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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 15.11.2010

Spaziergang durch die Geschichte der humanistischen Ideale

Rob Riemen: "Adel des Geistes", Siedler Verlag, München 2010, 160 Seiten

Riemens Buch knüpft an Thomas Manns gleichnamige Essaysammlung von 1945 an. (AP)
Riemens Buch knüpft an Thomas Manns gleichnamige Essaysammlung von 1945 an. (AP)

Was ist der Mensch? Worin besteht seine Würde? Und was ist die rechte Art zu leben? Diese Fragen stehen am Anfang der Philosophie, und sie sind auch der rote Faden, der durch Rob Riemens hinreißenden Essay "Adel des Geistes" führt.

Der niederländische Philosoph knüpft mit diesem Titel an Thomas Manns gleichnamige Essaysammlung aus dem Jahr 1945 an. Angesichts der Barbarei des Zweiten Weltkrieges reflektierte Mann darin über die Grundlagen der europäischen Bildungstradition.

Riemens ebenso eleganter wie kundiger Spaziergang durch die Geschichte der humanistischen Ideale beginnt dann auch mit Manns jüngster Tochter Elisabeth Mann Borgese. Nach einer denkwürdigen Begegnung mit ihr und deren alten Freund Joe Goodmann beschließt er, ein Buch über den Seelenadel zu schreiben – ein Streben nach einem Leben in Wahrheit und Freiheit. Dabei geht es ihm um nichts Geringeres als die Kunst des "Mensch-Werdens", erreicht durch die Kultivierung der Seele. Doch ein Leben, das sich an den höchsten Werten orientiert, ist zugleich immer auf die Gemeinschaft aller Menschen gerichtet. Bildung verbindet sich mit gesellschaftlichem Engagement. Der Adel des Geistes ist tätige Haltung, keine blasse Theorie.

Und aktueller denn je. Riemen verknüpft in seinem Werk die Aufgabe des Philosophen mit der des Intellektuellen. Grundlage einer solchen Existenz ist eine unkorrumpierbare Verpflichtung der Wahrheit gegenüber, die Fähigkeit, gut und böse zu unterscheiden, und ein Denken, das niemals die Mittel dem Zweck unterordnet. Damit wendet er sich explizit gegen die allgegenwärtige Politisierung, die alles Weltgeschehen nur noch in "links" und "rechts" unterteilt; und auch gegen amerikanische Intellektuelle, für welche die Anschläge des 11. September 2001 nur Ausdruck einer inneren Fäulnis des Kapitalismus selbst waren. Blutbad bleibt Blutbad; das gilt es unter allen Umständen im Auge zu behalten.

Um der Tradition und auch dem Preis eines Lebens in Wahrheit nachzugehen, zitiert Riemen Spinoza: dessen Forderung, das Streben nach Reichtum, Macht und Lust durch eine Ausrichtung der Existenz auf das Wahre, Gute und Bleibende zu ersetzen. Nur wer sich von Freiheit und Wahrheit leiten lässt, erwirbt sich den Besitz seiner eignen Würde. Mit Nietzsche geht es um die notwendige Selbstsetzung des Menschen in einer Welt ohne Gott. Dessen prophezeiter Nihilismus und die Ersetzung von Wahrheit durch Konsum und Aberglaube ist immer noch gültige Kritik an der Gegenwart.

Nicht fehlen darf auch die Geschichte des Sokrates: einer, der lieber starb, als der herrschenden Meinung zu dienen. Genauso wie - in einer Epoche, die kaum weiter entfernt sein kann - der Schriftsteller und Antifaschist Leone Ginzburg, der 1944 in Verteidigung seiner Ideale hingerichtet wurde und dem der Autor ein stilles Denkmal setzt.

Es gibt also etwas im menschlichen Dasein, das mehr wiegt als eigene Leben – die Freiheit des Denkens, des Handelns und des Sprechens. Es geht um Tapferkeit, Wahrhaftigkeit und Solidarität. Die Würde des Menschen ist in seine Hand gegeben. Riemens furioses Buch ist ein ebenso bewegender wie aktueller Appell an jeden Einzelnen, sich dieser Aufgabe zu stellen.

Besprochen von Ariadne von Schirach

Rob Riemen: Adel des Geistes. Ein vergessenes Ideal
Siedler Verlag, München 2010
160 Seiten, 16,95 Euro

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