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Fazit / Archiv | Beitrag vom 19.01.2012

Spiegelung politischer Ereignisse

Das Frankfurter Ausstellungsprojekt "Demonstrationen" gibt Anregungen für unser politisches Handeln

Von Volkhard App

"The people are demanding" (2011) von Rabih Mroué (Frankfurter Kunstverein - Norbert Miguletz)
"The people are demanding" (2011) von Rabih Mroué (Frankfurter Kunstverein - Norbert Miguletz)

Welchen Einfluss haben Krisen und Umbrüche auf die Kunst - und wie ist die Wechselwirkung zwischen beiden? Diesen Fragen widmet sich der Frankfurter Kunstverein in seiner neuesten Ausstellung zum Thema "Demonstrationen".

Vielstimmig tönt hier die Geschichte - Politikerreden, zum Klanggebirge übereinandergelegt, dazu Reportage-Sprengsel vom Mai 68 und vom Mauerfall. Ein großer diffuser Chor - in dieser Ausstellung um Macht, Aufbegehren und historischen Umbruch.

Erstaunlich vielgestaltig ist die präsentierte Kunst: So hat Noh Suntag in grellem Licht das brutale Vorgehen der Polizei gegen Demonstranten in Seoul festgehalten, die sich gegen Bodenspekulation und die Vertreibung von Bewohnern wehrten. Irina Botea hat von Laien Texte nachsprechen lassen, die rumänische Revolutionäre 1989 vor den Fernsehkameras vortrugen. Ein schwieriges Rollenspiel. Nazim Ünal Yilmaz wiederum reagiert mit heftiger, farbstarker Malerei auf Nationalismus und Repression in seiner türkischen Heimat.

Gerade die jüngste Zeit war international voller Krisen und Konfrontationen, so dass die Kuratorinnen Mühe gehabt haben dürften, auf all die Umbrüche zu reagieren. Britta Peters:

"Wir haben mit den Planungen des Projekts im November 2010 begonnen, da war das Thema schon sehr aktuell. Wir sind während der Vorbereitung permanent überrollt worden von dem, was noch alles passiert ist. Da waren die Widerstände in London, 'Occupy Wall Street', die Arabische Revolution. Wir sind da praktisch nicht hinterhergekommen, haben aber trotzdem einen Weg gefunden, das alles mitzureflektieren."

Den Kontakt zu den Zäsuren unserer Tage stellen phantasievolle Videos von Aalam Wassef her, mit denen er per Internet den ägyptischen Herrscher Mubarak attackierte. Als Aufklärer zu wirken war gefährlich:

"Ja, das war es. Mehrere Leute sind deshalb verhaftet worden. Die Polizei kommt um fünf Uhr früh und nimmt einen fest. Ein Blogger ist zum Beispiel 2007 zu vier Jahren Haft verurteilt worden. Jetzt ist er wieder draußen, aber damals kamen sie zu ihm nach Hause und nahmen ihn fest. Ich habe mich selber durch ein Pseudonym geschützt und war sehr vorsichtig, im Internet ja keine Spuren zu hinterlassen. So konnten sie mich nicht aufspüren."

Die Tätigkeit von Aalam Wassef geht weiter, richtet sich nun gegen die neuen Machthaber in seiner Heimat. Auch wenn ihm an Information und politischer Wirkung gelegen ist, so sieht sein Selbstverständnis doch etwas anders aus:

"Mein Standort ist der eines Künstlers. Ich bin kein Politiker oder Aktivist, auch wenn man mir dieses Etikett immer wieder gegeben hat. Ich filme Performances, komponiere und schreibe Texte, ich zeichne und entwerfe das Design für meine Auftritte. Es ist eine künstlerische Arbeit - erst danach wird in der Bedeutung etwas anderes daraus und es wird so oder so betrachtet."

Bei soviel jüngerer Zeitgeschichte fallen die historischen Fundamente dieser Schau, die Ausflüge ins 18. und 19. Jahrhundert, umso stärker auf. Eine kaum mehr zu überschauende Bürgermenge huldigt 1742 Karl VII., der in Frankfurt am Main zum Kaiser gekrönt wurde. In Frankreich hingegen erhebt sich bald das Bürgertum, Ludwig XVI. muß sich unter dem Druck des Volkes eine Jakobinermütze aufsetzen, was auf einer Radierung verewigt wurde. Das Hambacher Fest, der Revolutionsversuch von 1848 und die Nationalversammlung in der Paulskirche - all das läßt die Ausstellung Revue passieren. Sabine Witt ist für diesen historischen Teil verantwortlich:

"Ich denke, das ist eine grundsätzliche Entscheidung der beiden Veranstalter gewesen, des Kunstvereins und der Goethe-Universität. Die historischen Arbeiten sollen auch eine Überzeitlichkeit des Phänomens zeigen, der Spiegelung politischer Ereignisse in der Kunst. Und dass gewisse Abläufe die Jahrhunderte über gleich bleiben."

Spannend ist die Präsentation, wenn große Historie und jüngere Rebellion jäh aufeinandertreffen. Da wird auf einem Gemälde von Johann Peter Hasenclever 1848 eine Delegation der Arbeiter, des "Vierten Standes", im Stadtrat mit ihren sozialen Forderungen vorstellig. Gegenüber hängt eine Fotoserie von Julian Röder, der zwischen 2001 und 2008 rund um verschiedene G8-Gipfel die Konfrontation der oft schwarz vermummten Demonstranten und der Polizisten fotografiert hat. Eine Reise durch die Jahrhunderte: welch ein Unterschied bei den Akteuren und in den Protestformen!

Das Thema von Macht, Auf- und Umbrüchen wirklich abhandeln kann eine solche Ausstellung selbstverständlich nicht. Aber sie vermag mit sprunghafter Dramaturgie und vielfach überzeugenden - und manchmal auch nicht ganz so zwingenden - Werken Denkanregungen zu geben. Und vielleicht sind es ja Impulse für unser eigenes politisches Handeln. Britta Peters:

"Ich glaube, es wäre falsch zu sagen, dass wir dazu aufrufen, mehr zu demonstrieren. Es geht mehr um politische Bewußtseinsbildung. Ob sich das dann zwangsläufig in einer Demonstration äußert oder in einem Gespräch mit Freunden oder in dem Verhalten gegenüber dem Arbeitgeber, das ist offen."

Und Sabine Witt sagt:

"Sicherlich sind das politische Statements, die in den Kunstwerken auftauchen. Es ist nicht unbedingt Aufruf, es geht um ästhetische, künstlerisch-ideengeschichtliche Reaktionen."

Für zusätzlichen Elan werden in den nächsten Wochen, als Teil des Projekts, Performances und Aktionen im Zentrum der Bankenstadt sorgen. "Demonstrationen” - dieses Thema sollte auch andernorts aufgegriffen werden: mit der Fragestellung, wie, mit welchen Mitteln die Kunst auf die Krisen und Umbrüche unserer Zeit reagiert.

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