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Filme der Woche / Archiv | Beitrag vom 26.09.2012

"Speed - Auf der Suche nach der verlorenen Zeit"

Lustvolles Kopfkino über ein Phänomen, das jeder kennt

Von Hans-Ulrich Pönack

Szene des Kinofilms "Speed - Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" (picture-alliance / dpa)
Szene des Kinofilms "Speed - Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" (picture-alliance / dpa)

Regisseur Florian Opitz wollte wissen, wo eigentlich die Zeit geblieben ist, über deren Mangel sich viele heute beklagen. Für seinen Film "Speed - Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" besuchte er ein Zeitmanagement-Seminar, die Nachrichtenredaktion Reuters in London oder einen Bauernhof in den Schweizer Alpen.

Der 1973 in Saarbrücken geborene Journalist und TV-Dokumentarfilmer ("Monitor") fiel erstmals 2007 einem größeren Publikum auf, als er mit seinem Film "Der große Ausverkauf" in die Kinos kam. Thema: Die weltweit zunehmenden Privatisierungen von Betrieben, um das Wirtschaftswachstum zu steigern und welche verheerenden Folgen dies für die unmittelbar Betroffenen hat. 2009 wurde Florian Opitz für diese Dokumentation mit dem renommierten "Adolf Grimme-Preis" ausgezeichnet. Sein zweiter Kinofilm widmet sich auch einem aktuell politischen wie gesellschaftlich heißen Thema.

"Warten empfinde ich als Zumutung", erklärt der Familienvater Florian Opitz eingangs sein derzeit beunruhigendes Empfinden. Motto: Wir sind doch technisch inzwischen dermaßen hochgerüstet, dass man eigentlich sehr viel mehr Zeit haben sollte. Doch das Gegenteil scheint der Fall zu sein: Wir haben anscheinend immer weniger Zeit.

Woran liegt das? Wieso geschieht das? Und ist das wirklich so? Es geht uns doch eigentlich immer besser, aber im Grunde verelenden wir in Sachen Zeit immer mehr. Täglich erhalten wir Informationen, Nachrichten, Statements über das offenbar inzwischen allgegenwärtige wie zunehmende Phänomen Burnout-Syndrom. Über die menschliche Oberkanten-Erschöpfung. Warum?

Florian Opitz begibt sich auf die Suche nach Gründen, möglichen Lösungen, überregional, international. Er studiert die explodierende Ratgeber-Literatur zum Thema Zeitmanagement, besucht ein Seminar des als "Zeitmanagement-Papstes" geltenden Professor Dr. Lothar Seiwert ("Mehr Zeit für das Wesentliche"). Er landet in der Praxis des Burnout-Experten Dr. Sprenger. Der stellt bei Opitz Verhaltensmuster fest, die demnächst zu einem Burnout führen könnten. Opitz trifft sich in München mit dem Redakteur Alex Rühle von der "Süddeutschen Zeitung", der sich in einem Selbsttest Internet- und Handy-Entzug für ein halbes Jahr verordnete. Dessen Erfahrungen scheinen interessant. Und weiter geht die Tour über Zeitforscher, Unternehmensberater, die Londoner Konzernzentrale der Nachrichtenagentur Reuter.

Florian Opitz taucht in den vollautomatisierten weltweiten Börsenhandel ein, lässt sich vom Soziologen Hartmut Rosa den hektischen sozialen Wandel verständlich erläutern, begegnet einem ehemaligen Investment-Banker von Lehman-Brothers, der gerade ein Praktikum als Berghüttenwirt absolviert. Er landet bei einer zufriedenen Bergbauernfamilie in der Schweiz, fliegt nach Chile, wo ein ehemaliger Textilunternehmer ein riesiges Naturreservat anlegt und langsam wachsende Bäume für die saubere Zukunft pflanzt. Und er findet eine erstaunliche Alternative in Bhutan, diesem kleinen Berg-Reich zwischen China und Indien, wo tatsächlich staatlich das "Bruttonationalglück" über die Verfassung verordnet wurde.

Der Film zeigt viele Erkenntnisse, aber weder Allheilmittel noch Lösungen. "Speed – Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" eröffnet einen bemerkenswerten Blick auf den Zustand unserer Zeit, in der Zeit-Wettbewerb zum wichtigsten Geschäfts- und Lebens-Faktor geworden ist und ein digitales Fasten durchaus seine Berechtigung hätte. Aber: Der Computer ist längst zu einer allgegenwärtigen Zeitvernichtungswaffe geworden, bilanziert Florian Opitz.

Deutschland 2011; Regie: Florian Opitz; Drehbuch: Florian Opitz; 120 Minuten

Filmhomepage

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