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Tonart | Beitrag vom 28.07.2015

"Sound Of The Cities"In Chicago klingt jeder Musikstil elegant

Der US-Sänger Chuck Berry (imago / ITAR-TASS)
Auch Chuck Berrys Musik ist mit Chicago verbunden. (imago / ITAR-TASS)

Wer an Chicagos Ikonen denkt, hat als Erstes einen Sportler im Sinn: Michael Jordan. Doch Musiker oder bahnbrechende Alben? Den meisten fällt zu Pop aus Chicago nicht sofort etwas ein - doch das ist reichlich ungerecht, meinen unsere Musikreisenden.

Muddy Waters: "Got My Mojo Workin'"

Elektrischer Blues - eine Erfindung aus Chicago.

Frankie Knuckles: "Your Love"

House - eine Erfindung aus Chicago.

Tortoise: "Djed"

Post Rock – ebenfalls in Chicago entstanden.

Chuck Berry: "Roll Over Beethoven"

Und letztlich ist auch die Kontroverse nicht ausgestanden, wo der Rock'n'Roll einst erfunden wurde. Von Elvis Presley in Memphis? Oder doch von Chuck Berry während seines kurzen Aufenthalts in Chicago?

Kip McCabe: "Die Stadt ist geboren aus der Jazz-Bewegung, die hier absolut vorgeherrscht hat. Seit jeher bewundern die Leute hier musikalisches Können - und streben danach."

Kip McCabe sitzt in seinem Plattenladen "Reckless Records". Ein Paradies für Sammler von Vinyl: vier lange Schläuche mit Plattenfächern, alle Genres, viel gebrauchte Ware. McCabe kennt die Historie der Stadt wie wenige andere: vom Jazz à la Herbie Hancock bis zum Soul von Curtis Mayfield.

Curtis Mayfield: "Move On Up"

Chicago ist seit jeher von Industrie dominiert. Das zieht in den Vierziger- und Fünfzigerjahren Schwarze aus dem Süden in die Metropole. Sie bringen Gospel und Blues aus ihrer Heimat mit.

Soul Stirrers: "Jesus Gave Me Water"

Junge Talente sammeln Erfahrungen in Vokalgruppen. So wie der erste Soul-Superstar Sam Cooke bei den Soul Stirrers. So wie Lou Rawls. So wie Curtis Mayfield mit den Impressions. Im Blues bildet sich eine Szene der größten Individualkünstler der Vereinigten Staaten heraus: von Muddy Waters über Willie Dixon bis zu Buddy Guy.

Paul Butterfield Bluesband: "Born In Chicago"

"Es war die große Zeit des Blues in Chicago"

Auch die Weißen werden von dieser Kultur infiziert. Nick Gravenites ist einer von ihnen. Er komponiert "Born In Chicago", ist Impulsgeber für die Paul Butterfield Bluesband und siedelt später wie viele ins freiheitsliebende San Francisco über.

Nick Gravenites: "Wir waren von allerbestem Chicago Blues Zeug umgeben. Die Blues Bars waren direkt um die Ecke. Dort kamen Leute aus Mississippi hin, Landbewohner, die einen Drink nehmen wollten, Musik hören, und mitspielen. Es war die große Zeit des Blues in Chicago, und wir waren dabei. Ich finde es immer noch unglaublich."

Urge Overkill: "Girl, You'll Be A Woman Soon

Nach einer Durststrecke in den Achtzigerjahren mit Superstars wie Chicago und Styx entsteht Anfang der Achtzigerjahre eine sehr eigenständige Post-Punk-Szene. Mitten drin bewegt sich Eddie Roeser mit seiner Band Urge Overkill. Hört man ihm zu, versteht man, warum hier kein Ort für Hits und Superstars ist.

Eddie Roeser: "Vielleicht gehen die Besten und Talentiertesten direkt nach New York oder L. A. Chicago ist für Leute wie mich, die ziellos umherwandern. Die nicht wissen, was sie wollen, aber hier finden sie einander."

Am hörbarsten ist der virtuose Ansatz im Post Rock, der sich fernab aller Trends in den Neunzigerjahren aus dem Post Punk entwickelt. In Tausenden Haupt-, Seit- und Nebenprojekten kreiert eine kleine Gruppe experimenteller Musiker einen Sound, der lange Entwicklungsbögen spannt, Minimal Music und deutsche Avantgarde einbezieht. Kip McCabe aus dem Plattenladen "Reckless Records" hat mit seiner Band Dianogah einige Perlen des Genres geschaffen.

Common: "Chi City"

In Chicago klingt jeder Musikstil elegant – sogar der Rap von Common. Seine Stadt "Chi City" besingt er, als wäre er der direkte Nachkomme von Curtis Mayfield. Hier gibt es Freiräume für Experimente. Ohne national relevante Medien entstehen keine Hypes. Die drögen Midwesterner lassen sich nicht von bunten Paradiesvögeln beeindrucken, sondern von profunder Musikalität. Auch die Smashing Pumpkins oder Wilco werden zu Stars.

 

Unsere Reihe: "Sound Of The Cities": Die nihilistische Musik des Punk wurde im London der Siebzigerjahre geboren, House und Techno haben ihre Wurzeln in der untergehenden Motor-City Detroit, und der wütende Sound des Grunge Rock stammt aus dem regnerischen Seattle der Neunzigerjahre: Viele Sounds der populären Musik sind untrennbar mit bestimmten Städten verbunden. Andere Orte haben ebenso ihren Beitrag zur Popmusikgeschichte geleistet, ohne dass sie dafür berühmt wurden: Wie klingt die Musik von Antwerpen, wie das popmusikalische Stockholm, was ist der Sound von Köln? Philipp Krohn und Ole Löding portraitieren in unserer Reihe "Sound Of The Cities" zehn bekannte und weniger bekannte Musik-Städte. Sie lassen Musiker, Plattenhändler, Club-Betreiber und Journalisten Musik-Geschichten und Musik-Geschichte erzählen, auf der Suche nach dem Klang der Städte, von Antwerpen bis Austin, von Glasgow bis Wien.

Mehr zum Thema:

"Sound of the Cities" - Wien - schnapsgetränkt, sexy und voller Schmäh
(Deutschlandradio Kultur, Tonart, 25.08.2015)

"Sound of the Cities" - Auf die Klänge aus Bristol war die Welt nicht vorbereitet
(Deutschlandradio Kultur, Tonart, 18.08.2015)

"Sound of the Cities" - So klingt Köln
(Deutschlandradio Kultur, Tonart, 04.08.2015)

"Sound of the Cities" - Per Plattenspieler durch die Welt
(Deutschlandradio Kultur, Tonart, 28.07.2015)

Chicago 36: NOW - "Wir sind eine intellektuelle Band"
(Deutschlandfunk, Corso, 12.07.2014)

Tonart

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