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Profil / Archiv | Beitrag vom 03.11.2005

Spanischer Meister der Trickfiguren

Carlos Grangel – Schöpfer der "Corpse Bride"

Der spanische Animationsfilmer und Zeichner Carlos Grangel.
Der spanische Animationsfilmer und Zeichner Carlos Grangel. (Carlos Grangel)

Regisseur Tim Burton hat eine ausgeprägte Vorliebe für düster romantische Welten. Nun kommt sein neuster Film "Corpse Bride – Hochzeit einer Leiche" in die Kinos. Entworfen hat die Leichenbraut und die anderen drollig-makabren Puppenfiguren ein Spanier: Carlos Grangel. Der Designer aus Barcelona gilt als einer der Großen der Szene und hat auch für Regisseure wie Steven Spielberg gezeichnet. Julia Macher hat Carlos Grangel in Barcelona getroffen

Wäre Carlos Grangel eine Comicfigur, dann am ehesten eine Springmaus. Der Mann kann nicht still sitzen. Er springt auf, um zum fünften Mal die Unterlagen für einen Vortrag zu kontrollieren. Eine Vertreterin von Warner Brothers zu begrüßen. Letzte Hand an eine Ausstellung zu legen.

Ständige Bewegung ist die einzige Möglichkeit, den übervollen Terminplan zu absolvieren. Denn Carlos Grangel – 1 Meter 60 klein, wache grau-braune Augen, blasse Haut – ist ein begehrter Mann. Tim Burton schwärmte, er habe sich dem Zeichner schon verbunden gefühlt, bevor er ihn überhaupt kennen lernte. Und Steven Spielberg sagt von ihm, er erfülle Aufträge nicht einfach, sondern setze stets noch eins drauf. Carlos Grangel selbst gibt sich zurückhaltend selbstbewusst.

"Ich habe mit Fix und Foxi angefangen in Deutschland, später kamen dann Disneyfiguren dazu und irgendwann fing ich an, meine eigenen Figuren zu entwerfen und zeigte sie verschiedenen Studios. Ich mag elegante, sehr stilisierte Formen. Bei allem: Den Schuhen, dem Gesicht, dem Körper. Ob eine Figur mir hundertprozentig gefällt, kann ich eigentlich nie sagen. Ich bin ein großer Perfektionist. Meine Arbeit müssen andere beurteilen."

Die beurteilen sie mit sehr gut: Weil sich Carlos Grangel in seine Auftraggeber hineindenken kann. Die Figuren von zwölf Filmen der Spielbergfirma DreamWorks hat Carlos Grangel inzwischen mitentworfen, darunter Trickfilme wie "Der Prinz von Ägypten", "Madagascar" und den mit dem Branchen-Oscar "Annie" ausgezeichneten "Spirit". Der Meister höchstpersönlich soll beim Anblick von Grangels Zeichnungen "Heureka, wir haben es" ausgerufen haben. Ob's stimmt ist fraglich.

Denn wie um jeden, der es in Hollywood geschafft hat, ranken sich auch um Carlos Grangel Mythen und Legenden. Steven Spielberg soll er ganz zufällig vorm Aufzug kennen gelernt haben, flüstern sich vorgebliche Branchenkenner zu, und der habe dem hektischen Spanier mit dem seltsamen Englisch sofort einen Job verschafft.

"Es war kein Zufall à la "Wir treffen uns vor dem Aufzug und ich sage Spielberg: Übrigens bin ich Zeichner". Spielberg hatte mir schon eine Chance gegeben, ich saß gerade über den Aufnahmetests. Und dann kam Spielberg eben vorbei und fragte mich, wo es zur Treppe geht – und ich habe ihn nach oben begleitet, weil er Aufzüge nicht mag. Als man ihm zwei Tage später die Tests vorlegte, hat er eben unseren ausgewählt. Die Presse sagt immer "Das war ein glücklicher Tag" – aber ich habe mich wie jeder andere ganz offiziell beworben. "

Carlos Grangel hasst hollywoodeske Legenden über wundersam zufällige Begegnungen. Weil sie den wahren Kern seiner Arbeit verfehlen. Der Erfolg des Grangel-Studios, das Carlos gemeinsam mit seinem Bruder Jordi betreibt, beruhe ausschließlich auf Fleiß, Disziplin und sorgfältiger Arbeit. Auf gutbürgerlichen, europäischen Tugenden. Und das schätzt die Branche.

"Tim Burton sagte, dass unser Stil sehr europäisch ist. Er lebt ja seit vier Jahren in London und mag Europa sehr. Er wollte Gestalten, die einen besonderen, anderen, eben europäischeren Look haben. Der Film beruht zwar auf einem russischen Märchen, spielt aber im viktorianischen England. Also haben wir in den Antiquariaten in der Londoner Charing Cross alte Bücher gekauft und uns von vielen Schwarz-Weiß-Fotos aus der viktorianischen Zeit inspiriert. Und schwarz-weiß sind ja auch die Figuren geworden."

Schwarz-weiß-grau viktorianisch streng die Welt der Lebenden – und die der Toten swingend poppig bunt. In der Unterwelt, in die Victor wider Willen gerät, trommelt sich eine Skelettband munter auf Rippen-Xylophonen die schon entfleuchte Seele aus dem Leib. Der Kopf des Oberkellners gleitet elegant und stets dienstbeflissen auf dem Tresen hin und her. Und die fidele Leichenbraut Emily hat Grangel – nach den Vorgaben des Regisseurs - mit soviel Charme und Sex-Appeal ausgestattet, dass man gar nicht versteht, warum Victor unbedingt zu seiner mausgrauen Angetrauten Victoria zurück will.

Zweieinhalb Jahre haben die Brüder Grangel an dem Film gearbeitet. Während Carlos in Barcelona Figuren entwarf, achtete sein Bruder Jordi in Manchester mit Argusaugen darauf, dass die 30 Zentimeter hohen Puppen auch wirklich exakt der Vorlage entsprachen. Diese Arbeitsteilung ist typisch, denn Carlos bleibt am liebsten zu Hause. Nach Hollywood umziehen, der Karriere wegen? Nein danke.

"Ich habe in Los Angeles, in London und München gelebt. Aber am besten gefällt mir Barcelona. Hier gibt es soviel gutes Design: In der Architektur, der Mode, dem ganzen Lebensstil. Das ist wie eine Adrenalinspritze jeden Tag. Hier zu leben, ist ein großer Vorteil: Wir können schließlich dort am besten kreativ sein, wo wir glücklich sind. Und ich bin glücklich in Barcelona: Wegen des Klimas, des Essens, der Familie. Und dieses Glück spiegelt sich in der Arbeit wieder."

Katalanischer Regionalpatriotismus, der ankommt in Barcelona. Carlos Grangel würde dazu wohl eher Bodenständigkeit sagen, eine europäische Tugend. Vielleicht ist es auch schlicht die einzige Möglichkeit einmal zur Ruhe zu kommen - und das Herumspringen den Trickfilmfiguren zu überlassen.

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