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Radiofeuilleton - Kino und Film / Archiv | Beitrag vom 29.01.2012

"Sozialkritik, das reicht mir einfach nicht"

Filmemacher Hans Weingartner über "Die Summe meiner einzelnen Teile"

Hans Weingartner im Gespräch mit Britta Bürger

Hans Weingartner bei der Premiere von "Die Summe meiner einzelnen Teile" im Berliner Kino International. (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)
Hans Weingartner bei der Premiere von "Die Summe meiner einzelnen Teile" im Berliner Kino International. (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)

Die krasse Armut in Deutschland war der Ausgangspunkt für seinen Film, erzählt der Regisseur Hans Weingartner. Dann sei er bei "Die Summe meiner einzelnen Teile" wieder mitten in seinem Thema gelandet - der menschlichen Seele: Diesmal ist es die eines gescheiterten Mathematikers.

Britta Bürger: "Die Summe meiner einzelnen Teile" - der Titel des neuen Films von Hans Weingartner deutet schon an, dass sich in diesem Film Realität und Wahn, Traum und Albtraum abwechseln. Die Hauptfigur Martin Blunt ist hin und her gerissen zwischen extremer innerer Unruhe und Momenten äußerster Stille, was sich entsprechen auswirkt auf den Rhtyhmus des Films, auf kurze Großstadtszenen folgen lange Sequenzen, die mitten im Wald spielen. Dieser angesehene Mathematiker verliert also innerhalb kurzer Zeit seine Freundin, seinen Job, seine Wohnung und damit jeden Halt. Wieder interessiert sich Hans Weingartner für einen Menschen, der aufgrund psychischer Probleme aus der Gesellschaft herausfällt. Ich habe den Filmemacher gefragt, ob dieses Thema immer drängender wird.

Hans Weingartner: Ich denke schon, weil ich glaube, dass immer mehr Leute einfach die Geschwindigkeit nicht mehr aushalten und die Anforderungen am Arbeitsplatz auch durch den globalen Wettbewerb und das immer weiter steigende Wirtschaftswachstum, und deswegen wahrscheinlich auch immer mehr Leute das einfach psychisch nicht mehr aushalten. Also ich glaube, dass das noch ein großes Problem werden wird. Und man sieht es ja auch an den Steigerungszahlen jetzt, was zum Beispiel die psychischen Erkrankungen betrifft, die haben sich verdoppelt in den letzten zehn Jahren. Quasi Deutschland hat also einen hohen Preis bezahlt dafür, für dieses momentane Wirtschaftswunder.

Britta Bürger: In Ihrem Film "Das weiße Rauschen", da haben Sie sich ja auch schon mall mit dem Thema Schizophrenie befasst, auch mit der Angst vieler Leute vor diesen psychisch kranken Menschen, und im neuen Film nun kommt noch der Aspekt der Obdachlosigkeit dazu. Sie schärfen unsere Wahrnehmung nicht nur für den Überlebenskampf obdachloser Menschen – das Flaschensammeln, das Betteln, das Suchen nach einer Schlafstätte –, sondern es geht ihnen anscheinend ja auch darum, dass wir uns fragen, was haben diese Menschen eigentlich für eine Vorgeschichte?

Weingartner: Ja, genau, also das ist jetzt eigentlich bei dem Film schon der zentrale Punkt. Was ist die Vorgeschichte von so jemandem, der auf der Straße landet? Und viele Leute schütteln ja den Kopf, aber man darf ja nicht vergessen, dass laut Untersuchungen mehr als zwei Drittel der Leute, die auf der Straße leben, große psychische Probleme haben. Das ist quasi so, dass die Gesellschaft sich dieser Leute eigentlich entledigt – auf die Straße abgeschoben.

Bürger: Kann man bei diesem Martin Blunt überhaupt von einem Überlebenskampf sprechen, oder greift das zu kurz? Weil Sie zeigen ihn ja auch als jemanden, der um persönliche Freiheit und um Selbstbestimmung kämpft, selbst wenn er im Wald schläft.

Weingartner: Genau, also dieser Kampf ums Überleben ist ja nur der Anfang. Da ist jemand, der ist halt ein bisschen besonders, der ist sensibler als andere, vielleicht ein bisschen selbstkritischer, ja, nicht so toll, nicht so schön, nicht so eloquent irgendwie. Und wie findet der sich doch zurecht?

Er flüchtet ja in den Wald erst mal, und das ist natürlich auch so symbolhaft gemeint. Der Wald hat ja so was Mythisches, für mich ist das auch so eine Art Mutterbauch sozusagen, und dort findet er halt heraus, dass er eben durchaus eine Stärke hat und eine Kraft, und die Natur tut ihm halt wahnsinnig gut. Und er kommt dann irgendwie drauf: Ja, so in der Zivilisation ist es vielleicht nichts für ihn, und in so einem großen Unternehmen zu arbeiten ist vielleicht nichts für ihn, aber er braucht halt eine Nische, in der er leben kann, und das ist für ihn der Wald.

Und ich glaube, dass es schon so ein Trend ist mit dem Aussteigen, und dass immer mehr Leute sagen, ja, schön und gut, mit dem Wirtschaftswachstum, und wir müssen immer mehr produzieren, und der Konsum muss immer mehr steigen, und wir müssen uns noch einmal zusammenreißen, damit wir mithalten können mit den Chinesen und mit den Amerikanern, und was weiß ich. Aber ich habe da jetzt keine Lust mehr drauf, weil ich habe andere Werte in meinem Leben, für mich geht es nicht nur um ökonomische Werte, sondern ich will einfach glücklich sein und ich will leben.

Bürger: Sie haben Cognitive Science mal studiert, das ist so ein interdisziplinärer Studiengang, in dem es um Neurowissenschaft geht, um Psychologie, um Philosophie – auf welche Spur hat Sie dieses Studium gebracht, in welcher Weise hat das Ihre Art, Filme zu machen, beeinflusst?

Weingartner: Darüber habe ich schon einiges gelernt, über die menschliche Psyche, und insofern ist es bei mir immer so, wenn ich Filme mache – also eigentlich wollte ich ja so einen sozialkritischen Film einfach nur machen, jetzt in dem Fall, von wegen, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer mehr auseinandergeht, also vor allem im Armutsbereich ist es ja in Deutschland total krass. Da haben wir ja inzwischen Zustände hier, es ist einfach unfassbar. Da sind wir ganz, ganz weit hinten in den Rankings sozusagen, und dann ...

Bürger: Sind Sie auch ...

Weingartner: ... aber dann bin ich eben draufgekommen, so alleine Sozialkritik, das reicht mir einfach nicht, und mein Thema ist die menschliche Psyche, und so kam es eben dazu, dass dieser Aspekt immer mehr in den Vordergrund trat eben so: Was passiert eigentlich mit unserer Psyche, und wie belastbar sind wir eigentlich noch, eben in diesen Zeiten, wo sozusagen die Gefüge auseinanderbrechen, wo der Arbeitsplatz immer unsicherer ist und jeder immer mehr kämpfen muss, um einen Arbeitsplatz überhaupt zu bekommen? Was hat dieser Stress eben für Auswirkungen?

Bürger: Der Filmemacher Hans Weingartner ist zu Gast im Deutschlandradio Kultur zum Kinostart seines neuen Films "Die Summe meiner einzelnen Teile". Haben Sie dafür eigentlich auch direkt unter Obdachlosen recherchiert?

Weingartner: Na klar, also, das gehört ja dazu, zum Drehbuchschreiben. Wir waren in Berlin hauptsächlich unterwegs, hauptsächlich in so Suppenküchen, und haben da mit Obdachlosen gesprochen und es war schon sehr beeindruckend, also die Schicksale, die man da so kennenlernt – mich berührt das immer wahnsinnig, wie sehr diese Leute wirklich kämpfen.

Und was ich so krass finde, ist, dass die meistens überhaupt kein Selbstbewusstsein haben, sondern die sehen sich selber als, ja Scheiße, ich habe versagt. Und da hörst du dann Geschichten, ja, eben als Jugendlicher verprügelt worden, und dann im Heim gelandet, dort sexuell missbraucht worden, obdachlos, dann die ersten kriminellen Aktionen, dann im Knast, und dann noch eine schwere Krankheit.

Und dann denkst du dir so: Alter, das ist ein Wunder, dass du überhaupt noch lebst. Ich meine, was du leistest, verstehst du, wie du um dein Leben kämpfst, du solltest einen Orden kriegen, verstehst du, du solltest hier im Fernsehen auftreten und nicht diese ganzen Fatzkes da. Ich meine, das berührt mich dann. Und man muss ja Filme machen über Sachen, die einen berühren, glaube ich.

Bürger: "Die Summe meiner einzelnen Teile", das ist ja auch so ein doppelbödiger Titel. Zum einen spielt er eben auf die psychische Zerbrochenheit dieses Mannes an und zum anderen auf seinen Beruf – er war Mathematiker –, doch man traut ihm keine sicheren Berechnungen mehr zu. Er selbst ist unberechenbar geworden, zählt aber ständig irgendwelche Zahlen auf. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, die Mathematik da mit reinzubringen in den Film?

Weingartner: Ich arbeite ja immer sehr eng mit meinen Schauspielern zusammen und versuche dann, so Aspekte deren eigener Persönlichkeit da reinzubringen, und ...

Bürger: Peter Schneider.

Weingartner: Peter Schneider, genau. Und der hat eben dieses mathematische Interesse, und ich habe das übrigens auch. Ich habe immer schon ein großes Faible für Zahlen gehabt, und so kamen wir auf das Thema, und – ich finde, das passt irrsinnig gut. Wenn man so durch die Stadt sich bewegt, dann sieht man ja, überall sind diese Linien, diese Geraden, diese Zyklen, diese ... es ist wie in diesem Film "Matrix", man bewegt sich in einer Zahlenwelt. Und so kamen wir irgendwie auf diese Wahnvorstellungen von Martin, dass er dann denkt, er müsste die perfekte Formel finden, um dahinter zu kommen, wer diese Matrix erfunden hat und wer sie kontrolliert.

Bürger: Mich würde noch interessieren, wie sie mit den beiden sehr unterschiedlichen Schauspielern gearbeitet haben, dem Profi Peter Schneider und diesem jungen Timur Massold, der vermutlich ein Laie ist.

Weingartner: Ja, ja, das war sehr, sehr spannend. Es ist immer eine große Herausforderung, Schauspieler mit Laien zusammen zu bringen, weil ein Laie spielt ja immer sich selbst, und wenn er gut ist, wenn er Talent hat und die Kamera vergessen kann, dann ist er unschlagbar realistisch, also unschlagbar authentisch. Und ein Schauspieler, der sein Handwerk gelernt hat und der das schon ein paar Jahre macht, der ist immer Schauspieler. Da gibt es so Feinheiten in der Sprache, in der Bewegung, die man auch erkennt als Schauspiel, was dazugehört zum Geschichtenerzähler.

Wenn man die dann nebeneinander in einer Szene hat, dann fällt das auf. Das ist immer die Herausforderung da, gerade mit einem Kind, denn Kinder können ja unglaublich authentisch sein. Und was wir gemacht haben in der Arbeit, ist halt, um das hinzukriegen, dass wir viel improvisiert haben, und dass ich keine Dialoge vorgegeben habe. Ich wusste, der Junge ist ein Schauspielgenie, ein Schauspielgott. Beim Casting, beim ersten Take wusste ich sofort, da habe ich sofort Gänsehaut bekommen, und ...

Bürger: Woran haben Sie das gesehen?

Weingartner: Das kann man nicht sagen, man sieht es einfach. Das ist so: Der kommt da rein, die Kamera ist ihm völlig wurscht, der geht da hin. In der Szene im Casting musste er dem Martin zu trinken geben. Martin ist mehr oder weniger k.o., liegt auf dem Boden. Er musste hin und ihm zu trinken geben einfach nur – du bist in irgendeinem bescheuerten Raum, in irgendeinem Büro, aber der Junge vergisst das, ist da drin in der Szene, und es sieht aus, du vergisst alles.

Bürger: Diese Intensität verstärkt sich natürlich auch dadurch, dass die beiden keine gemeinsame Sprache haben. Die müssen sich ja körperlich, gestisch, mimisch verständigen.

Weingartner: Genau. Wir reden zwar immer wahnsinnig viel, aber wenn man mal auf die Worte verzichten muss, dann merkt man schnell, dass 80 Prozent der Kommunikation sowieso nicht über die Sprache läuft. Und Sie merken das ja, wenn Sie in ein Land kommen, wo sie die Sprache nicht sprechen – Sie kommen trotzdem wahnsinnig weit. Es gibt so viele Gesten – also ich finde es auch schön, so, wenn die Bilder dann mehr erzählen, die Gesichter erzählen, und nicht so sehr die Sprache. Das hat auch irgendwie was Meditatives auch.

Bürger: Am Donnerstag kommt Hans Weingartners neuer Film in die deutschen Kinos. "Die Summe meiner einzelnen Teile" heißt er. Ich danke für Ihren Besuch, Herr Weingartner!

Weingartner: Danke schön, tschüss!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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