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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 06.11.2011

Spion dreier unterschiedlicher Regime

Vor 50 Jahren wurde Doppelagent Heinz Felfe in Pullach verhaftet

Von Wolfgang Stenke

Beim BND und auf der Gehaltsliste der Sowjets: Doppelagent Heinz Felfe. In Pullach wurde er verhaftet. (AP)
Beim BND und auf der Gehaltsliste der Sowjets: Doppelagent Heinz Felfe. In Pullach wurde er verhaftet. (AP)

Die Zeit des Kalten Krieges im geteilten Deutschland war die hohe Zeit der Spione. Davon profitierten nicht wenige, die ihr Rüstzeug im NS-Regime erworben hatten. So wie Heinz Felfe, den sein Berufsweg von der SS zum KGB und BND führte. Am 6. November 1961 wurde der Doppelagent in der Zentrale des Bundesnachrichtendienstes verhaftet.

"Ich habe, lange bevor ich in den Bundesnachrichtendienst bzw. Organisation Gehlen eingetreten bin, den Auftrag für das KGB übernommen, in die sich neu konstituierenden Sicherheitsorganen der Bundesrepublik – Verfassungsschutz oder dieser bis dahin kaum bekannten Organisation Gehlen – einzudringen und sie aufzuklären."

Ein spätes Geständnis aus dem Jahre 1986: Ein Vierteljahrhundert nachdem BKA-Beamte ihn im Hauptquartier des Bundesnachrichtendienstes in Pullach verhaftetet hatten, präsentierte Heinz Felfe in Ost-Berlin seine Memoiren. Titel: "Im Dienst des Gegners". Dem Top-Agenten des sowjetischen KGB war es gelungen, sich im Zentrum der bundesdeutschen Gegenspionage festzusetzen.

"Das war mein Auftrag, dafür hatte ich mein Gehalt. Und das habe ich bis zum Schluss bekommen – und heute bin ich nach wie vor Pensionär des KGB. Ich beziehe noch heute meine Pension aus Moskau."

Als die Herren vom Bundeskriminalamt den Doppelagenten Heinz Felfe am 6. November 1961 im Dienstzimmer seines Führungsbeauftragten festnahmen – ein Überläufer aus dem Osten gab den entscheidenden Tipp -, war das keineswegs ein Triumph für die westlichen Geheimdienste – eher schon Indiz einer weiteren Niederlage in der hohen Zeit des Kalten Krieges: Den Bau der Mauer im August des Jahres hatten weder Amerikaner oder Briten noch ihre westdeutschen Kollegen vom Bundesnachrichtendienst vorhersagen können. Die Existenz des sowjetischen Maulwurfs Felfe in der BND-Zentrale zerstörte den Nimbus des BND-Chefs Reinhard Gehlen, der bis dahin als der große Experte der anti-sowjetischen Gegnerforschung gegolten hatte.

Die "Organisation Gehlen" lebte von den Netzwerken, die Gehlen während des Nazi-Regimes aufgebaut hatte. Der Chef der Wehrmachtsabteilung "Fremde Heere Ost" diente sich am Ende des Zweiten Weltkriegs den Amerikanern an, um den Kampf gegen die Sowjetunion unter der Ägide der westalliierten Sieger fortzuführen. Männer wie der SS-Obersturmführer Felfe, der es schon als Mittzwanziger im Reichssicherheitshauptamt zum Referatsleiter gebracht hatte, bildeten das personelle Rückgrat der "Organisation Gehlen". 1956 übernahm die Bundesrepublik den seit 1947 von der CIA geführten Nachrichtendienst per Kabinettsbeschluss in eigene Regie. In ihrer Geschichte des Bundesnachrichtendienstes schreiben die Journalisten Peter und Michael Müller:

"Die Gründung des BND vollzog sich weitgehend undiskutiert, außerhalb der parlamentarischen Debatte und von der Öffentlichkeit wenig beachtet. (...) Eine gesetzliche Basis für die demokratische Überprüfung der Geheimdienstarbeit wird vom Bundestag erstmals (...) 1978 verabschiedet – mehr als zwanzig Jahre nach der Gründung des BND."

Heinz Felfe, der nach englischer Kriegsgefangenschaft für die Briten und das gesamtdeutsche Ministerium nachrichtendienstlich gearbeitet hatte, musterte 1951 bei der "Organisation Gehlen" an. Er war ein Protegé des Ex-Wehrmachtsgenerals. Im BND brachte es der abgebrochene Jura-Student Felfe zum Oberregierungsrat. Zugleich aber stand er auf der Gehaltsliste der Sowjets, die ihn schon 1950 angeworben hatten. Das Material, mit dem Felfe im BND reüssierte, spielte ihm der KGB zu.

Den ideologischen Schwenk vom Reichssicherheitshauptamt, der Polizeizentrale des NS-Regimes, zu den "Kundschaftern" der Sowjetunion begründete Felfe mit seiner angeblichen Friedensliebe. Für die Sowjetunion zu spionieren, so erklärte Felfe 1986 in seinen Memoiren:

"War für mich in der Tat der beste Weg, für ein neues, einheitliches, friedliches Deutschland zu kämpfen, das mit der Sowjetunion friedlich verbunden war."

Durch die Arbeit des Top-Agenten flogen etwa 100 CIA-Informanten in der DDR auf. 15.000 geheime Dokumente schaffte er in den Osten und kassierte dafür insgesamt 140.000 DM vom KGB. Der Bundesgerichtshof machte Felfe und zwei Komplizen 1963 den Prozess: 14 Jahre Haft für den Landesverräter. 1969 wurde er gegen 21 politische Häftlinge ausgetauscht. In der DDR führte Felfe sein Jurastudium zu Ende und wurde 1978 Professor für Kriminalistik an der Humboldt-Universität. Der Mann, der für drei unterschiedliche Regime spioniert hatte, starb am 8. Mai 2008 im Alter von 90 Jahren.

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