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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 20.09.2013

Sprachkunstwerk der Moderne

T.S. Eliot: "Poems: The Waste Land und weitere Gedichte", Der Hörverlag, München 2013, 2 CDs

Der US-amerikanische Dichter T.S. Eliot im Jahr 1956 in London. (AP Archiv)
Der US-amerikanische Dichter T.S. Eliot im Jahr 1956 in London. (AP Archiv)

Das Gedicht "The Waste Land" von T.S. Eliot gilt als Meilenstein der modernen Literatur. Lyrik lesen ist das eine, sie zu hören das andere. Nun ist eine wunderbare, zweiteilige CD-Edition mit Werken des englischsprachigen Dichters erschienen - pünktlich zu seinem 125. Geburtstag am 26. September.

"The Waste Land ..."

Kann man sich der kanonischen Wucht eines Klassikers entziehen?

"April is the cruelest month, breeding / Lilacs out of the dead land, mixing / Memory and desire, stirring / Dull roots with spring rain."

Kann man sich entziehen der Wucht solcher Charakterisierungen wie der über das "bedeutendste Langgedicht der modernen und nicht nur englischsprachigen Dichtung", wie Durs Grünbein T.S. Eliots "The Waste Land - Das Öde Land" im Booklet der Doppel-CD nennt? Geht dies? Entziehen, um, ja, um Eliot naiv zu begegnen oder auch wieder zu begegnen.

"Winter kept us warm, covering / Earth in forgetful, feeding / A little life with dried tubers."

Acht Gedichte von T.S. Eliot. Gelesen in der deutschen Übertragung von Hans Magnus Enzensberger, Gert Heidenreich oder Hanns Zischler. Und - auf der ersten CD - T.S. Eliot in Aufnahmen von 1947, in denen er seine Gedichte selber rezitiert. Unter diesen acht - noch einmal Durs Grünbein - die "Mona Lisa der neueren Posie": "The Waste Land" von 1922. Ein Sprachkunstwerk über die Vereinzelung und Leere des Menschen in der Moderne kurz nach dem großen Schlachten des Ersten Weltkrieges.

"Summer surprised us. / Coming over the Starnbergersee / With the shower of rain."

Also noch einmal: Gibt es eine Chance, durch das Dickicht der Klassikerverehrung hindurch das Gedicht selbst überhaupt noch zu finden? Das Verblüffende - Hören hilft hier enorm. Das Paradoxe - ein absichtsloses Hören besonders.

"We stopped in the colonade / And went on in sunlight, into the Hofgarten, / And drank coffee, and talked for an hour."

Aller Anfang ist schwer, mühsam, manchmal, wie hier: nervig, ärgerlich.

"Bin gar keine Russin. Stamme aus Litauen."

Denn dieser Anfang des Hörens ist Nichtverstehen. In dem sich - gut, vorausgesetzt mal zweierlei: Erstens, "The Waste Land" ist innerlich noch nicht abgehangen, sprich, kommt einem noch nicht aus den Ohren wieder raus. Zweitens, man ist nicht native speaker, was bedeutet, dass die Worte fremd wirken, - Zusammenhänge sich oft nicht erschließen, geschweige denn Sinn.

"Frisch weht der Wind / Der Heimat zu, / Mein Irisch Kind, / Wo weilest du?"

Ein sich britisch gebender Amerikaner

Es bleibt nur hängen, dieser Eindruck vom Singsang in einem merkwürdig britischen Akzent. Wieso eigentlich britisch? Thomas Stearns Eliot war doch Amerikaner? Aber einer, der sich betont britisch gab und gar einen entsprechenden Akzent zulegte. Der Anfang, also beim Hören von "The Waste Land", die CD mit den englischen Originalfassungen, Track 5, den Hit zuerst, der Anfang ist Nichtverstehen, mit dem sich sich eine gewisse Gnatzigkeit paart. Zu diesem Klassiker der Weltliteratur treibt wohl doch ganz wenig hin.

"Madame Sosostris, famous clairvoyante, / Had a bad cold, nevertheless / Is known to be the wises woman in Europe."

Nur der ungewohnte Rhythmus, diese irritierenden Akzente, wenn T.S. Eliot liest, bleiben in Erinnerung. Und dann schleicht sich der Verdacht ein: Ist doch beim Hören möglicherweise mehr hängen geblieben außer dem Missmut?

Genug jedenfalls, um dem Hörbuch eine zweite Chance auf Deutsch zu geben. CD 2. Hanns Zischler mit dem Klassiker aller Klassiker:

"Das Öde Land"

In Norbert Hummelts deutscher Übertragung.

"April ist der übelste Monat von allen, …"

Und jetzt, jetzt passiert etwas.

"… treibt Flieder aus der toten Erde, ..."

Schwer zu analysieren, was es ist. Am Anfang.

" ... mischt Erinnerungen mit Lust, ..."

Sog. Ja!

"… schreckt spröde Wurzeln auf mit Frühlingsregen, ..."

Ein Sog von Sprache, ja! Es ist Lyrik, "ein Stück geformter, gehärteter, konzentrierter Sprache", wie Durs Grünbein in seinem Essay im Booklet schreibt. Wie auch immer, gerade Hanns Zischlers Vorlesen dieser - wie T.S. Eliot es selbst nannte -, dieser "rhythmischen Quengelei" entfaltet eine ungeheure Sprachkraft. Gedanken, Gefühle, Wahrnehmungen, Überlegungen fließen in diesem Gedicht zusammen, ineinander, übereinander.

Am besten ist es für dieses Hörbuch, das ein wunderbares Angebot darstellt, T.S. Eliot zu begegnen, am besten ist es, man stellt zwei CD-Player nebeneinander und spielt beide Versionen - englisch wie deutsch - parallel ab und blendet sich mal in die eine, mal in die andere. Die Kraft von Lyrik, die springt einen so heftig kräftig an.

"The fragments I have shored against my ruins. - Mit diesen Bruchstücken stütze ich meine Trümmer. - Why the Ile fit you. - Warum auch nicht? Passt schon! Hieronymo dreht wieder durch. - Hieronymo´s mad again. Datta. Dayadhvam. Damyata. - Datta. Dayadhvam. Damyata. - Shanti. - Shanti. Shanti. Shanti. - Shanti. Shanti."

Besprochen von Hartwig Tegeler

T.S. Eliot: Poems - The Waste Land und weitere Gedichte
Gelesen von T.S. Eliot, Hans Magnus Enzensberger, Gert Heidenreich, Stefan Hunstein und Hanns Zischler
Der Hörverlag, München 2013
2 CDs, ca. 120 Minuten, 19,99 Euro

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