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Religionen / Archiv | Beitrag vom 12.07.2015

Spiritualität bei Joseph BeuysReligion als heilende Kraft

Von Ralf Bei der Kellen

Joseph Beuys am 20. Oktober 1973 in einem Einbaum auf dem Rhein bei seiner symbolischen Rückkehr an die Kunstakademie in Düsseldorf. (picture alliance / dpa / Roland Scheidemann)
In Natur und Spiritualität sah Joseph Beuys Rettung für den Menschen. (picture alliance / dpa / Roland Scheidemann)

Joseph Beuys sei es stets darum gegangen, die Welt und den Menschen zu heilen. In seinem Filmessay "Kunst und Spiritualität bei Joseph Beuys" führt Rüdiger Sünner dies auf die Nahtoderfahrung des Künstlers zurück.

Zitat Beuys von Sprecher: "Ich möchte diese Bäume und diese Tiere rechtsfähig machen. Das ist selbstverständlich eine Pflicht des Menschen. Wenn er seine Aufgaben hier auf der Welt im Sinne des wirklichen Christentums, der wirklich christlichen Substanz, also des Sakramentes, das durch die Baumwipfel weht, wahrnimmt, dann muss er sich entsprechend verhalten."

Diesen Ausspruch des Künstlers Joseph Beuys stellt der Filmemacher Rüdiger Sünner ans Ende seines Films "Zeige Deine Wunde", gleichsam als Epilog zu Beuys’ Werk.

"Heute wird der Wald von selbst zu dem, wozu das Holz des Kreuzes benutzt wurde."

In seinem Filmessay vertritt Sünner die These, dass es Beuys stets darum gegangen sei, die Welt und den Menschen zu heilen. Dieses Streben führt der Filmemacher auf die Schlüsselerfahrung im Leben des Künstlers zurück:

"Die Zelte, also – die hatten Filzzelte. Das ganze Gehabe von den Leuten, also das mit dem Fett, das ist sowieso wie – ein ganz allgemeiner Geruch in den Häusern."

1944 stürzt der 22-jährige Bordschütze und Funker Joseph Beuys mit seinem Flugzeug auf der Krim ab. Der Pilot stirbt, Beuys wird gerettet – von Tartaren, wie er später behauptet, die ihn in ihren Jurten aus Filz acht Tage lang gesundpflegen – unter anderem, indem sie seine Wunden mit Tierfett einsalbten. Tatsächlich wurde er aber schon am Tag nach dem Absturz von einem Suchkommando gefunden.

Wolfgang Zumdick: "Also, in dem Moment war er natürlich dieser Situation ausgeliefert und – ob das jetzt Tartaren gewesen sind, die ihm da geholfen haben, oder das Rote Kreuz, [ob] da irgendwelche Sanitäter gekommen sind – ich glaub’, das ist letzten Endes nicht so der entscheidende Faktor. Ich vermute, was viel wichtiger ist, ist diese Erfahrung, diese Todeserfahrung – und dann ist da jemand."

"Unser Christus ist ein tanzender Christus"

So interpretiert der Kunstphilosoph Wolfgang Zumdick im Bonusmaterial zum Film Beuys’ Legende, auf die seine spätere Vorliebe für die Materialien Filz und Fett zurückgeht. Immer wieder in den folgenden Jahren verwendet Beuys das Motiv des Christus am Kreuz in seinen Werken – zum Beispiel in Meerbusch-Büderich, wo er 1959 im Alten Kirchturm ein Mahnmal für die Gefallenen der beiden Weltkriege schafft.

"Unser Christus ist ein tanzender Christus",

… sagt Kunsthistoriker Franz Joseph van der Grinten, der sich an das Unbehagen erinnert, das diese ungewöhnliche, geschwungene Figur bei den Kirchenoberen auslöste:

"Diese Ferne vom orthodoxen Gottesbild war ihnen unakzeptabel, war ihnen unheimlich."

Beuys interessierte sich vor allem für die keltische Ausformung des Christentums, weil ihm diese naturnäher und unabhängiger von kirchlicher Autorität erschien.

Rüdiger Sünner: "Die irischen Kreuzformen, die von einem Sonnenrad umgeben sind, zeigen einen eher schwebenden, auferstehenden Christus. Ähnlich wie entsprechende Werke von Beuys."

Religion – zumindest die christliche – scheint Beuys vor allem als heilende Kraft begriffen zu haben.

"Im Zeitalter atomarer Bedrohung zelebrierte er 1971 in einem Zivilschutzraum in Basel eine Messe aus christlichen und keltischen Elementen. Hingebungsvoll wäscht er einigen Besuchern die Füße."

Kranker Zustand der Gesellschaft

Im Zentrum seiner Betrachtungen stellt Sünner eine Installation von 1975, von der sich der Film seinen Titel lieh: "Zeige Deine Wunde". Hier inszenierte Beuys eine Art Krankenzimmer mit zwei Totenbahren in einer Münchener Fußgängerunterführung als krassen Widerspruch zwischen der Heilung des Menschen und der Natur und dem Zustand der Gesellschaft:

"Über der dunklen Installation befanden sich die teuren Boutiquen der Maximilianstrasse, in denen damals wie heute die Schickeria- und Jet-Set-Gesellschaft einkauft."

Denn, so Beuys, eine Wunde, die man zeige, könne auch geheilt werden. Der Dokumentarfilm "Zeige Deine Wunde" ist halb Werkschau, halb Biografie von Joseph Beuys – immer erzählt aus dem Blickwinkel des Filmemachers, der häufig seine ganz persönliche Empfindung der Werke schildert. Im Film werden Aussagen von Zeitzeugen und Experten und die besprochenen Werke nebeneinander im Bild gezeigt. Darüber hinaus ist auch historisches Material zu sehen, zum Beispiel wie Beuys, den Kopf bedeckt mit einer Maske aus Honig und Blattgold, einem toten Hasen vor einer Ausstellungseröffnung die Kunst erklärt.

Rüdiger Sünner portraitiert Joseph Beuys als einen Menschen, der in all seiner Kunst und mit seinem ganzen Wesen das bestehende Gesellschaftssystem in Frage stellt und nach Alternativen sucht. Er zeigt den Menschen als verletzliches Wesen, das der Heilung bedarf. Und diese Heilung findet es in der Natur, in der Spiritualität.

Zitat Beuys von Sprecher: "Das sind ja alles Dinge, die sehr stark beschädigt sind in unserer Zeit. Die müssen gerettet werden. Dann ist alles andere sowieso gerettet."

Die DVD "Zeige deine Wunde – Kunst und Spiritualität bei Joseph Beuys" ist erschienen bei absolut MEDIEN für 14,90 Euro.

Mehr zum Thema:

Happening in Wuppertal - Die letzte Sternstunde der Fluxusidee
(Deutschlandradio Kultur, Kalenderblatt, 05.06.2015)

Multiples von Joseph Beuys - Energie zwischen zwei Polen
(Deutschlandfunk, Kultur heute, 28.06.2014)

Lektüretipp - "Ich war sehr gefesselt"
(Deutschlandradio Kultur, Lesart, 05.01.2014)

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