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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.02.2011

Spiel mit Erinnerung und Fantasie

Ingmar Bergman: "Laterna Magica", Alexander Verlag, Berlin/Köln 2011, 432 Seiten

Der schwedische Filmregisseur Ingmar Bergman (AP Archiv)
Der schwedische Filmregisseur Ingmar Bergman (AP Archiv)

Regisseur Ingmar Bergman schaut in seiner 1987 erstmals erschienen und nun neu verlegten Autobiografie auf Schlüsselszenen seines Lebens. Über die Arbeit an seinen Filmen erfährt der Leser zwar wenig, dafür aber über Bergmans Kindheit und das Schweden der 20er-Jahre.

"Von Wahrheit und Lüge" lautet der Titel der Ausstellung über Ingmar Bergmans Leben und Werk, die jetzt bis Ende Mai in die Deutsche Kinemathek in Berlin übernommen wurde. Diese Formulierung trifft ins Herz der Faszination, die von dem schwedischen Film- und Theaterregisseur bis heute ausgeht. Von den 50er- bis in die 70er-Jahre wuchs sein internationaler Ruhm, weil er es wagte, in seinen Filmen so schonungslos ehrlich über das Leiden der Männer an sich selbst zu sprechen, den Weltüberdruss des Künstlers, seine Depressionen, das Scheitern von Liebe, den Hunger nach Sexualität, die Sehnsucht nach der Kindheit, die Angst vor dem Sterben und die Schwierigkeit, auch als Erwachsener noch als das Kind einer Mutter behandelt zu werden.

Die Art, wie Bergmans erste Autobiografie "Laterna Magica" beginnt - 1987 zuerst erschienen und jetzt neu verlegt -, erinnert an eine andere, ungleich berühmtere literarische Selbstinszenierung, an Goethes "Dichtung und Wahrheit". Wie ein dem Spiel mit Erinnerung und Fantasie hingegebenes Buch, aber so, als suchte Bergman auch den Kontrast zu Goethe zu inszenieren, fängt "Laterna Magica" an: Wo Goethe erhabener Stimmung die Konstellation der Sterne in seiner Geburtsstunde referiert, erzählt Bergman, dass seine schwer erkrankte Mutter zu wenig Milch für das Neugeborene hatte und die Großmutter es auf dem Weg in die Sommerfrische mit eingeweichter Sandtorte fütterte, was das von Erbrechen und Krämpfen geschüttelte Baby beinahe umbrachte. Im ersten Jahr rang das kranke Kind immer wieder mit dem Tod.

Aus den Tiefen seines Bewusstseins könne er sich seinen damaligen Zustand ins Gedächtnis zurückrufen, behauptet der 1918 geborene Autor. Und zählt auf: den Gestank der Körperausscheidungen, die feuchten, scheuernden und kratzenden Kleider, das tiefe Atmen eines Kindermädchens, Sonnenreflexe einer Wasserkaraffe. Menschen, das ist die Spezies, deren Exemplare sich gegenseitig das größte Leid verursachen, ohne es zu wollen oder doch anders zu können. Das ist die Quintessenz des Buches. Die Qualität der Memoiren macht dies aus: Bergmans außergewöhnlicher filmischer Blick auf das eigene Leben, mit dem er Schlüsselszenen – ja, eben nicht nur aufruft, sondern entwirft. Die Sprache, in der er dies tut, nimmt den Leser sofort mit ihrer rauen, kurz angebundenen Poesie gefangen.

Bergman ist ein faszinierender Erzähler, ironisch, komisch, schonungslos, bitter. Angesichts seiner Untreue als junger Regisseur betont er, sein retrospektives Unbehagen an sich selbst sei so groß, dass er vieles verdrängt habe. Schon als Kind einer Pastorenfamilie bringt er sich das Lügen bei, quasi als Überlebenstechnik. Der Regisseur entdeckt, wie er seine eigene Rolle anlegen muss, damit die Crew tut, was er möchte.

Über die Arbeit an seinen berühmtesten Filmen - "Wilde Erdbeeren", "Herbstsonate", "Szenen einer Ehe" oder "Fanny und Alexander" – erfährt man in "Laterna Magica" nicht viel. Wohl aber taucht man ein in die Kindheit, aus der der erwachsene Bergman schöpft, in das Schweden jener 20er-Jahre, die Natur, die Gesellschaft. Gute Ratschläge gibt es außerdem: "Gottesdienste und schlechte Theatervorstellungen sind das Längste, was es gibt. Wenn man mal das Gefühl hat, dass das Leben zu schnell dahinrast, muss man in die Kirche oder ins Theater gehen. Dann bleibt die Zeit stehen."

Besprochen von Wiebke Hüster

Ingmar Bergman: Laterna Magica
Alexander Verlag, Berlin/Köln 2011
432 Seiten, 24,90 Euro

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