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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 08.04.2008

Soziale Gerechtigkeit: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein …

Von Wilhelm von Sternburg

Purer Reichtum: Chauffeur putzt Rolls Royce (AP Archiv)
Purer Reichtum: Chauffeur putzt Rolls Royce (AP Archiv)

Als Gott noch nicht tot war, galt nicht nur für die Calvinisten: Der Segen des Herrn ruht auf dem, der es im Diesseits zu materiellem Reichtum gebracht hat. Aber irgendwie ist diese Meinung auch im säkularisierten Zeitalter immer noch aktuell.

Wenn wir in den vielen bunten Blättern vom Leben der Reichen lesen, die Bilder von ihren Villen, Nobelkarossen oder Yachten betrachten, dann ist es ja nicht nur der Neid, der uns bewegt, sondern auch Bewunderung. Selten fragen wir dabei, wie dieser individuelle Reichtum zustande gekommen ist. Noch seltener stellt die Politik die Frage, was eigentlich Arbeit ist, wie sie inzwischen in unserer Gesellschaft im wahrsten Sinne des Wortes bewertet wird.

Jahrhunderte lebten in Europa zehn Prozent der Bevölkerung ohne Arbeit sehr gut, und 90 Prozent durch Arbeit sehr schlecht. Noch in der vielbändigen "Comdie humaine" des Franzosen Honoré de Balzac lesen wir von den gierigen und geizigen Rentiers und den skrupellosen Spekulanten, deren Reichtum auf Kosten der verelendeten Massen wuchs.

Verelendung aber ist auch unserer Zeit keineswegs fremd. Heute sind es die Harz-IV-Empfänger oder die alleinerziehenden Mütter, die von Politik und Gesellschaft im Stich gelassen werden. Die Arbeitslosenstatistik täuscht uns dabei immer mehr. Die Zahl der Menschen, die in diesem Land für Niedrigstlöhne arbeiten müssen, wächst unübersehbar. Manager verdienen Millionen, weil sie Arbeitsplätze vernichten und dadurch kurzfristig die Konzernbilanzen verschönern. In den permanenten Machtkämpfen der Parteien verlieren Renten-, Steuer- und Gesundheitssysteme jede rationale Komponente. Die Gesellschaft ist unter die Räuber gefallen: Hier die Heuschrecken und die Hedgefonds, die ihren Aktionären solange Spitzenrenditen zahlen, bis ihre Unternehmen zusammenbrechen und die Allgemeinheit dafür die Rechnungen begleichen muss. Die Fehlspekulationen der Geschäftsbanken, die Milliardenverluste der von der Politik beaufsichtigten Landesbanken – am Ende sind es die Kunden und die Steuerzahler, die für das Versagen der Millionenverdiener geradezustehen haben.

Auf der anderen Seite aber ist seit Jahr und Tag eine beschämende Mindestlohn-Diskussion zu verfolgen. Wissen die mit hohen Diäten und segensvoller Altersversorgung ausgestatteten Bundestags- und Landtagsabgeordneten eigentlich noch, was es heißt, mit einem Stundenlohn von sechs oder sieben Euro zu überleben? Ahnen die Satten und die Absahner in unserer Gesellschaft, wie es Eltern zumute ist, die auch dann ihre Kinder nicht ausreichend ausstatten und ausbilden können, wenn Vater und Mutter einen Arbeitsplatz haben? Wissen die, die Gesetze machen oder Betriebe führen wirklich, was eine Mehrwertsteuererhöhung, ein dramatischer Anstieg der Strom- und Gaspreise oder das Outsourcen von Arbeitsbereichen im Unternehmen für die Betroffenen bedeutet? Warum hören wir in den Parlamentsdebatten eigentlich fast nur von den Sorgen der Unternehmen, die wir – angeblich zum Heil der Welt – steuerlich, lohn- und sozialpolitisch bitteschön zu entlasten haben? Mehrwertsteurer hoch, Unternehmenssteuern runter – die besten Lobbyisten der Wirtschaft sitzen in den Parlamenten. Unter der Regierung Schröder hieß es: leider, leider Harz-IV-Zumutungen weil wir Arbeit und Sozialkosten wegen der schlechten Konjunktur nicht mehr bezahlen können. Unter der Regierung Merkel klingt das so: Es geht zwar wieder aufwärts, aber wir können für die Harz-IV-Empfänger leider, leider nichts tun, denn es könnte für die Unternehmen ja dann wieder abwärts gehen.

Geiz des Staates und der Arbeitsplatzverteiler ist geil und wer arbeitet, statt zu spekulieren, ist selbst dran schuld. Es mutet altertümlich an, wenn da einer meint, dass Arbeit dem Leben einen Sinn verleiht und für das Selbstwertgefühl des Menschen unverzichtbar ist. Aber der Gott unseres Zeitalters segnet ganz offensichtlich nicht die Arbeit, sondern den Spekulanten und den Parlamentarier, der ihm gefällig zu Diensten ist.

Wilhelm von Sternburg (privat)Wilhelm von Sternburg (privat)Wilhelm von Sternburg, geboren 1939 in Stolp ( Pommern ), war Fernseh-Chefredakteur des Hessischen Rundfunks in Frankfurt/Main. Er lebt jetzt überwiegend in Irland. Sternburg schrieb u.a. Biographien über Konrad Adenauer, Arnold Zweig, Lion Feuchtwanger und Erich Maria Remarque. Zuletzt erschienen von ihm die Bücher "Deutsche Republiken. Scheitern und Triumph der Demokratie" und "Als Metternich die Zeit anhalten wollte. Unser langer Weg in die Moderne".

Politisches Feuilleton

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