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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 01.08.2012

Spannend, amüsant und bitterböse

Karl-Markus Gauß: "Ruhm am Nachmittag", Zsolnay Verlag Wien, 283 Seiten

Der österreichische Schriftsteller Karl-Markus Gauß (picture alliance / dpa)
Der österreichische Schriftsteller Karl-Markus Gauß (picture alliance / dpa)

Ein Grazer Gefängnisaufstand, jugoslawische Architekten und Ärger mit der eigenen Ehefrau: Der Salzburger Schriftsteller Karl-Markus Gauß vermengt in seiner feuilletonistischen Prosa politisches Geschehen und persönliches Erleben zu meisterhaft süffisanten Geschichten.

In den Grazer Gefängnissen Karlau und Jakomini rebellieren die Häftlinge. Sie lehnen es ab, ihrer Arbeit nachzugehen, weil diese ihrer Ansicht nach den Straftatbestand des Betrugs gleich mehrfach erfüllt. Die Häftlinge jobben im Auftrag der Gefängnisleitung für ein privates Callcenter, das mit unlauteren Lockangeboten auf Kundenfang geht. Sie sind gezwungen, ihre wahre Identität und ihre Grazer Knastadresse zu verschweigen, denn sie sollen die seriösen Mitarbeiter einer seriösen Firma spielen. Für den Einsatz der Häftlinge zahlt das Callcenter 40.000 Euro jährlich in die Kassen des Staats Österreich. Von dieser Private Public Partnership berichteten 2008 einige Medien.

Der Salzburger Schriftsteller und Verleger Karl-Markus Gauß erzählt davon in seinem jüngsten Buch "Ruhm am Nachmittag" voller Abscheu und nicht ohne Süffisanz. Der zeittypische Ausverkauf staatlicher Einrichtungen an skrupellose Privatunternehmer im Geiste des Neoliberalismus bildet ein Grundmotiv in Gauß' feuilletonistischer, tagebuchähnlicher Prosa, die politisches Geschehen und persönliches Erleben ausgehend von den Jahren 2008 und 2009 spiegelt.

Kalenderdaten werden nicht genannt. Doch einen Zeitbezug herzustellen, dürfte dem Leser nicht schwer fallen, sofern ihm die europäische Obama-Begeisterung nach dessen Wahlsieg, die antiisraelischen Dauerempörungen aus Anlass des Gaza-Kriegs oder die nationalistischen Tiraden des SPD-Finanzpolitikers Peer Steinbrück noch im Gedächtnis haften. Gauß begegnet den von ihm beschriebenen Zuständen, Ereignissen und Personen mit einem nicht selten zornigen, manchmal auch verzweifelten Humor.

Stets konstruiert er größere Zusammenhänge. So ist die seltsame Geschichte vom Grazer Gefängnisaufstand Teil einer umfangreichen Textkomposition zum Thema Gefangenschaft. Dabei geht es um die Lage von Gefangenen und Arbeitssklaven in verschiedenen Ländern, aber auch um einen Architekten des sozialistischen Jugoslawien, der das perfekte Gefängnis baute, um wegen des Vorwurfs politischer Abweichung schließlich selbst dort zu landen.

"Ruhm am Nachmittag" handelt beileibe nicht nur von Politik und Gesellschaft. Viel Platz nehmen existentielle Erfahrungen des Autors ein, das Altern, die Angst vor dem Tod, die stetige Neubewertung seiner eigenen Biografie, die Meinungsverschiedenheiten mit der Ehefrau, Reiseerinnerungen. Schließlich streift Gauß durch Jahrhunderte europäischer Literaturgeschichte – von dem Engländer Samuel Johnson über den Ungarn Sándor Márai bis zum Schweden Per Olov Enquist.

Karl-Markus Gauß, der 1954 in Salzburg zur Welt kam und auch heute dort lebt, ist weder Kulturpessimist noch Traditionalist. Indes gehen ihm viele zeitgenössische Tendenzen im Kultur- und Kunstbetrieb heftig auf die Nerven. Dazu gehört die Marcel Proust interpretierende Blogliteratur des mehrfach preisgekrönten Jochen Schmidt ebenso wie das modische Diktum, wahre Kunst müsse gnadenlos sein - und vieles mehr.

Gauß bietet auf 283 Seiten eine Menge und versteht es meisterhaft, das Unterschiedliche miteinander in Verbindung zu setzten. "Ruhm am Nachmittag" ist ein spannendes, amüsantes, manchmal bitterböses Buch.

Besprochen von Martin Sander

Karl-Markus Gauß: Ruhm am Nachmittag
Zsolnay Verlag Wien
283 Seiten, 19.90 Euro

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