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Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 08.11.2015

SpitzensportWenn die Psyche nicht mitspielt

Von Frank Ulbricht

Eine Athletin steht im Startblock für einen 400 Meter Hürdenlauf. (pa/dpa/Karmann)
Der Körper ist startklar - aber was ist mit dem Kopf? (pa/dpa/Karmann)

Ob Leistungsdruck unter Spitzensportlern zu psychischen Erkrankungen führt, ist schwer nachzuweisen, liegt aber nahe. Die Psychologin Brit Hitzschke hat sich auf die Therapie von Sportlern spezialisiert - und stößt bei ihren Patienten auf eine gemeinsame Angst.

Sie tanzt, sie springt und trainiert hart. Das junge Mädchen will eine große Eiskunstläuferin werden. An Meisterschaften hat sie schon erfolgreich teilgenommen. Über ihre psychische Erkrankung spricht sie lieber nicht, aus Scham und Angst. Fast drei Jahre quält sich die Teenagerin, dann holt sie sich endlich Hilfe und landet bei Brit Hitzschke. Kein Einzelfall für die klinische Psychologin:

"So im Bereich der Essstörungen beispielsweise habe ich Athletinnen, die merken langsam, die Leistungsfähigkeit wird geringer. Dass eher auch Verletzungen auftreten, dass die Sehnen geschwächt sind. Im depressiven Bereich kommen die Sportler beispielsweise damit, dass sie Schlafstörungen haben, dass sie Antriebsschwierigkeiten haben, dass die Stimmung sehr niedergedrückt ist. Bis zu Suizidgedanken auch."

Brit Hitzschke arbeitet als Psychologin an der Fliedner Klinik in Berlin. Spezialisiert hat sie sich auf die Therapie von Leistungssportlern, darunter Turner, Leichtathleten und Eiskunstläufer. Ob der Sport und der ständige Leistungsdruck für psychische Erkrankungen verantwortlich sind, ist schwer nachzuweisen, liegt aber nahe. Auch Angst ist dabei, wenn die Sportler zu Brit Hitzschke kommen. Die Krankheit öffentlich zu machen bedeutet womöglich, den Förderstatus zu verlieren. Diese Angst ist nicht unbegründet. Die Psychologin erlebt Vereine, die im Krankheitsfall Verantwortung für ihre Athleten übernehmen, aber auch das völlige Gegenteil.

"Ich habe Athleten gehabt, bei denen es sehr erschreckende Situationen gegeben hat. Dass sie sich nach langer Zeit des Leidensweges geoutet haben und fallen gelassen worden sind. Keine Förderung mehr erhalten haben, ausgetauscht worden. Was natürlich eine unglaubliche Kränkung, ein unglaublicher Vertrauensverlust auch ist, wenn die Sportler schon seit jungen Jahren auch ihre gesamte Zeit und ihren gesamten Lebensweg dem Sport opfern."

Psychische Krankheiten seltener tabuisiert

Um Sportler mit psychischen Erkrankungen helfen zu können, dazu braucht es ein gutes Netzwerk. Zu diesem gehört in Berlin auch Andreas Ströhle, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie an der Berliner Charité.

Dass Leistungssportler häufiger als die Normalbevölkerung an psychischen Krankheiten leiden, das lasse sich nicht belegen. Zehn Prozent der Bevölkerung, so Ströhle, würden im Laufe ihres Lebens an einer Depression erkranken, egal ob Leistungssportler, Verkäufer oder Rechtsanwalt. Psychische Erkrankungen könne man heute besser diagnostizieren und wären in der Öffentlichkeit auch kein Tabu mehr. Das lasse den Eindruck entstehen, mehr Menschen würden darunter leiden. Eines kann Andreas Ströhle aus der Praxis allerdings bestätigen: Psychische Erkrankungen können sich Leistungssportler noch immer nur sehr schwer eingestehen. Das hat vor allem zwei Ursachen:

"Häufig aufgrund fehlenden Wissens um psychische Erkrankungen, um die Behandelbarkeit auch von psychischen Erkrankungen. Und weil es auch mit dem Selbstbild schlecht vereinbar ist, nicht mehr 150 Prozent Leistung zu bringen, sondern deutlich weniger."

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