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Interview / Archiv | Beitrag vom 02.10.2012

Soziologin: Wenn die Mieten steigen, ist der Staat gefragt

Martina Löw: Investoren betreiben keinen sozialen Wohnungsbau

Martina Löw im Gespräch mit Ute Welty

Schanzenviertel in Hamburg
Schanzenviertel in Hamburg (Deutschlandradio - Janine Wergin)

Wenn in den Innenstädten nur noch Reiche leben und andere Bevölkerungsgruppen an den Stadtrand gedrängt werden, dann muss der Staat regulierend eingreifen, fordert die Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, Martina Löw.

Ute Welty: Herbert Grönemeyer hat da studiert, aber auch Bundestagspräsident Norbert Lammert, Bischöfin Margot Käßmann und Moderatorin Ute Welty – Bochum ist mit 30.000 Studierenden eine der größten deutschen Unis und eine der umstrittensten, was die Architektur angeht. Seit langem hält sich die urban legend, dass Bochum die Uni sei mit der höchsten Selbstmordrate. Von daher vielleicht kein Zufall, wenn sich ab heute der 36. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Bochum trifft, eröffnet von der Vorsitzenden, von Martina Löw. Guten Morgen!

Martina Löw: Guten Morgen, Frau Welty!

Welty: Seit mehr als zehn Jahren beschäftigen Sie sich mit der Soziologie des Raums, mit der Frage, inwieweit die Entstehung eines Raums von den gesellschaftlichen Entwicklungen abhängt. Welche Erkenntnisse drängen sich Ihnen da im Zusammenhang mit Bochum auf, mit diesen nüchternen, eckigen Betonbauten, die man in den 60er-Jahren mal schick fand?

Löw: Na ja, die Bochumer Uni, das ist schon ein Versuch, Homogenität zu erzeugen, also für jeden Fachbereich, für jede Fakultät das gleiche Gebäude, keine Differenz nach außen, sondern eben soziale Gerechtigkeit zwischen den Fächern.

Welty: Interessanterweise gibt es ja eine Parallele zwischen den Gebäuden in Bochum und den Plattenbauten der DDR. Für beides wurden Fertigteile hergestellt. Heißt das im Umkehrschluss, dass auch die Gesellschaften tief im Westen und im Osten gar nicht so unterschiedlich tickten?

Löw: Na ja, die Parallele zwischen den beiden Gesellschaften ist auf jeden Fall die Industrialisierung. Das heißt, die Rationalisierung von Prozessen, schnelles Bauen, möglichst effektives Bauen, das ist keine Differenz zwischen Ost und West.

Welty: Jetzt hat sich die Gesellschaft ja seit den 60ern stark verändert, auch und vor allem durch die Deutsche Einheit. Was würden Sie heute als das herausragende Merkmal dieser Gesellschaft bezeichnen, und wie wirkt sich das auf den Raum aus, in dem wir leben?

Löw: Also eine ganz wichtige Frage heute für uns, deswegen auch das Kongressthema, ist die Frage nach Vielfalt. Leben wir in einer vielfältigen Gesellschaft, durch welche Vielfalt zeichnet sich die Gesellschaft aus, und was heißt das für sozialen Zusammenhang? Und das ist ein gesamtdeutsches Thema auf jeden Fall. Es ist ein europäisches Thema, es ist eigentlich sogar ein Thema, was die ganze Welt betrifft.

Welty: Und wie wirkt sich das wie gesagt auf den Städtebau beispielsweise aus, auf den Raum, in dem wir leben?

Löw: Auf den Städtebau, da wirkt sich das in dieser Art und Weise aus, dass wir lange Zeit davon ausgingen, dass wir so ganz imaginär uns vorgestellt haben, wir bauen für Erwachsene, und insbesondere wir bauen für erwachsene berufstätige Männer. Sie sehen das daran, dass wir zum Beispiel für Kinder nur so kleine Zonen vorgesehen haben in Form von Spielplätzen, oder aber, dass wir Wohngebiete, wo es nicht viele Arbeitsplätze gab, als Schlafstätte bezeichnet haben, völlig ignorieren, dass ganz viele Frauen dort ihren Alltag verbringen, dass die Kinder dort leben, dass es einzig die Männer sind, die in die Städte pendeln.

Und das hat sich verändert, also wir haben heute nicht mehr diese Illusion, man könnte imaginär für eine gesellschaftliche Gruppe bauen und dann haben alle schon was davon, sondern heute ist das Thema Vielfalt eine Herausforderung für den modernen Städtebau, die Stadt für alle. Das ist das, was es zu konzipieren gibt, aber gleichzeitig auch das, was so schwer zu bauen und zu gestalten ist.

Welty: Macht es die Vielfalt auch so schwer, sich auf Großprojekte wie die Elb-Philharmonie, dem Berliner Flughafen oder eben auch Stuttgart 21 zu einigen und die dann auch zu realisieren?

Löw: Ja, diese Großprojekte haben natürlich ein großes Diskussionspotential, auf jeden Fall, aber gleichzeitig ist es so, dass sie ganz gut funktionieren als symbolische Marke. Also sie haben festgestellt, dass es häufig Diskussionen um diese Großprojekte gibt während der Erstellung. Aber wenn sie mal da sind, dann sind sie ein Identifikationspunkt für ganz unterschiedliche soziale Gruppen in der Gesellschaft.

Das ist nicht so einfach bei einem ganz normalen städtischen Platz. Diese städtischen Plätze haben noch nicht so eine hohe symbolische Kraft, und damit eben müssen sie sich viel stärker im Alltag bewähren und sind viel stärker umkämpft, werden umgenutzt, umgestaltet und so weiter.

Welty: Wir erleben ja in den Städten immer mehr, dass die Gesellschaft auseinanderfällt, die Reichen leben noch in den teuren Innenstädten, die Armen am billigen Stadtrand. Was rät die Soziologin, um das wieder zusammenzubringen?

Löw: Ja, an dieser Stelle ist der Staat gefragt. Also man kann nicht von Investoren erwarten, dass sie sozialen Wohnungsbau betreiben. Ich meine, man kann sie dazu verpflichten, das auch zu tun, aber der Markt funktioniert nach anderen Gesetzen. Das heißt, der Staat, die Kommune muss an der Stelle eingreifen und gucken, dass es nicht zu einer vollkommenen Homogenisierung der Quartiere kommt, und gleichzeitig, dass es immer Wohnraum auch für diejenigen gibt, die sich die Spitzenmieten nicht leisten können.

Welty: Martina Löw, Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, die sich ab heute zum Kongress in Bochum trifft. Ich danke fürs Gespräch und wünsche erfolgreiches Tagen!

Löw: Ganz herzlichen Dank!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.