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Tonart | Beitrag vom 08.09.2015

"Sound of the Cities"Wie sich Glasgows Musikszene ständig erneuert

Von Philipp Krohn

Die schottische Indie-Rock-Band The Jesus and Mary Chain auf der Bühne beim Primavera Sound Festival am 24.5.2013 in Barcelona, Spanien. (picture-alliance / dpa / Alejandro Garcia)
Die schottische Indie-Rock-Band The Jesus and Mary Chain löste sich 1999 auf und ist seit 2007 wieder aktiv. (picture-alliance / dpa / Alejandro Garcia)

In der Ära des Post-Punk entwickelte sich in Glasgow eine eigene unabhängige Szene mit Bands wie The Jesus and Mary Chain oder Franz Ferdinand. Die Stadt wurde zur Metropole eines eigenständigen, alternativen Pop und zieht heutzutage junge Leute in Scharen an.

"Mit 15 habe ich Bands wie Teenage Fanclub und The Jesus and Mary Chain gehört. Ich bin in East Kilbride geboren, wo auch The Jesus and Mary Chain herstammen. Das hat mir Selbstbewusstsein gegeben, weil es bedeutete, dass Menschen, die aus demselben unbedeutenden Ort kommen wie ich, so eine unglaubliche, lebensverändernde Musik machen konnten – und dass ich das auch tun könnte."

Adele Bethel verkörpert perfekt den Indierock aus Glasgow. Trinkfreudig, aber schüchtern, mit einem Hang zum sozialistischen Gedankengut. Und mit so viel Power in der Stimme, dass es einem fast die Schuhe auszieht. Mit ihrer Band Sons and Daughters hat sie grandiose Platten eingespielt, bevor die Gruppe sich irgendwann sang- und klanglos aufgelöst hat.

"Wo sollte man einen Auftritt in Schottland bekommen? Es gab vielleicht sechs Orte, an denen man spielen konnte und das schließt Edinburgh schon ein. Sechs gute Liveclubs und das war's. Wir haben an sechs Abenden der Woche gespielt, und das hat die Band zusammengeschweißt. Wir waren bereit, nach London zu gehen."

Maggie Bell hat ähnlich viel Energie wie Adele Bethel. Doch die beiden Sängerinnen trennen zwei Generationen. Bell wuchs in den 40er und 50er Jahren auf. Als sie mit ihrer Band Stone the Crows in den 60er Jahren begann, auf den Bühnen Glasgows zu spielen, war bald absehbar, dass sie in dieser Stadt keine Zukunft hatte. Was ist dazwischen passiert?

Mit dem Postcard-Label auf die Pop-Landkarte

Die moderne Geschichtsschreibung der Popmusik in Glasgow beginnt Ende der 70er-Jahre mit dem Postcard-Label, das Bands wie Orange Juice, Josef K oder Aztec Camera veröffentlichte. Wie viele andere britische Großstädte emanzipierte sich auch Glasgow in dieser Zeit kulturell von London. Mit einem Schlag erscheint die schottische Hafenstadt auf der popmusikalischen Landkarte. Aztec Camera spielen ein bahnbrechendes Debütalbum ein.

Die Simple Minds werden zum Bindeglied von Punk, New Wave und politisch bewusstem Stadionrock.

Und The Jesus and Mary Chain werden zu den Underground-Helden des Jahrzehnts. Stark von den New Yorker Kunst-Rockern The Velvet Underground geprägt, definieren sie den Style und Sound, an dem sich viele jüngere Bands orientieren.

Keine Zugeständnisse an den Massengeschmack

Stuart Braithwaite und seine Band Mogwai stehen ebenfalls exemplarisch für die Musikszene der Stadt. In langen Instrumentalbögen umspielen sich verzerrte Gitarren und legen dichte atmosphärische Soundteppiche. Zugeständnisse an den Massengeschmack gibt es keine. Dennoch wird die Band in Glasgow verehrt. Mogwai-Konzerte sind Happenings mit geradezu hypnotisierten Massen:

Stuart Braithwaite: "Weil wir andere Leute gesehen haben, die es geschafft haben, dachten wir, dass wir es auch schaffen könnten. Das war eine ansteckende Idee. Alle haben ihre eigenen Plattenlabels gegründet, Labels aus London oder aus Amerika haben sich ja nicht für uns interessiert."

Stuart Murdoch, der Sänger der schottischen Indie-Pop-Band Belle and Sebastian, auf der Bühne beim Primavera Sound Festival in Porto, Portugal, aufgenommen am 5.6.2015. (picture-alliance / dpa / Jose Coelho)Stuart Murdoch, der Sänger der schottischen Indie-Pop-Band Belle and Sebastian (picture-alliance / dpa / Jose Coelho)

Heute ziehen die Bands der späten 90er-Jahre wie Belle and Sebastian viele junge Musiker in die Stadt. Einheimische und Zugereiste verbinden sich in Bands wie Franz Ferdinand, die dem Indierock in den 2000er Jahren frische Impulse gegeben haben. Die Nähe von Art School, interessanten Clubs und älteren Indiemusikern, die ihr Wissen weitergeben, sind die beste Voraussetzung dafür, dass sich die Szene immer wieder erneuert.

Unsere Reihe "Sound Of The Cities": Die nihilistische Musik des Punk wurde im London der Siebzigerjahre geboren, House und Techno haben ihre Wurzeln in der untergehenden Motor-City Detroit, und der wütende Sound des Grunge Rock stammt aus dem regnerischen Seattle der Neunzigerjahre: Viele Sounds der populären Musik sind untrennbar mit bestimmten Städten verbunden. Andere Orte haben ebenso ihren Beitrag zur Popmusikgeschichte geleistet, ohne dass sie dafür berühmt wurden: Wie klingt die Musik von Antwerpen, wie das popmusikalische Stockholm, was ist der Sound von Köln? Philipp Krohn und Ole Löding portraitieren in unserer Reihe "Sound Of The Cities" zehn bekannte und weniger bekannte Musik-Städte. Sie lassen Musiker, Plattenhändler, Club-Betreiber und Journalisten Musik-Geschichten und Musik-Geschichte erzählen, auf der Suche nach dem Klang der Städte, von Antwerpen bis Austin, von Glasgow bis Wien.

Mehr zum Thema:

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