dieses Projekt "Dokumentation bedrohter Sprachen". Wie haben Sie denn diese Sprachen dokumentiert? Sind Sie also, wie wir Radioleute, da losgezogen mit Aufnahmegerät und Mikro und haben gesagt, sag mal was?

Himmelmann: Ja. Also, etwas verkürzt, ziemlich genau so. Ganz so einfach ist es natürlich nicht. Man muss längere Gespräche führen mit der Sprachgemeinschaft, auch mit Regierungsbehörden sprechen, was man da machen will, was auch die Interessen der Sprachgemeinschaft sind, aber dann ist - der Kern der in diesem Programm erstellten Dokumentation besteht aus Audio- und Videoaufnahmen von alltäglichen Sprachsprechereignissen.

Führer: Alltägliche Sprachsprechereignisse - also, Sie haben Alltagsunterhaltungen aufgenommen.

Himmelmann: Ja, jeder Art. Das kann sowohl die alltägliche Konversation sein, das kann ein Witz sein, das kann aber auch die traditionelle orale Literatur sein, das kann ein vier Tage langes Ritual sein, in dem Sprache eine Rolle spielt. Also, der Versuch ist, die ganze Bandbreite an kommunikativen Ereignissen, die es in einer Sprachgemeinschaft gibt, zu erfassen.

Führer: Und meinen Sie, dass diese Dokumentation dazu beiträgt, die Sprachen zu bewahren im Sinne von am Leben zu erhalten, oder bewahren im Sinne von Museum?

Himmelmann: Bewahren im Sinne von Museum zunächst mal, wobei das digitale Spracharchiv, was im Rahmen dieser Initiative geschaffen worden ist, zu der neuen Form von Archiven gehört, die man lebendige, lebende Archive nennt, "Living Archives", das heißt, an diesen Daten wird man weiter arbeiten über die nächsten Jahrzehnte, und es besteht auch die Möglichkeit, dass die Sprachgemeinschaften sich Dinge aus diesen Archiven wieder herunterladen und sich mit ihrer eigenen Geschichte und Kultur auf der Basis dieser Archive beschäftigen.

Führer: Die Globalisierung und dazu die digitale Welt fördern ja sehr die Verbreitung des Englischen, was ja, wie gesagt, von manchen Sprachpuristen schon sehr bedauert wird. Aber kann nicht auch gerade das Internet jetzt auch dazu beitragen, solche kleine Sprachen zu bewahren?

Himmelmann: Doch, das kann es, soweit die erworben worden sind. Das heißt, was Sie in diesen Kulturen, in denen wir arbeiten, in Indonesien oder in Afrika finden, ist, dass die erwachsene Generation, die die Sprache tatsächlich noch als alltägliches Kommunikationsmittel verwendet, dass, wenn die sich mit der modernen Technologie vertraut machen - und das Gerät, was heute weltweit verbreitet ist, ist das Handy, das Mobiltelefon, das finden Sie überall auf der Welt in Raten zwischen 40 bis 80 Prozent der Bevölkerung auf der Welt überall, da können Sie hingehen, wo Sie wollen, haben Handys und können die auch bedienen und können damit auch ins Internet und können Facebook machen, können Twitter senden und verwenden dabei ihre lokalen Sprachen.

Führer: Also wir sprechen jetzt immer von bedrohten Sprachen, die aussterben. Entstehen eigentlich auch neue Sprachen?

Himmelmann: Ja. Das dauert ein bisschen, aber im Prinzip ist das auch ein bekanntes Phänomen, wobei das typischerweise so passiert, dass Sie eine Sprache wie das Englische oder eine Nationalsprache wie das Indonesische haben und sich da regionale Varianten bilden. Das Englische in Großbritannien ist anders als in USA, ist anders als in Neuseeland. Und wenn Sie beim Englischen heutzutage so ganz extreme Varianten nehmen, zum Beispiel das nigerianische Englisch und das neuseeländische Englisch und die zwei sich in ihren Varianten unterhalten lassen, dann verstehen die sich nicht, und das ist für Linguisten die Definition einer Sprache.

Das heißt, wir haben eigentlich heute mehrere Englische, nicht mehr nur eins. Dass die Sprache so völlig von Nichts erfunden wird, das geht nicht mehr. Man hat ja irgendwie immer eine Sprache ...

Führer: Esperanto hat es nicht geschafft. Aber das Schweizer Deutsch.

Himmelmann: In welchem Sinne?

Führer: Also Esperanto hat es ja nicht geschafft, zu einer lebenden Sprache zu werden, aber Schweizer Deutsch ist ja tatsächlich für mich jetzt nicht verständlich.

Himmelmann: Ja. Und das hat was damit zu tun - und Holländisch auch nicht. Linguistisch betrachtet ist es ja so, dass, wenn Sie von den Alpen ans Meer gehen, im Prinzip das ein großes Bündel - dass da ein Übergang von einem Dialekt zum nächsten ist und eigentlich jeder Nachbar sich eigentlich versteht. Aber die beiden Enden nicht mehr. Und da wir jetzt aber auch staatlich anders verfasst sind, ändert sich das Schweizer Deutsch in eine Richtung, die es immer weiter entfernt vom Hochdeutschen. Und auch das Niederländische hat sich immer weiter entfernt vom Hochdeutschen, wobei das vor 300 Jahren - da gab es keine Grenzen in der Form, wo man sagen könnte, hier ist jetzt plötzlich Holländisch und vorher war es Niederrheinisch.

Führer: Das sagt Professor Nikolaus Himmelmann. Er lehrt Allgemeine Sprachwissenschaft an der Uni Köln und hat die Tagung "Dokumentation bedrohter Sprachen", die heute in Hannover zu Ende geht, mit organisiert. Danke für das Gespräch, Herr Himmelmann!

Himmelmann: Bitte sehr!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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