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Tonart | Beitrag vom 20.04.2017

SongintrosSchneller zum Höhepunkt

Von Ina Plodroch

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Die Beatles mit George Harrison, Paul McCartney, John Lennon und Ringo Starr treten am 24.06.1966 im Münchner Circus Krone-Bau auf. (picture alliance / dpa / Rauchwetter)
Die Beatles mit George Harrison, Paul McCartney, John Lennon und Ringo Starr treten am 24.06.1966 im Münchner Circus Krone-Bau auf. (picture alliance / dpa / Rauchwetter)

Die Beatles haben es einst vorgemacht, ohne großes Gewese gingen ihre Songs einfach los. Mitte der 1980er-Jahren dauerte das instrumentale Intro hingegen im Durchschnitt um die 22 Sekunden. 2015 waren es dann wiederum nur noch fünf Sekunden. Das Intro - ein Opfer der Aufmerksamkeitsökonomie?

Die kanadische Sängerin Feist hat kürzlich einen neuen Song veröffentlicht: Pleasure. Ich will ihn mir auf Spotify anhören. Aber dieses Intro! 50 Sekunden, bis sie überhaupt singt. Bevor ich da lande, ist es längst passiert: Ich habe mit der Maus das Intro übersprungen, unbewusst. Es dauerte mir einfach zu lange. Ich bin ein Opfer der Aufmerksamkeitsökonomie. 50 Intro-Sekunden halte ich nicht aus.

"Wir machen das nicht bewusst. Wir sind so sehr daran gewöhnt, weiter zu skippen, dass es uns in Fleisch und Blut übergeht", sagt der Musikwissenschaftler Hubert Léveillé Gauvin.

Er hat untersucht, wie sich die Top 10-Hits in Zeiten des Streamings verändert haben.

"In den 70ern war das anders. Wenn man sich als Jugendlicher mal eine Platte geleistet hat, dann hat man sie auch drei, vier, fünf Mal gehört, auch wenn man sie gar nicht so gut fand. Im Streaming-Zeitalter kann man ewig weiter skippen, es ist immer ein neuer Song da und man muss nicht mal dafür zahlen. Deshalb versuchen Songschreiber alles, um die Aufmerksamkeit der Hörer zu erreichen, damit er nicht sofort zum nächsten Song skippt."

Dafür hat er die Top Ten-Hits der letzten 30 Jahre verglichen.

"Das instrumentale Intro hat sich am stärksten verändert. Mitte der 80er war es typischerweise um die 22 Sekunden lang. 2015 waren es nur noch fünf Sekunden. Und gleichzeitig wird der Titel schneller genannt, die erste Hook beginnt viel früher und die Titel werden auch kürzer.

Mit der Tür ins Haus fallen

Also eigentlich genau so, wie die Beatles es 1965 vorgemacht haben. Einfach mit der Tür ins Haus fallen. Komplett neu ist die Entwicklung hin zu Songs ohne oder mit kurzem Intro also nicht.  

"Es ist ein allgemeiner Trend – natürlich gibt es auch viele Songs, die schon vorher direkt mit dem Refrain begonnen haben. Und viele Songs sind auch erfolgreich, ohne diesem Trend zu folgen. Wir haben einfach herausgefunden, dass immer mehr Songs nach diesem Prinzip funktionieren."

Der kulturpessimistische Reflex: Um Gottes Willen, jetzt ist auch noch das Intro weg. Wie soll sich der Popsong denn da überhaupt aufbauen, wenn nicht mal mehr 20 Sekunden Zeit für instrumentales Rumgeplänkel ist? Aber mal ehrlich, wenn nicht gerade ein Radiomoderator über das Intro quasselt, gehörte es doch eher selten zu den spannendsten Elementen eines guten Songs.

Acht Sekunden Intro hat Martin Fliegenschmidt – einer der drei Songschreiber – Max Giesinger für seinen "80 Millionen"-Hit gegeben. Bewusst so kurz, weil er weiß, dass kein Mensch mehr Zeit für Intros hat? Er sagt: klar, er und seine Mitschreiber haben natürlich im Kopf, dass die Hörer kurze Aufmerksamkeitsspannen haben, und es deshalb nie langweilig werden darf.

"Die Entwicklung ist zur Zeit, dass es unglaublich viele kleine Hookteile gibt, dass es weg geht von dem klassischen Strophe, Refrain, Strophe Refrain-Ding, hin zu viel kleinteiligeren jeweils in sich hookigen Teilen, wo dann manchmal die Grenze verschwimmt, dass es gar nicht mehr den großen Refrain gibt, sondern viel mehr A,B,C,D."

Zum Refrain in 30 Sekunden

Vom Mini-Intro, erste Strophe, Spannungsaufbau, Pre-Chorus, Drop – also Spannungsentladung –  zum Refrain in 30 Sekunden. Das muss man nicht nur als Komponist hinbekommen, sondern auch als Hörer erstmal verkraften. An künstlerischen Ideen mangelt es also nicht, sie sind nur oft in viel zu kurze Zeit gequetscht. Meint auch US-Journalist John Seabrook. Er hat in den letzten Jahren mit vielen Songwritern in L.A. gesprochen für sein Buch "The Song Machine".

"Aufmerksamkeit ist ein rares Gut. Fernsehen, Radio, das Internet – sie buhlen alle um unsere Aufmerksamkeit, mit Bildern, Wörtern. Und die Popmusik macht dies mit Hooks. Unser Gehirn merkt sich beim zweiten, dritten Hören, wie die Melodie verläuft, und dann wollen wir das Stück noch einmal hören. Es ist fast, als spräche so ein Popsong das Unterbewusstsein an, um unsere Aufmerksamkeit zu bekommen."

Wer diese "Schneller, Lauter, Heftiger"-Ästhetik aushält, kann bei Adele, Katy Perry oder Rihanna solche Momente entdecken, die sich erst nach dem dritten Hören unter der lauten Masse bemerkbar machen und die sich mit ihrer Hookline, also dem Haken, in das Ohr des Hörers hängen.  

Was Hubert Léveillé Gauvins Untersuchungen bisher noch nicht zeigen: Ob diese Strategie der Songschreiber aufgeht. Also die Hörer wirklich an den zig Hooks im Songs hängen bleiben. Oder doch weiterskippen, weil es ihnen zu viel wird. Das wird er in seiner nächsten Studie untersuchen. Immerhin ist Drakes One Dance mit mehr als einer Milliarde Abrufen der meistgestreamte Song auf Spotify nahezu Hookfrei und klingt eigentlich eher wie ein einziges langes Intro.

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