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Nachspiel | Beitrag vom 16.04.2017

SportingenieureHöher, schneller, Hightech

Von Florian Felix Weyh

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Schwimmerinnen bei den Olympischen Spielen in London springen ins Becken. (imago - MIS)
Der richtige Badeanzug bringt zusätzlichen Vorsprung: Schwimmerinnen bei den Olympischen Spielen in London. (imago - MIS)

Damit Sportler ihre Leistung steigern können, setzen sie auf technische Erfindungen wie beispielsweise Schwimmanzüge mit Pseudo-Haihaut, ultra-leichte Fahrräder oder besonders geformte Ski. Entwickelt wird solche Sport-Hightech auch an Hochschulen in Magdeburg und Chemnitz.

Falko Eckhard, Magdeburg: "Eine Studentin von uns, hier im Studiengang Sport und Technik, die hat einen eigenen Ski gebaut. Um die Taillierung des Skis zu gewährleisten, sehen Sie hier ein gewisses Konstrukt vor sich. Also, das ist jetzt auch kein Hexenwerk, kann man auch selber zuhause privat machen. Gibt es im Internet Anleitungen. Muss man sich nur die Materialien besorgen und das Werkzeug, und dann kann man sich das selber bauen."

Stefan Schwanitz, Chemnitz: "Mit Fußballschuhen habe ich mich schon beschäftigt, mit Fahrrädern, mit Alpinski. Also die ganze Bandbreite."

Stephan Odenwald, Chemnitz: "Generell würde ich sagen: Die Einführung von Elektronik – ganz generell im Sport – führt zu umwälzenden Entwicklungen, macht Sport motivierender für den Breitensportler, macht höhere Leistungen möglich. Ich oute mich hier mal als E-Bike-Fan! Es gibt Fahrradfahrten, auf denen ich das Schwitzen vermeiden möchte. Dann hilft mir der Fahrradmotor. Oder ich genieße einfach die höhere Geschwindigkeit, die mir sonst verschlossen wäre, und bin am Ende genauso verschwitzt wie sonst auch, nur dass ich eben schneller von A nach B gekommen bin."

Nein, Roboter sind Sport treibende Menschen noch immer nicht, auch wenn sie inzwischen die raffiniertesten technischen Hilfsmittel benutzen, und Fremdenergie aus der Batterie nicht mehr grundsätzlich verpönt ist – siehe E-Bike! Schließlich gerät man beim Sport ins Schwitzen, welcher Roboter tut das schon? Sport ist, wenn ein Körper sich bewegt und dabei Kalorien verbraucht und eigentlich ... eigentlich beschwört Sport ursprünglich nackte Tatsachen herauf.

Stephan Odenwald, Chemnitz: "Im engen, naturalistischen Sinn kann ich natürlich alles, was mit laufender Fort­be­we­gung, mit Schwimmen zu tun hat, ausüben ohne jegliche technischen Hilfsmittel, so wie die alten Griechen das praktiziert haben."

Robin Kirschner, Chemnitz: "Der Badeanzug ist ein Sportgerät, die Matten im Jiu-Jitsu beispielsweise sind auch Sportgeräte in dem Sinne. Man kann diese Sportgerätetechnik wirklich sehr weit gefasst betrachten. Man kann auch selbst den Hallenboden in dem Fall als ein Sport­gerät bezeichnen, weil der ja auch bestimmte Dämpfungseigenschaften haben muss."

Kerstin Witte, Magdeburg: "Weil ich den Hallenboden brauche, um meine Bewegung auszuführen, und die Eigen­schaften dieses Bodens beeinflussen meine Bewegung! Wenn er also zu hart ist und ich springe darauf, dann kann es zu Verletzungen kommen."

"Unsere Definition, die wir gefunden haben für 'Sportgerät' ist, dass es eine tech­ni­sche, eine artifizielle, eine künstliche Einrichtung ist, die für das Ausüben des Sports unmittelbar nötig ist, zum einen. Und zum anderen am Körper getragen wird, mehr oder weniger", erklärt Professor Stephan Odenwald, gelernter Maschinenbauer, seit 1997 jedoch an der Technischen Universität Chemnitz nur noch mit solchen Maschinen befasst, die nichts mehr produzieren, sondern bestenfalls provozieren – den Menschen nämlich zur Bewegung. 

"Das Sportgerät an sich ist immer ein Mittel, um Sport auszuüben. Man kann das aber auch weiter fassen, die Sportstätten mit hinzunehmen beziehungsweise auch Aus­rü­stungsgegenstände", sagt die Physikerin Kerstin Witte, die genau so lange – nämlich ebenfalls seit 1997 – als Professorin in einem Studiengang Sportgerätetechnik arbeitet, an der Universität Magdeburg.

Studiengänge sind einzigartig in Deutschland

Chemnitz und Magdeburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt, schon aus historischen Sicht begründet das ein sportives Konkurrenzverhältnis. Umso mehr, als beide Studiengänge einzigartig in ganz Deutschland sind.

Wer vor Ort den jeweils anderen erwähnt, bemerkt sofort ein leichtes Knistern in der Luft, und die Mienen sagen: "Ach, das sind die, die besser sein wollen als wir!" Inszenieren wir also diese vollkommen neutrale Sendung über Sportgerätetechnik als fairen Schauwettkampf zweier Teams. Der beginnt mit der Beschreibung des eigenen Tätigkeitsbereichs. 
 
Stephan Odenwald, Chemnitz: "Denken wir an den Laufschuh: Ist ein Laufschuh unbedingt notwendig, um zu laufen? Nein, ist er nicht! Aber in diesen Fällen streiten wir uns also nicht um die ganz trenn­scharfe Definition. Wir beschäftigen uns darüber hinaus auch mit Sportanlagen, die ebenfalls notwendig sind, um Sport auszuüben, aber eben nicht unmittelbar mit dem Körper in Kontakt stehen: ein Volleyballnetz, ein Basketballkorb würden unter diese Definition fallen."

Kerstin Witte, Magdeburg: "Da haben wir einmal den Kampfsport, insbesondere Karate, Reitsport. Tanzen haben wir gemacht, also ich nicht persönlich, aber meine Kollegin. Dann haben wir Schießen, also das Bogenschießen, als auch die ganzen Disziplinen des Schießens. Ja, dann haben wir hin und wieder Leichtathletik, was also alles um die Schuhe geht. Rudern hatten wir … es ist sehr breit angelegt."

Kein fliegender Besen, aber jede Menge Bewegung

So breit, in Magdeburg wie in Chemnitz, dass man hohe Erwartungen haben darf. Ist zum Beispiel die Entwicklung des fliegenden Besens für die fantastische Harry-Potter-Sportart Quidditch irgendwann denkbar? 

Kerstin Witte, Magdeburg: "Eigentlich nicht."

Stephan Odenwald, Chemnitz: "Leider ist meine Kristallkugel gerade etwas verstaubt, und diese Information ist mir verborgen." 
 
Kerstin Witte, Magdeburg: "Aber vielleicht können wir es ja doch machen. Irgendwelche Springgeräte haben wir ja auch schon gehabt. Man kann ja nicht wissen, was in fünf Jahren ist."

Damit erringt Magdeburg unter Teamchefin Kerstin Witte einen ersten Punkt für besonderes Vertrauen in die eigene Leistungskraft. Andererseits verdient Team Chemnitz auch einen Punkt, weil es mit seiner Antwort etwaiger Industriespionage zuvorkommt. So erfahren wir einfach nicht, ob Pläne für den Quidditch-Besen nicht schon in genialen Studentenhirnen gereift sind, was nicht ganz unwahrscheinlich wäre, denn:

"Einen Bereich, in dem High-Tech am Start ist und der sich auch noch rapide entwickelt, sowohl unter Leistungsaspekten als auch Sicherheitsaspekten, ist das Thema Fliegen",  erklärt Teamchef Stephan Odenwald, und das lässt gerade für die Sportgerätebauer und -erfinder alle Optionen offen.

Stephan Odenwald, Chemnitz: "Das Thema Fliegen ist sehr eng verbunden mit dem Kiten, also dem Fortbewegen mittels eines Schirms, eines Flugdrachens, von dem man sich ziehen lässt. Also man hebt mit dem Kite vom Boden ab, man landet mit dem Fluggerät mal kurz auf dem Wasser, auf der Piste. Da ist sehr viel Technologie drin, und das ist ja auch eine Grundsehnsucht des Menschen, mal in die Lüfte sich zu erheben."

Wir allerdings bleiben erdverbunden und stellen erst mal die restlichen Teammitglieder vor. Übrigens wussten die beim Interview nicht, dass sie in einen Wettkampf geraten. Dafür gibt es einen Unfairness-Verweis für den Autor.

Falko Eckhard, Sportgeräteingenieur, Team Magdeburg: "Ich habe selber 15 Jahre Fußball gespielt, musste dann aufgrund einer Verletzung aufhören, aber bin da immer noch sehr tief involviert."
 
Maja Neuberg, Sportgeräteingenieurin, Team Chemnitz: "Ich bin im artistischen Bereich unterwegs, komm ursprünglich aus dem Turnen und bin jetzt in einem Breitensportverein aktiv, wo es darum geht, mit Auftritten Menschen zu be­geistern, zu unterhalten."

Stefan Schwanitz, Sportgeräte-Ingenieur, Team Chemnitz: "Ich bin Tausendsassa! Ich kann alles ein bisschen und nichts richtig. Ich fahre sehr gern Ski, sehr gern Mountainbike. Im Bob bin ich auch schon mal mit­ge­fahren, hinten drin."

Peggy Putzmann, Studentin, Team Chemnitz: "Ich geh am liebsten Klettern."

Susann Weichelt, Doktorandin, Team Magdeburg: "Ich habe mein Leben lang getanzt, komme aus dem Klassischen, also Standard- und lateinamerikanische Tänze - und daher auch natürlich das Interesse daran."

Robin Kirschner, Studentin, Team Chemnitz: "Im Schwimmbereich ist ja schon sehr viel gemacht. Da gibt’s ja schon diese ganzen Anzüge mit Pseudo-Haihaut."

Svenja Langer, Doktorandin, Team Magdeburg: "Mein Bereich ist vor allem das Messen von Durchblutungsraten im Frontalhirn. Und da­mit versuchen wir auf Konzentrations- und Aufmerksamkeitsleistungen zu schließen, und das halt besonders auch im Sport."
 
Womit sich a) herauskristallisiert, dass potenzielle Sportingenieure ziemlich sportlich und keinesfalls Nerds sind. Und b) sich der Eindruck verdichtet, dass dieser Studiengang von Frauen dominiert wird.

Daniel Haid, Student, Team Chemnitz: "Ja! Nein, Quatsch, natürlich nicht! Also der Männeranteil ist deutlich höher. Also, ich glaub, wir haben mal mit grob 80 Prozent Männeranteil angefangen. Wie weit sich das ausgedünnt hat, kann ich aber nicht mehr absehen."

Voila, die Teams sind komplett. Und wir schauen uns ein paar ihrer Projekte an. "Durchblutungsraten im Frontalhirn" klingt doch schon mal nach einer interessanten Fragestellung für sehr viele Lebenslagen. Svenja Langer forscht zu diesem Thema in Magdeburg.

"Das ist ein System zur Konzentrationsförderung. Nun haben wir ja Sportler, die sich sehr gut konzentrieren können. Deshalb messen wir erstmal: Wie konzentrieren sie sich in der Bewegung, unter optimalen Voraussetzungen? Und letztendlich wollen wir diese optimalen Verläufe trainieren und haben ein Feedbacksystem entwickelt, das die genau im richtigen Moment eine hohe oder auch vielleicht sogar eine niedrige Kon­zen­tration haben, wenn das für sie optimal ist."

Mal schnell abschalten ... kaum denkbar, dass das beim Volleyball, beim Tischtennis oder im Eishockey eine gewünschte Option wäre. Bei anderen Sportarten ist es das durchaus.

Svenja Langer, Magdeburg: "Wenn wir zum Beispiel mit den Sportschützen arbeiten, dann haben die zum Beispiel im Wettkampf 60 Schüsse hintereinander, und da ist es ganz wichtig, dass man auch zwischendurch mal nicht konzentriert ist, sondern entspannt. Weil, für einen Menschen ist es unmöglich, über anderthalb Stunden die Konzentration auf höchstem Niveau zu halten."

Dazu werden in diesem Fall geistige Energien über ihre physischen Korrelate gemessen. Einfacher und üblicher ist es im Sport, direkte physische Kräfte zu ermitteln. In Chemnitz öffnet Stephan Odenwald ein kleines Köfferchen, das massive Gebrauch­spuren aufweist, also schon oft im Einsatz war.

Stephan Odenwald, Chemnitz: "Wir sehen vor uns Sensoren, die zur Grundausstattung in unserem Bereich der Sport­gerätetechnik gehören. Das ist ein Beschleunigungssensor, der Erschütterungen, Schwin­­­gungen und so weiter misst, um die Belastungen, die daraus entstehen, auf den Sportler und das Sportgerät, quantifizieren zu können. Und das ist was, was wir in unserem Alltag relativ häufig zu tun haben."

Die Vermessung des Sportlers

"Da sind unten drunter Kraftmessplatten", erklärt Kerstin Witte in Magdeburg ein vom sonstigen Sportboden farblich deutlich abgesetztes Feld in ihrer Testturnhalle. "An den verschiedensten Stellen, die kann man also auch austauschen. Sind auch Dum­mys drunter, wo nichts ist und wo man das also gerade braucht. Ob man das für einen Sprung braucht oder fürs Gehen, fürs Laufen oder hier für Karate, für die Step-Bewe­gung, gibt es also verschiedene Möglichkeiten."

Stephan Odenwald, Chemnitz: "Die Sensoren sind wenige Millimeter groß, die werden entweder am Körper des Sport­lers oder am Sportgerät angebracht und detektieren dann – meistens unter­schieden noch nach den drei Raumrichtungen – die Beschleunigungen, die infolge von Kraft­-Ein­wirkung oder sonstigen Belastungen auftreten."

"Unsere Intention war damals, einfach mal zu schauen: Wie sitzt der Reiter im Dressur­reiten? In den Grundgangarten Schritt, Trab, Galopp? Wir haben geschaut bei Exper­ten: Wie sitzen die? Da waren zum Teil auch Probandinnen bei, die bei Europa­mei­ster­schaften starten, um einfach Parameter zu quantifizieren, der Beckenbewegung, der Oberkörperbewegung, der Kopfbewegung", schildert Falko Eckhard aus Magdeburg ein anspruchsvolles Forschungsprojekt der jüngeren Vergangenheit. Beim Reiten müssen gleich zwei Lebewesen ihren Be­wegungsablauf perfektionieren, wollen sie eine Medaille gewinnen."

Falko Eckhard, Magdeburg: "Da hat der Reiter 17 Sensoren, und da kann man alle möglichen Parameter gewinnen: Gelenkwinkel, Beschleunigung, Winkel­geschwindigkeiten, Positionsdaten." 

Kerstin Witte, Magdeburg: "Dass man wirklich die gesamte Bewegung sich anschaut und einfach guckt: Was macht das Pferd? Welche Gangart hat es und wie setzt sich jetzt der Reiter mit dem Pferd auseinander?" 

Falko Eckhard, Magdeburg: "Was macht der Reiter da überhaupt? Weil, der hat ja kein Lenkrad, der hat ja Hilfen. Zügelhilfen, Gewichtshilfen, Schenkelhilfen. Wie greifen die Hilfen?"

Kerstin Witte, Magdeburg: "Und wie ist seine Bewegung auf dem Pferd? Denn die ist sehr klein, das sieht man oft im Video wirklich nicht, also diese Einzelheiten. Gerade diese Beckenbewegung ist ja wichtig, damit das eben ein optimales Reiten wird."

Sensoren sehen besser als menschliche Augen – wie sich überhaupt ein großer Teil des Studiengangs mit der Analyse befasst und weniger mit der Erfindung neuer Spiel-und-Spaß-Gadgets. Beide Teams sind da stark aufgestellt, ob beim Reitervermessen in Magdeburg oder beim obligaten Laufschuhtest in Chemnitz.

Wie lange hält ein Sportlerschuh?

Stefan Schwanitz, Chemnitz: "Was hat denn unser italienischer 50-Kilometer-Geher … Haben wir den mal gefragt, wie oft der seine Schuhe wechselt?"

Stephan Odenwald, Chemnitz: "Also, diese Wettkampf- und Minimalschuhe werden teilweise mit Höchstlaufleistung von 100 Kilometern verkauft. Sind dafür sehr minimalistisch vom Material her gestaltet und auch der Preis ist etwas unter dem, was man als Alltagsläufer für einen Schuh ausgeben würde."

Das schwere Stampfen der Maschine lässt die Anstrengung ahnen, unter der der menschliche Schuhträger leidet. 

Stefan Schwanitz, Chemnitz: "Ich find es eher meditativ, ähnlich wie Laufen."

Wer seinen Geist täglich freiläuft von allen Gedanken, braucht dazu Schuhe, die einige Kilometer weit tragen. Wie viele das maximal sein werden, ermittelt die Maschine in der Laufsimulation. Zum Meditieren kann man sich allerdings auch einfach niederlassen. Oder?

"Man kennt das: Wenn man zu lang auf einem weichen Sofa sitzt, es ist einfach un­be­quem mit der Zeit. Wenn man zu lang auf einer Holzbank sitzt auch. Also die Mischung macht es", erklärt Maja Neubert, die in Chemnitz übers Sitzen arbeitet. Tatsächlich: Bewegung ist nicht alles! Sitzen kommt viel häufiger vor als Bewegung, und deswegen ist es sozusagen der vernachlässigte Zwilling aller Sportlichkeit – wenn wir uns schon dauernd niederlassen, sollten wir dabei wenigstens beweglich bleiben.  

Richtig sitzen, dank Hightech

Maja Neubert, Chemnitz: "Das größte Interesse in Bezug auf Sitzmöbel sollte sein, zum einen bequem zu sitzen über eine lange Zeit. Zum anderen, die Möglichkeit zu haben, sich umzupositionieren. Die Herausforderung von uns Sportgerätetechnikern ist, das Ganze zu instrumentieren, um das zu messen, was mir eine Aussage gibt: Ist das jetzt gesund? Entstehen hier Druck­werte, die irgendwann bedenklich sind? Oder geht es mir gut und macht der Stuhl das, was er machen soll?"
 
Gesessen wird natürlich auch im Sport, auf Reit- und Fahrradsätteln und auf den Bänken der Fitnessgeräte. Eine größere Rolle spielt Maja Neuberts Forschung allerdings für Rollstuhlfahrer – wie überhaupt der Übergang von der Sportgeräte- zur Reha-Technik fließend verläuft.

"Da hinten sehen Sie zum Beispiel so einen Teststand. Bei den Oberschenkelamputierten haben wir die Kräfte gemessen in der Hüfte. Alle Bewegungsrichtungen, die Fle­xion, Extension, Abduktion, Adduktion und auch die Rotation. Weil beim Amputierten ist das Problem, die Muskulatur geht irgendwann weg. Und unser Forschungsschwerpunkt ist so ein bisschen: Wir wollen das wieder auftrainieren! Aber dafür muss man erst mal ein bisschen Grundlagenforschung machen. Woran liegt das? Ist das bei allen gleich?", fragt Falko Eckhard in Magdeburg, dessen Ambitionen über Grundlagenforschung hinaus aufs konkret Praktische zielen.
 
Falko Eckhard, Magdeburg: "Da sind wir jetzt dabei, haben gerade ein Projekt laufen. Und wir wollen da eine Ma­schine bauen, wo die wirklich trainieren können, speziell ihre Stumpfmuskulatur, das ist unser Ziel."

Stephan Odenwald, Chemnitz: "Die Methoden unterscheiden sich kaum zwischen Anwendung im sportlichen Bereich und in der Rehabilitation. Letztendlich geht es um strukturiertes Training des Körpers. Beim Sport will man seine Leistung verbessern. Genauso will der Patient nach einer OP oder nach eine Krankheit seine Leistung wieder verbessern. Der Unterschied be­steht lediglich im Niveau."

Chemnitz und Magdeburg – beide haben sie nicht nur den Hochleistungssport im Blick, sondern auch die Unterstützung Hilfsbedürftiger. Je einen Punkt für beide Teams! Wer stark in Sensorenprojekten ist, ist auch stark in Seniorenprojekten, könnte man fast lautmalen, denn die alternde Gesellschaft liefert einen triftigen Grund, neu über Sportgeräte nachzudenken. 

Stephan Odenwald, Chemnitz: "Wenn wir durch unsere Bevölkerungsgruppen durchschauen, ist es eigentlich von den Kindern, die sich nicht mehr so bewegen, wie das früher mal war, über die arbeitende Bevölkerung bis hin zu einer alternden Bevölkerung dringend erforderlich, dass Men­schen wieder zu Bewegung finden."

Und vor allem motiviert werden, etwas zu tun, das sie von sich aus vielleicht gar nicht tun würden.

Kerstin Witte, Magdeburg: "Hier haben wir beispielsweise den Body-Spider, wird oft im Seniorentraining genutzt. Hat den ganz großen Vorteil, wie Sie sehen, das Ding ist auf Rädern, man kann den also sich dorthin rollen, wo man ihn hinrollen will. Dann macht man das wie so eine Wäsche­spinne auseinander und hat sechs verschiedene Trainingsplätze, und man kann alles möglichen Muskulaturen trainieren. Nun ist es ja oft auch langweilig, und da war jetzt unsere Idee, dass wir das mit Musik koppeln. Das heißt, während des Trainings können die Senioren Musik erzeugen und damit ihren eigenen Sound machen. Also, ich hab selber auch schon ausprobiert, auch Gleichgewichtsübungen, also das kann man in viele Sachen ausprobieren. Man macht es einfach länger! Und wenn ich dann noch die anderen mit anschaue und mit denen mitmache und mich vielleicht auch musikalisch so ein bisschen auf sie ein­stellen muss, dann bin ich natürlich auch total abgelenkt."

Walzerschritt mit Tanz-Rollator

"Das ist unser Tanz-Rollator, den wir für Senioren, aber auch Rehabilitanten entwickelt haben", präsentiert Susann Weichelt in Magdeburg ein vorn aufgeschnittenes Reifrock-Gestell auf Rädern – so zumindest sieht er aus, der noch namenlose Tanz-Rollator.

Susann Weichelt, Magdeburg: "Bei den Standard-Rollatoren laufen die Senioren hinter dem Rollator her. So haben sie eine Einschränkung in ihrer Bewegung. Das wollten wir verhindern, und deshalb ist unser Gerät nach vorne offen, dass jegliche Bewegung – vorwärts, seitwärts, Kreuz­schritte – alles Mögliche machbar ist. Der Rollator dreht sich um seine komplette Achse. Also man kann damit wirklich einwandfrei Walzer tanzen."

Das ist beeindruckend – wenngleich optisch noch ein bisschen unbeholfen, aber daran wird ja gearbeitet – und Magdeburg legt einen Punkt vor in der Kategorie "innovatives Sportgerät".   

Autor: "Das glaubt man ja nicht! Das ist ja total fest! Man würde ja denken einfach, das kann nicht sein, ja. Und das ist nicht nur Paketseil?"

Stefan Odenwald, Chemnitz: "Das ist Glasfaser, weil die Glasfaser flexibler ist als Karbon."

Ein Fahrrad aus Seilen

Doch auch Chemnitz verblüfft mich mit einer unerwarteten Innovation, dem Bowbike.

Stefan Schwanitz, Chemnitz: "Das Bowbike ist ein vorgespannter Bogen. Wie ein Sportbogen von den Bo­gen­schützen müssen Sie sich das vorstellen. Also das Oberrohr und die Sitzstreben sind miteinander verbunden, und das Unterrohr und die Kettenstreben werden als Seil ausgeführt."

Der Vergleich führt jetzt in die Irre. Es ist kein Sportbogen, sondern ein Fahrrad. Dessen untere Rahmenstrebe besteht nicht aus einem Metallrohr, sondern einem straff gespannten Seil.

Stefan Schwanitz, Chemnitz: "Warum man das macht? Um beispielsweise Federung zu erzeugen. Also anstatt jetzt Federelemente dort einzubringen – Stahl- oder Öl-, Luftdämpfer – wird eben die ela­sti­sche Eigenschaft des Seils genutzt, um hier eine Federung zu ermöglichen."

Das würde ich am liebsten sofort ausprobieren, aber der Prototyp hat gerade einen Platten, und so etwas Profanes wie eine Luftpumpe ist in der Hightech-Werkstatt gerade nicht zur Hand. Doch mein Impuls ist eindeutig: Das Bowbike will ich haben! Obwohl es – wie der Tanz-Rollator – optisch noch einigen Feinschliff vertragen könnte.

Stefan Schwanitz, Chemnitz: "Natürlich ist das ein klassisches Nischenprodukt. Ja, das ist so für Leute, die gern zehn Schuhe anhaben. Die also mal was anderes ausprobieren wollen."

Chemnitz zieht mit Magdeburg gleich, wobei ich das Bowbike sofort, den Tanz-Rollator aber erst in 25 Jahren nutzen würde. Ob beides je als Konsumprodukt in den Läden landet, ist allerdings eine ganz andere Frage. Denn wie verlaufen denn eigentlich die Innovationsprozesse? Erfinden kreative Ingenieure auf eigene Rechnung neue Sportgeräte und haben dann Mühe, sie zu verkaufen? Oder setzt die Industrie staatliche Forscher auf kommerziell interessante Fragestellungen an?

Stephan Odenwald, Chemnitz: "Das ist ein ganz spannendes Thema: Wo kommt Sporttechnologie her? Die Definition, die wir vertreten ist, dass Technologie zur Sporttechnologie wird, wenn sie im Sport ein­gesetzt wird."

Kerstin Witte, Magdeburg: "Es gibt auch Dinge, wo die Sportarten zu uns kommen und sagen: Mensch, könnt ihr da nicht etwas machen? Oder es gibt eben auch Firmen, wo man sagt: Also, wir wol­len etwas zusammen entwickeln. Ob das dann marktfähig ist, das ist dann die zweite Fra­ge."

Stephan Odenwald, Chemnitz: "Natürlich stellt der Sport Anforderungen an Techniker, an Ingenieure, an Werkstoff­wis­senschaftler: Man will schneller laufen, höher springen oder mit weniger Kraft­auf­wand unterwegs sein. Das sind Forderungen, denen Techniker natürlich nach­kommen. Aber mit vorhandenen Methoden, Werkstoffen und Technologien."

"Es ist sehr, sehr abwechslungsreich"

Die vollkommene Überraschung wird aus den Werkstätten und Laboren der Sportingenieure also nicht kommen – es ist eine reagierendes Feld, kein agierendes, das freilich in Magdeburg wie in Chemnitz gut gelaunte und mit ihrer Berufswahl sichtlich zufriedene Akteure präsentiert.

Diese gute Stimmung soll nicht verdorben werden, und wir beenden den Wettkampf mit einem fairen Doppelsieg für beide. Stephan Odenwald in Chemnitz hält sowieso das ganze Fach für einen Hauptgewinn: "Es gibt nicht wenige – auch unter den Frauen ist, würde ich mal schätzen, der Prozent­satz noch etwas höher – die von sich selbst überrascht sind, dass das mit der Technik und der Mathematik und der Konstruktion doch sehr viel Spaß machen kann."

"Es ist sehr, sehr abwechslungsreich", ergänzt Falko Eckhard aus Magdeburg. "Man kann sich auch so ein bisschen frei entfalten. Man kann ja auch selber sich hier einbringen und sagen: Das und das Forschungs­pro­jekt würde ich gern vorantreiben. Macht Spaß, ist sehr abwechslungsreich, aber auch manchmal sehr viel Arbeit."

Es müssen ja auch nicht immer nur die Athleten schwitzen.

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