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Tonart | Beitrag vom 29.03.2016

Solokonzert von Julian AndersonDie Violine als Dichter

Von Philipp Quiring

Violinist bei einem Konzert in St. Petersburg (dpa / picture alliance / ITAR-TASS / Belinsky Yuri)
Violinist im Konzertsaal (dpa / picture alliance / ITAR-TASS / Belinsky Yuri)

Julian Anderson zählt zu den etablierten britischen Komponisten der Gegenwart. Sein erstes Solokonzert ist die Vertonung eines Hölderlin-Gedichtes. Nun ist es das erste Mal in Deutschland zu hören.

"Das Gedicht 'In lieblicher Bläue' ist mir zum ersten Mal begegnet, als ich dreizehn war. Und es hat mich sofort sehr, sehr gepackt und sehr, sehr inspiriert, sodass ich unverzüglich damit begonnen habe, erste Entwürfe zu erstellen; für ein Konzert für Violine und Orchester beeinflusst durch eben dieses Gedicht."

"In lieblicher Bläue blühet
mit dem metallenen Dache der Kirchthurm. Den umschwebet
Geschrey der Schwalben, den umgiebt die rührendste Bläue.
Die Sonne gehet hoch darüber und färbet das Blech,
im Winde aber oben stille krähet die Fahne."

In Friedrich Hölderlins "In lieblicher Bläue" finden sich literarische Grundgedanken seines Werkes: Die Widerspiegelung von Himmel und Erde. Himmlisch bringt das Kirchdach den Menschen zum Blühen, dem es vergönnt ist aufzusehen in die höheren Sphären.

Vertonungen Hölderlins setzen viel voraus

Eine Gedankenwelt auf die sich Julian Anderson beruft, als er 2014 die Arbeit aufnahm an "seiner" lieblichen Bläue.

Kurz nach der Uraufführung seines ersten Musiktheaters "Theben" diente ihm diese Oper zugleich als Inspirationsquelle für sein Violinkonzert.

"In gewisser Weise gibt es eine Kraft zwischen dem Schreiben eines Violinkonzertes und dem Schreiben einer Arie für Solo-Sopran und Orchester. Tatsächlich sind die Vertonungsprobleme keine der klanglichen Balance. Also ich sehe das Stück in gewisser Weise dramaturgisch in seinem Typus an dramatische oder poetische Ereignisse angelehnt."

Vertonungen von Friedrich Hölderlin, dem großen deutschen Lyriker des 19. Jahrhunderts, der sich sonst an die engsten literarischen Formen, an Elegien, Hymnen und Oden bindet, setzen viel voraus: etwa mythologische Kenntnisse oder das Verständnis komplexer syntaktischer Gebilde. Im 19. Jahrhundert begegneten die meisten Komponisten dieser literarischen Sprache noch mit Vorsicht. Das änderte sich im 20. Jahrhundert, etwa durch Paul Hindemith oder Wolfgang Rihm und Gyorgy Kurtag.

Von Hölderlins Versen aus "In lieblicher Bläue" ließ sich Hans Werner Henze bereits 1958 für seine Kammermusik für Tenor, Gitarre und acht Soloinstrumente inspirieren – lange vor Julian Anderson.

"Ich habe keine Ahnung, warum ich dachte, dass Hölderlin durch ein Violinkonzert abgebildet werden sollte, aber ich habe es einfach so gefühlt. Wenn ich Konzert sage, dann meine ich: Die Idee war immer, etwas zu schreiben, was ich als lyrisches Gedicht für Violine und Orchester beschreiben kann, das ein Ebenbild zu dem lyrischen Prosagedicht darstellt, das Hölderlin unter diesem Titel verfasst hat."

Anderson geht es immer um die Schönheit

Anderson hat die Geige ganz bewusst in den Mittelpunkt seiner Vertonung gerückt, denn - so schreibt er - "die Violine repräsentiert den Dichter mit seinen diversen Gedanken, Gefühlen und Impulsen. Das Orchester kann den Kontext für diese Gedanken liefern - ein Kontext, der strahlend hell und unterstützend, aber auch gleichgültig, verwundert, skeptisch oder sogar feindselig sein kann."

"Es reicht von flüchtigen hohen Klängen wie säuselnden Obertönen hin zu aufkeimenden Melodien - die sehr lyrisch sind oder Staccato, Pizzicato - oder einfach in unüblicher Weise den Bogen zu verwenden. Wenn man den Bogen in einer bestimmten Weise einsetzt, bekommt man etwa einen bürstenden Sound für manche Klangbilder, der sehr rufend ist und der für bestimmte Klangvorstellungen in einigen Abschnitten sehr nützlich ist.  An bestimmten Stellen senkt die Geigerin den Bogen und manchmal verwendet sie das Holz eines Stiftes, um eine bestimmte Tonhöhe zu erreichen. Das ist ein sehr spezifischer Sound, sehr durchsichtig."

Die Geigerin, über die Julian Anderson spricht, ist Carolin Widmann. Die geborene Münchnerin ist eine der profiliertesten Interpretinnen zeitgenössischer Werke und spielte bereits die Uraufführung von Andersons Stück vor einem Jahr in London.

Auch für die Aufführung des Werkes in der Philharmonie Berlin spielen räumliche Aspekte eine Rolle: Denn Anderson möchte in seinem Violinkonzert die konventionellen Beziehungen zwischen Solist und Orchester ins Räumliche übertragen. Hierfür lässt er die Geigerin Widmann außerhalb der Bühne spielen. Während der Aufführung wechselt sie ihre Positionen im Saal, um die dynamische Spannung zwischen Solist, Orchester und Dirigent zu beeinflussen. Letztlich geht es Anderson dabei immer um Schönheit.

"In Hölderlins Gedicht geht es wirklich um die Schönheit in all ihren Formen und in diesem Musikstück ebenfalls. Es ist eine sehr festgelegte Art der Schönheit und nicht flau abgeändert."

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