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Thema / Archiv | Beitrag vom 26.04.2011

"Sonst laufen wir in den Selbstmord"

Weißrussische Autorin über den Nach-Tschernobyl-Menschen und den nötigen Atomausstieg

Swetlana Alexijewitsch im Gespräch mit Andreas Müller

Ein Luftbild des zerstörten Atomkraftwerks Tschernobyl (AP Archiv)
Ein Luftbild des zerstörten Atomkraftwerks Tschernobyl (AP Archiv)

Swetlana Alexijewitsch hat ein Buch über den Reaktorunfall von Tschernobyl geschrieben. Angesichts von Fukushima sagt die Autorin heute: Die Menschheit hat nichts gelernt - und kann die Atomtechnologie nicht beherrschen.

Andreas Müller: "Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft" heißt das Buch der weißrussischen Autorin Swetlana Alexijewitsch, das vor 15 Jahren erschienen ist. Sie hat Überlebende, ehemalige und wiedergekehrte Bewohner der Region Tschernobyl, Feuerwehrleute, Soldaten, Psychologen befragt. Vor dem Hintergrund der Katastrophe von Fukushima, wie haben Sie diese erneute Atomkatastrophe erlebt?

Swetlana Alexijewitsch: Das Buch, das im Russischen den Titel trägt "Tschernobyl-Gebet", hat ja einen Untertitel, der lautet "Eine Chronik der Zukunft". Ich für meinen Teil hatte keinen Zweifel daran, dass sich so etwas wiederholen würde. Es genügt eigentlich, sich einmal in der Tschernobyl-Zone aufgehalten zu haben – und ich war dort mehrfach, seit der Unfall passiert ist und immer wieder –, um zu wissen, dass der Mensch hier vor einer ganz neuen Herausforderung steht, und dass das nicht abgeschlossen ist, dass sich so was wiederholen kann.

Müller: Wie sehr hat Sie das noch erschüttert? Oder konnte Sie das gar nicht mehr erschüttern?

Alexijewitsch: Also, Wissenschaftler haben ja behauptet, als das begann mit dem Atomzeitalter, dass das einmal alle Hunderttausend Jahre passieren könnte. Und jetzt haben wir in 33 Jahren also zwei solche Katastrophen erlebt. Zudem habe ich auch erlebt, wie einfach es ist, nicht nur in die Zone selbst vorzudringen, also durch die ganzen Kontrollposten, sondern auch in das Atomkraftwerk, wo ja spaltbares Material, also sprich eine künftige Atombombe lagert. Und ich glaube, Terroristen hält bisher nur die Angst vor dem Atom, die sie selber haben, davon ab, das auch einzusetzen.

Hinzu kommt, dass heute die ganze Welt erschüttert ist durch den Reaktorunfall von Fukushima, was bei Tschernobyl nicht so sehr der Fall war. Da wurde das sehr abgetan als na ja, das ist die typische sowjetische Schlamperei, da saufen alle, da wird geklaut und da ist ja klar, dass so was passiert. Und in den westlichen Ländern hörte man immer, so was kann bei uns nicht passieren, bei uns wäre das vollkommen unmöglich. Nun passiert eine solche Katastrophe in Japan, einem hoch technisierten Land, also einem der am höchsten entwickelten Länder der Welt. Das heißt, das zeigt uns, dass wir einfach diese Technologie nicht beherrschen.

Ich war vor fünf oder sieben Jahren auf der Insel Hokkaido und habe dort ein japanisches Atomkraftwerk besucht. Das sah sehr schön aus, natürlich sehr viel schöner als unsere sowjetischen Kraftwerke, es war sehr malerisch gelegen an der Pazifikküste. Ich habe mich dort mit den Wissenschaftlern und den Technikern dort unterhalten, die fragten nach Tschernobyl und äußerten so generelles Mitgefühl, aber mit so ein bisschen Herablassung. Also auch hier dieser technokratische Hochmut.

Müller: Sie haben in Ihrem Buch, das im Deutschen "Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft" heißt, zutiefst beeindruckende, aber auch erschütternde Geschichten von Tschernobyl-Opfern dokumentiert. Eine Frau zum Beispiel erzählt von ihrem Mann, der für die Feuerwehr gleich am Tag der Katastrophe im Einsatz war. Sie muss dann zusehen, wie er bald darauf an der radioaktiven Strahlung stirbt, sein Körper zerfällt buchstäblich. Sie verliert nicht nur die große Liebe ihres Lebens, sondern, weil sie ihm nah sein wollte, durch die Strahlung, die er abgibt, auch noch ihr Kind, mit dem sie schwanger ist. Wie haben Sie diese Frau erlebt?

Alexijewitsch: Für mich war entscheidend, als ich mit diesen Menschen gesprochen habe, diese Opferbereitschaft, diese ganz besondere Sicht auf das Leben, auf die Liebe, glaube ich, die trifft man eigentlich nur bei uns. Ich weiß nicht, wo in der Welt so etwas noch möglich wäre. Also dieses "wissentlich sich opfern". Ich glaube, das ist doch eine Besonderheit der slawischen Mentalität, würde ich sagen, also dieses Verhältnis zur Liebe, dass nur die Liebe eigentlich etwas entgegensetzen kann dieser atomaren Gewalt, vor der wir alle hilflos sind. Andererseits habe ich auch sehr viel Ähnlichkeiten festgestellt, Ähnlichkeiten zwischen unserem Volk und dem japanischen, diese Opferbereitschaft, die bei uns ja sehr groß war.

Da sind diese Feuerwehrleute auf das Dach des Reaktors gestiegen, haben mit bloßen Händen den brennenden Grafit dort eingesammelt und waren von vornherein zum Tode verurteilt – was sie aber nicht wussten. Heute die Japaner, gibt es eben auch Hunderte von quasi-Kamikazes, die bewusst sich darauf einlassen, bewusst eben sich in diese Gefahr begeben, von denen werden sehr viele, wenn sie denn überhaupt überleben, als Invaliden natürlich nur überleben. Und auch trotzdem fühlen sie sich – und das ist genau so wie bei uns, glaube ich – als Teil eines Ganzen, des ganzen Volkes. Also sie denken nicht an ihr eigenes Leben, es geht nicht mehr um den Preis des einzelnen Lebens, sondern sie fühlen sich als Bestandteil des gesamten Volkes.

Und andererseits kommt hinzu, was ebenso ist wie bei uns: Die Regierung lügt genau so wie unsere Regierung gelogen hat, die Leute, die an der Macht sind, sagen genau so die Unwahrheit wie vorher. Und das finde ich sehr verblüffend, dass diese Dinge sich doch sehr gleichen. Trotzdem würde ich doch nicht sagen, dass man aus Tschernobyl so gar nichts gelernt hat. Weil natürlich haben wir heute nicht mehr den Vor-Tschernobyl-Menschen, sondern den Nach-Tschernobyl-Menschen, das heißt, wir wissen inzwischen sehr vieles über die Gefahren der Strahlung. Zumindest habe ich eines nicht mehr beobachtet, was bei Tschernobyl zu Anfang noch sehr charakteristisch war: Dort liefen Leute mit Maschinenpistolen rum, waren sehr viel Schwerbewaffnete, als könne man mit diesen Waffen irgendwas ausrichten. Gegen wen sollten die gerichtet werden? Das ist heute in Fukushima nicht mehr möglich.

Müller: Im Deutschlandradio Kultur spreche ich mit der Autorin Swetlana Alexijewitsch, sie hat unter anderem das Buch "Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft" geschrieben. In dem Buch beschreibt ein Mann die Verwandlung vom normalen Menschen zum Tschernobyl-Menschen. Was kennzeichnet den Tschernobyl-Menschen, ist er eine neue Entwicklung?

Alexijewitsch: Der Tschernobyl-Mensch ist ein Mensch, der ein ganz bestimmtes Wissen hat, das der Mensch vorher nicht hatte, der die Erfahrung gemacht hat, dass er 20.000 Jahre nicht in seine Heimat zurückkehren kann, das heißt, dass er sie nie wieder sehen wird. Der Mensch, der weiß, dass man Angst haben kann vor Wasser, vor Luft, vor dem Apfel, dass man den nicht mehr essen darf. Also es gibt eine ganze Reihe von Kenntnissen, die der Mensch vorher nicht hatte. Diese Hilflosigkeit und das Ausgeliefertsein des Menschen gegenüber einer Macht, über die er keine Gewalt hat. Die Welt sieht genau so aus wie vorher: Es fliegen Vögel, es laufen Tiere herum, Obst und Gemüse, alles ist noch da wie früher, aber alles kann gefährlich sein, die Vögel in der Luft, die Erde selbst kann dich töten, wenn du dich zu lange ins Gras setzt, kannst du krank werden, wenn du das Wasser aus dem Brunnen trinkst, kannst du erkranken. Und das ist eine völlig neue Erfahrung, der der Mensch plötzlich ausgeliefert ist. Dass der Tod plötzlich ein ganz neues Gesicht hat, nämlich man kann es nicht sehen, man kann es nicht hören, man kann es nicht riechen, man kann es nicht anfassen.

Müller: Eine Erfahrung, die die Menschen in Japan jetzt ebenfalls machen. In der vergangenen Woche wurde bekannt, dass die japanische Regierung die Sperrzone um das havarierte AKW absperrt, keiner darf mehr rein. Wieder verlieren Zehntausende Menschen ihre Heimat, wieder entsteht eine tote Zone. In die Todeszone bei Tschernobyl sind damals aber auch Menschen wieder zurückgegangen, eine völlig bizarre Situation, Flüchtlinge, Kriegsflüchtlinge aus Tschetschenien und Tadschikistan, die dort Frieden fanden in der Todeszone!

Alexijewitsch: Also Zone und Zone ist nicht ganz dasselbe. Es gibt Gebiete, in denen man tatsächlich überhaupt nicht leben darf, da gibt es auch Menschen, die dort wohnen, die dort bewusst leben, die dort das verstrahlte Gemüse essen und so weiter, und dann gibt es aber auch eine Zone, in der man leben darf, aber unter Kontrolle, wo also ständig Strahlenmessungen stattfinden und so weiter. Dass dort Menschen aus Kriegsgebieten hingekommen sind, hängt einfach damit zusammen: Menschen, die Geld hatten, die sind weggegangen. Und dass hier aus der Zone eben nicht noch mehr Menschen ausgesiedelt werden konnten, hing damit zusammen, dass der Staat natürlich kein Geld hatte, weitere zwei Millionen Menschen insgesamt auszusiedeln und denen Ersatzwohnraum, günstigen, zur Verfügung zu stellen. Und das war in den 90er-Jahren, als ja plötzlich an den Randgebieten der Sowjetunion Kriege ausbrachen, die Russen überall vertrieben wurden, und diejenigen, die kein Geld hatten, die armen Russen also, haben sich in dieses Gebiet zurückgezogen, weil das Einzige, wovor sie Angst hatten, war ein Mensch mit einer Waffe in der Hand.

Und hier in dieser Zone gab es so was nicht, also eine sichtbare und fühlbare Gefahr war nicht da. Später sind diese Menschen oft krank geworden und gestorben, ihre Kinder sind gestorben, aber damals, als sie dort hingingen, hatten sie das Gefühl, sie kommen hier in Sicherheit und Frieden. Das Hauptverbrechen des Staates besteht meiner Ansicht nach nicht einmal darin, dass sie es nicht geschafft haben, diese Menschen auszusiedeln und denen in sicheren Gebieten etwas anzubieten, wo sie leben können, sondern das Hauptverbrechen besteht darin, dass sie den Menschen auch nicht helfen, in diesem verstrahlten Gebiet zu überleben. Das beginnt damit, dass sie keine Strahlenmessgeräte haben, es gibt kaum Kontrollstellen, wo die Lebensmittel überprüft werden, wo also die Strahlung gemessen wird dessen, was sie essen.

Und die meisten Frauen in dieser Gegend bemühen sich, bis zum 20. Lebensjahr ein Kind zu bekommen, weil danach werden ihnen meistens die weiblichen Organe entfernt, weil die meisten dieser Frauen haben Unterleibskrebs. Das, finde ich, ist das größte Verbrechen des Staates, dass man den Menschen überhaupt nicht hilft, dass es da keine Aufklärung gibt, diese sogenannt kontrollierten Gebiete eben nicht wirklich kontrolliert werden. Es gibt dort ganze Straßenzüge, da sagen die Leute, ja diese Straße hier, die ist schon ausgestorben, da sind die Leute schon tot.

Dieser Tod ist aber eben so, dass die Lektion Tschernobyl eigentlich immer noch nicht vollständig erfasst wurde, denn man kann auch am Schlaganfall beispielsweise sterben, weil die Gefäße mit Cäsium verstopft sind, oder an einem Herzinfarkt. Das heißt, der Tod ist auch nicht mehr so direkt und unmittelbar als Strahlentod erkennbar. Man nimmt im Laufe von Jahren und Jahrzehnten eben eine tödliche Strahlendosis zu sich, die dann verschiedene Todesarten später verursachen kann, die man eben auch nicht mehr direkt diesem Reaktorunfall zuschreiben kann.

Müller: In Deutschland ist der Widerstand gegen die Nutzung der Atomenergie nach Fukushima wieder heftig entbrannt, gleichzeitig sind unter anderem in Russland, China und Indien Neubauten projektiert. Haben Sie noch eine Hoffnung auf ein Ende des Atomzeitalters?

Alexijewitsch: Ja, ich denke doch, dass diese Lehren aus diesen beiden Reaktorunfällen oder aus vielen Reaktorunfällen, dass die doch dazu führen, dass die Menschheit endlich darüber nachdenkt, dass es Zeit ist, aus dem Atomzeitalter auszusteigen, dass wir die Richtung wechseln müssen. Weil sonst laufen wir in den Selbstmord hinein, das ist für mich ganz offensichtlich.

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