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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 27.06.2012

Sommernachtstraum als moderne Fantasy

Chris Adrian: "Die Große Nacht", Rowohlt, Hamburg 2012

Shakespeares Sommernachtstraum inspiriert zahllose Regisseure - hier eine Aufführung in der Sächsischen Schweiz - und Autoren wie Chris Adrian.
Shakespeares Sommernachtstraum inspiriert zahllose Regisseure - hier eine Aufführung in der Sächsischen Schweiz - und Autoren wie Chris Adrian. (picture alliance / dpa /Thomas Lehmann)

Oberon und Titania in Hollywood, kleine Jungs, die entführt werden, Blowjobelfen - willkommen in einer modernen Version von Shakespeares "Sommernachtstraum". Chris Adrian hat ein Abenteuer über Liebe und Verlust, Angst und Erinnerung geschaffen, surrealistisch an der Grenze zum Wahnsinn.

Manche Stoffe sind so gut, dass man sie immer wieder erzählen sollte. Shakespeares Dramen zum Beispiel: Hollywood zum Beispiel hat die Komödien und Tragödien immer wieder aus Raum und Zeit gerissen und in die Gegenwart verlegt, um neue Zielgruppen im Kino zu erreichen. In der Literatur passiert so etwas seltener. Doch nun hat der amerikanische Schriftsteller Chris Adrian Shakespeares "Sommernachtstraum" ins Heute verlegt, in den Buena Vista Park von San Francisco.

Ein "Nacherzählung" nennt Adrian seinen neuen Roman "Die große Nacht", der genau wie Vorlage zwischen Fantasie und Wirklichkeit changiert. Unter dem Hügel des Buena Vista Parks hausen die Elfenkönige Oberon und Titania. Einmal im Jahr feiert der Hofstaat eine riesige Party: "Die große Nacht". Und damit es zwischendurch nicht zu langweilig wird, entführt das Elfenpaar regelmäßig junge Knaben aus den Familien der Stadt. Was genau mit ihnen geschieht - geht es um Sex? - erfährt man nicht. Nur das: Bevor sie zu "reif" werden, also in die Pubertät kommen, spuckt sie der Hügel jedoch wieder aus und sie landen wieder unter Sterblichen.

Doch dann stirbt Titanias Lieblingskind an Krebs. Die Elfenkönigin versinkt in unendlichem Schmerz, wird von Oberon verlassen und befreit den bis dato mit einem Zauber gebundenen Dämon Puck. Er wird zur mordenden Bestie, richtet sich gegen seine ehemaligen Herrscher - und die Schlacht beginnt. Statt vier junger Athener - wie im Original - lässt Adrian nun drei junge Erwachsene aus der Bay Area in diesen Albtraum hineinstolpern. Alle mit gepflegten Neurosen. Alle mit einer Vielzahl traumatischer Liebesbeziehungen im Gepäck. Großstädter eben. Unter einem angstverzerrten Mondgesicht verlaufen sich die Drei im Park und geraten unter axtschwingende Elfen, sprechende Bäume und winzige Greise.

Was nach einem wilden Fantasy-Trip auf den Spuren Shakespeares klingt, entpuppt sich schnell als fantastisches Abenteuer über Liebe und Verlust, Angst und Erinnerung. Adrian trifft Shakespeare im Ton, findet aber zugleich eine eigene Sprache. Es mag helfen, dass Adrian, geboren 1970 in Washington D.C., sich auskennt mit Krebs, Literatur und höheren Mächten. Er studierte Englisch, Medizin und Theologie, lebte zwischenzeitlich in San Francisco und arbeitet derzeit als Kinderarzt und Schriftsteller in Cambridge. Furchtlos mixt Adrian Tragik und Komik und schafft damit surrealistische wirkende Literatur an der Grenze zum Wahnsinn.

Komisch wird "Die große Nacht" vor allem dann, wenn Titania und Oberon mit der Welt der Sterblichen in Kontakt kommen. Wenn sie ihr Gegenüber mit Zaubersprüchen blenden, um nicht erkannt zu werden: Den Ärzten des todkranken Kindes zum Beispiel erscheinen sie als Trudy und Bob, als Friseuse und kalifornischer Bio-Obstbauer. Immer wieder würzt Adrian seine Geschichte darüber hinaus mit deftiger, politisch unkorrekter Erotik. So genannte Blowjobelfen werden entsandt, Orgien gefeiert und Minderjährige verführt. Ganz im Sinne des alten Meisters der Renaissance: Schließlich sind Shakespeares Stücke ebenso berühmt für ihre sexuellen Andeutungen zwischen den Zeilen wie für ihre Wortneuschöpfungen.

Besprochen von Marten Hahn

Chris Adrian: "Die Große Nacht"
Aus dem Englischen von Thomas Piltz
Rowohlt, Hamburg 2012
400 Seiten, 14,95 Euro

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