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Interview / Archiv | Beitrag vom 02.11.2012

Sprachstörungen bei Kleinkindern sind kein Erziehungsfehler

Logopädieforscherin: Richtige Diagnose und Therapie hilft Kindern

Julia Siegmüller im Gespräch mit Marietta Schwarz

Das beste Sprachtraining für Kinder: Mit ihnen lesen und sich viel unterhalten.
Das beste Sprachtraining für Kinder: Mit ihnen lesen und sich viel unterhalten. (dpa / picture alliance / Waltraud Grubitzsch)

Wenn Kinder schlecht sprechen, kann das mehrere Ursachen haben. Vieles Fernsehen, wie oft angenommen, ist nicht alleine dafür verantwortlich, so Sprachexpertin Julia Siegmüller. Aber übermäßiger TV-Konsum kann die Symptome verstärken.

Marietta Schwarz: Immer mehr Kinder haben Sprachstörungen. Nach einer Studie der Barmer-Ersatzkasse ist davon ein Drittel der Vorschulkinder betroffen, bundesweit sind es laut Studie um die zehn Prozent aller Kinder bis 14 Jahre. Andere Quellen sagen sogar, 20 Prozent. Diese Kinder haben Schwierigkeiten, kurze, vollständige Sätze zu bilden, aber auch zu verstehen. Ist das eine neue Krankheit oder nur eine Modeerscheinung?

Forscher und Ärzte jedenfalls nehmen dieses Phänomen sehr ernst. Im vergangenen Jahr hat sich sogar eine interdisziplinäre Forschungsgemeinschaft gegründet, die GISKID, die sich mit Auffälligkeiten in der Sprachentwicklung beschäftigt. Ab heute veranstaltet sie eine Tagung zum Thema in Leipzig.

Julia Siegmüller ist Vorsitzende dieser Gesellschaft für interdisziplinäre Spracherwerbsforschung, und mit ihr habe ich vor der Sendung gesprochen. Frau Siegmüller, ist das ein neues Phänomen, Sprachentwicklungsstörungen bei Kindern?

Julia Siegmüller: Nein, nein. Das Phänomen gibt es schon sehr lange, es ist schon sehr lange bekannt, schon 1902 wurde der sogenannte kindliche Agrammatismus beschrieben und damals gleichgesetzt mit Intelligenzminderung und solchen Dingen. Also, dieses Phänomen gibt es schon sehr lange. Es bekommt nur in letzter Zeit immer mehr Aufmerksamkeit, weil es in unserer Gesellschaft immer schwieriger ist, ohne gute Sprachkenntnisse zurechtzukommen.

Schwarz: Wie merkt man denn, dass bei einem Kind in dieser Richtung etwas nicht stimmt?

Siegmüller: Also, in der Regel beginnen diese Kinder zu spät zu sprechen. Meistens schon kommt das erste Wort verzögert, das heißt, nicht im normalen Bereich – das ist normalerweise so um den ersten Geburtstag herum –, sondern teilweise erst Richtung zweiten Geburtstag. Und dann geht es auch sehr stark verlangsamt weiter, sodass gerade mit dem Einschulungszeitpunkt eben die Sprache nicht auf dem Niveau ist, wie sie bei anderen Kindern ist.

Schwarz: Aber das hat jetzt nichts mit Stottern oder sonstigen Defiziten zu tun?

Siegmüller: Nein, nein, gar nicht, gar nicht. Also, die Kinder fangen tatsächlich manchmal an zu stottern zusätzlich noch, dann gehen wir aber davon aus, dass sie zwei Probleme haben.

Schwarz: Und was ist das, ist das ein psychischer Defekt?

Siegmüller: Tja, so genau weiß man das nicht. Also, im Moment gehen wir davon aus, dass es mehrere Ursachen gibt, dass es also eine sogenannte multikausale Störung ist, die aus verschiedenen Quellen entspringen kann. Es gibt Familienhäufungen, das heißt, wenn Oma das hat, hat Mama das, hat Papa das, dann kriegt das Kind das auch oder hat, trägt ein stärkeres Risiko, das zu bekommen. Es gibt aber auch genau so gut viele, viele Kinder, bei denen das nicht vorliegt. Relativ sicher sind wir, dass man eine echte Sprachentwicklungsstörung nicht anerziehen kann, also auf Erziehungsfehler zurückführen kann, das gilt als recht unwahrscheinlich.

Schwarz: Interessant, denn das ist ja, wenn man das hört, eigentlich auch ein gefundenes Fressen für alle Kulturpessimisten, die da sagen, kein Wunder, die Kinder hängen nur noch vor der Glotze oder vorm Laptop und lesen keine Bücher mehr! Also, damit hat es definitiv nichts zu tun?

Siegmüller: Jein. Also, stellen Sie sich vor, in dem Kind ist so etwas in irgendeiner Form ein bisschen angelegt, nicht, also, das Kind hat nicht ganz optimale Sprachverarbeitungsfähigkeiten, dann kann natürlich ein schlechtes und weniges Kommunizieren mit anderen Kindern, mit anderen Erwachsenen, sondern ein Ersetzen der Kommunikation durch Fernsehen dazu führen, dass so eine Sprachentwicklungsstörung schon an die Oberfläche tritt. Also, Fernsehen ist nicht optimal. Aber es ist nicht so, dass Fernsehen das Ganze hervorruft.

Schwarz: Also, sprich, in einem bildungsfernen Haushalt könnte es sein, dass die Anlage verstärkt wird?

Siegmüller: Ja. Und Sie müssen bedenken, dass diese Bildungsferne ja auch schon durch irgendetwas entstanden ist. Es kann sein, dass die Mutter das auch schon hatte, oder der Vater, und das in der Zeit, als die klein waren, gar nicht erkannt und behandelt worden ist.

Schwarz: Können denn Bildungseinrichtungen – Kitas, Kindergärten, Schulen – da irgendwie dem entgegenwirken, oder müssen sie es sogar?

Siegmüller: Ja, das ist eine ganz schwierige Frage. Also, ich glaube persönlich nicht, dass eine Erzieherin oder auch eine Lehrerin in der Grundschule in der Lage ist, in ihrem Alltag eine Sprachstörung aufzufangen. Was sie sicherlich tun kann, ist, zu helfen, die Kinder zu finden. Aber dann müssen die Kinder, wenn sie eine wirkliche Sprachentwicklungsstörung haben, therapeutisch behandelt werden. Eine Sprachförderung kann den Kindern helfen, die diese Veranlagung in sich tragen, bei denen es aber nicht ausgebrochen ist, oder auch Kindern eben, die eigentlich gar nichts haben, die aber durch ihre familiären Umstände einfach so wenig Reize, Sprachreize bekommen, dass sie sich nicht entwickeln können.

Schwarz: Was tut man dagegen?

Siegmüller: Dann braucht das Kind eine sprachtherapeutische Betreuung, das Kind muss zum Arzt, der Arzt muss die entsprechende Diagnose stellen und wird dann das Kind zu einer Sprachtherapeutin – das ist entweder eine Logopädin oder eine Patholinguistin oder auch eine diplomierte Sprachheilpädagogin – dahin weiter verordnen, und dort bekommt das Kind dann Einzeltherapie. Und das über einen relativ langen Zeitraum.

Schwarz: Jetzt haben Sie zu Beginn des Gesprächs erwähnt: Diese Fehlentwicklung oder verlangsamte Entwicklung, die gab es schon immer, zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Jetzt plötzlich stürzt sich eine Studie der Krankenkasse zum Beispiel darauf, ihre Forschungsgemeinschaft beschäftigt sich damit. Da hat es ja dann quasi 100 Jahre gedauert, bis man das noch ernster nimmt oder so ernst nimmt, wie man es nehmen muss. Warum?

Siegmüller: Ich glaube, dass der Druck auf Familien, auf Kinder oder auch aufs Gesundheitssystem immer größer wird, Sprachstörungen zu beheben, damit die Schullaufbahn, die Berufswahl, der Erfolg im Leben eines Menschen nicht dadurch nachhaltig gestört wird. Wenn Sie sich vorstellen, Sie können nicht lesen oder Sie verstehen Sätze nicht: Was Sie da mit dem Internet plötzlich an Informationsverlust haben heutzutage, ist nicht mit dem zu vergleichen, was 1960 oder 70 der Fall war. Dadurch wird diese Störung für die Erfolgschancen von Menschen jetzt immer zentraler. Sie ist viel zentraler als sie das war, als unsere Eltern klein waren. Da war das zwar nicht so schön, wenn jemand nicht gut sprechen und keine guten Sätze bilden konnte, aber es gab auch ganz andere Bereiche, in denen man sich relativ gut entwickeln konnte und wo man auch Erfolg haben konnte. Und diese Nischen, die werden wohl tatsächlich weniger.

Schwarz: Frau Siegmüller, was sagen Sie jungen Müttern, die ihre zweijährigen Kinder am liebsten schon in den Englischkurs schicken würden und jetzt panikartig dieses Gespräch hören und denken, mein Kind ist nicht weit genug?

Siegmüller: Auch darüber ist relativ wenig bekannt, was passiert, wenn Kinder nicht gut in die Sprache kommen und dann noch eine Fremdsprache erwerben sollen. Dieses Frühenglisch, was in den Kitas angeboten wird, hat in der Regel nicht allzu große Folgen bei den Kindern, weder positive noch negative. Es ist schön für die Kinder, um einfach das Gefühl zu entwickeln, es gibt noch was anderes als meine Sprache, aber man muss sich da nicht so große Sorgen machen. Man darf nur keine Wunder erwarten! Das Kind wird danach nicht Englisch können. Und vielleicht auch nicht besser Deutsch!

Schwarz: Julia Siegmüller, Vorsitzende der Gesellschaft für interdisziplinäre Spracherwerbsforschung. Danke Ihnen, Frau Siegmüller, für das Gespräch!

Siegmüller: Bitte!


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