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Religionen / Archiv | Beitrag vom 29.09.2012

Spiritualität, wissenschaftlich betrachtet

Das neue Kontaktstudium "Spiritualität und Interkulturalität" in Freiburg

Von Eva Wolk

Ins Auditorium finden aktive und ehemalige Berufstätige.
Ins Auditorium finden aktive und ehemalige Berufstätige. (picture alliance / dpa / Friso Gentsch)

Spiritualität verstehen - dieses Versprechen kann Menschen zurück an die Uni locken. Der berufsbegleitende Studiengang "Spiritualität und Interkulturalität" des Instituts West-Östliche Weisheit an der Universität Freiburg dauert vier Semester und kostet 4000 Euro.

Ein mittelgroßer Hörsaal an der theologischen Fakultät der Universität Freiburg. Rund 50 Studenten warten auf den Dozenten. Zwei Dinge sind ungewöhnlich: Es ist Sonntag – und viele im Auditorium haben graue Haare. Es sind aktive oder ehemalige Berufstätige zwischen 35 und 70, Lehrer, Sozialpädagogen, Psychologen, auch Handwerker mit Abitur und Rentner. Allen gemeinsam ist das Interesse am Thema Spiritualität.

Sie sind angereist aus Deutschland und der Schweiz zum ersten Präsenzwochenende des neuen Kontaktstudiengangs "Spiritualität und Interkulturalität":

"Wenn man über Mystik oder Spiritualität spricht, wird man oft in eine Ecke gestellt der Verschrobenheit, und ich denke, wenn so was an der Universität angesiedelt ist und es einen wissenschaftlichen Hintergrund gibt, versuche ich, aus dieser Ecke rauszukommen."

"Ich finde es sehr anspruchsvoll – auch die Lektüre ist sehr anspruchsvoll."

"Am meisten beeindruckt hat mich die Vielfältigkeit, die es in den verschiedenen Religionen gibt, und trotzdem ein gemeinsamer Kern zu finden ist."

"Beim Christentum, wo ich eigentlich dachte, das kenn´ ich ganz gut – das hab´ ich jetzt erst gerade gemerkt, dass ich es gar nicht gut kenne."

"Neu war für mich jetzt vor allem der Vortrag von Herrn Karimi – diesen Zugang zum Islam kannte ich überhaupt nicht."

Ein Sozialpädagoge, eine Rentnerin mit Chemiestudium, ein Pastoralassistent über ihre mitgebrachten Vorstellungen und die bisherigen Eindrücke. Der Pastoralassistent ist nicht der Einzige, dem der Vortrag des Islamwissenschaftlers Milad Karimi an diesem Tag Aha-Erlebnisse zum Thema Koran beschert hat.

Karimis Aussage: Der Koran ist eine Liebeserklärung Gottes an den Menschen – deren Schönheit und Spiritualität erst in der gehörten Rezitation spürbar wird:

"Der islamische Gott erobert die Menschen durch diese Schönheit. Das ist nicht der erhabene, der mächtige Diktator. Er ist ein zerbrechlicher, ein zarter Gott, ein berührender, liebender Gott.

Wie der Koran in der Sure 92 für mich sehr bewegend sagt: Tu Gutes – also ein guter Mensch ist derjenige, der Gutes tut, ohne dafür einen Lohn im Blick zu haben. Das ist zwar platonisch, aber unglaublich schön. Weil sie nicht Gutes tun, weil Gott es ihnen vorschreibt oder weil sie ins Paradies gelangen wollen. Ich will nicht ins Paradies, sondern ich tue Gutes, weil es gut ist, es zu tun."

Auch die anderen Weltreligionen und die ihnen eigenen Formen von Spiritualität haben die Studierenden an diesem Wochenende schon beschäftigt. Idee und Konzept zum Studiengang stammen von Bernhard Uhde, Professor für Religionswissenschaft und Religionstheologie an der Uni Freiburg.

Im Kontakt zum Benediktushof in Unterfranken, den der Benediktiner und Zen-Meister Willigis Jäger gegründet hat, erkannte Bernhard Uhde, dass es bisher an einer theoretisch-wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Themenfeld "Spiritualität und Mystik" mangelt – während gleichzeitig ein reges Interesse daran besteht:

"Spiritualität ist ja ein Modewort. Also spirituell ist meditatives Häkeln, und spirituell ist das Waldviertel in Österreich, und spirituell ist dies und spirituell ist jenes. Und was das eigentlich besagt und wie dieser Begriff in der abendländischen Tradition verankert ist, und ob und wie man den in andere Religionen und Kulturen übertragen kann. Ich darf ein Beispiel geben: Kontemplation ist nicht Meditation und umgekehrt. Also dass man eine gewisse Begrifflichkeit klärt, um dann daraus zu erkennen, wie in verschiedenen Religionen und in verschiedenen Geisteshaltungen Spiritualität theoretisch verstanden und praktisch gelebt wird."

Natürlich wird der Professor in beinahe jedem Interview gefragt: Machen Sie hier was mit Esoterik? Auch die Antwort auf diese Frage ergibt sich für Bernhard Uhde durch sachliche Begriffsklärung:

"Das Wort Esoterik sagt ja nur, dass man was von innen her betrachtet, also geistig, geistlich betrachtet. Inzwischen ist aber Esoterik eine ganz andere Schiene geworden, nämlich etwas, das auf subjektives Erleben abhebt und auf Gefühlswelten, Affekte und Ähnliches mehr und sich einer rationalen, gar wissenschaftlichen Kommunikation völlig entzieht. Auch entziehen will. Und ich will auch gar nicht die Esoterik schlechtmachen, sondern es ist etwas völlig Anderes einfach.

Wir versuchen in diesem Kontaktstudium, Spiritualitäten zu betrachten – immer auf einer kommunikablen Ebene. Also man muss das in Begriffe fassen können und auch weitergeben können. Das Studium will etwas beschreibend erheben, und das unterscheidet von der Erlebnisebene der Esoterik erheblich."

Auch der Blick auf den Studienplan macht deutlich, dass es hier um strenge Wissenschaft geht. Die Themen lauten zum Beispiel "Logik der Freiheit und der Ich-Losigkeit – Meister Eckhart, Kant, Nietzsche" oder "Spiritualität und Freundschaft mit Gott bei Rumi, Theresa von Avila, beim Chassidismus etc.". Oder auch: "Hirnforschung und Spiritualität". Die Fragestellung hier: Was passiert beim Meditieren im Gehirn?

"Es tut sich ja nicht nur auf dem rein abstrakt-geistigen Gebiet da was, sondern durchaus auch physiologisch, und da kann man erstaunliche neurophysiologische Befunde erheben und auch Schlüsse daraus ziehen, wie es dazu kommt und wie man das einordnen kann, ob so was therapeutisch einsetzbar ist und Ähnliches mehr."

Das Stichwort Freiheit hat für den Religionswissenschaftler großen Stellenwert bei der Beschäftigung mit der Spiritualität. Einerseits, weil man sich dabei freimacht von vorgegebenen Meinungen in Religionen und nach der eigenen auf die Suche geht:

"Und das Zweite ist, dass sich diese Freiheit als Gewinn auch einstellt, mit einem gewissen Denken und Fühlen eines Abstands zu dieser Welt – in ihrem Getriebe, nicht zu ihrer Schönheit, nicht zu ihrer Ästhetik, ganz und gar nicht Abstand zu dem, was man im Christentum und auch im Judentum und Islam Nächstenliebe nennen würde, also die liebevolle Zuwendung zu Menschen und der Kreatur, das alles soll gesteigert werden. Aber durch eine leichte Zurücknahme des eigenen Ich sich selber nicht mehr so wichtig zu nehmen und dadurch Dinge auch gelassener zu betrachten."

Bis die Studenten mit dem Diploma of Advanced Studies das Uni-Zertifikat zum Abschluss ihres Studiums in Händen halten werden, haben sie noch monatelanges Studieren daheim vor sich und einige weitere Präsenzwochenenden in Freiburg, darunter eins mit kontemplativer Praxis.

Das Erste ist nach zwei intensiven Tagen des Zuhörens, Lernens und Diskutierens geschafft, und Professor Uhde entlässt seine Studenten nach Hause:

"Ich sage Ihnen zum Abschied jetzt: Es war für alle Beteiligten – also von unserer Seite her, vom Team her, dem sehr zu danken ist, eine sehr schöne Erfahrung. Im Grunde, jedenfalls was mich anlangt, nehme ich mehr mit, als ich hineinwerfen konnte, und das ist mir ein großer Gewinn, und den verdanke ich Ihnen."

Linktipp: Informationen zum berufsbegleitenden Studium "Spiritualität und Interkulturalität" an der Uni Freiburg unter www.westoestlicheweisheit.de.

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Externe Links:

www.westoestlicheweisheit.de