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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 30.03.2012

So verweht die Lebendigkeit der Erde

Marcel Robischon: "Vom Verstummen der Welt. Wie uns der Verlust der Artenvielfalt kulturell verarmen lässt"

Regenwald in Costa Rica (Stock.XCHNG / Andres Ojeda)
Regenwald in Costa Rica (Stock.XCHNG / Andres Ojeda)

Der Autor wandert umher in Wäldern und Städten, Naturforschung und Märchen, Geschichte und Evolution. Er zeigt, wie das menschenzentrierte Nützlichkeitsdenken die Ödnis einer künstlichen Welt nach sich zieht.

Auf einem Gemälde von Paul Gauguin steht es klein am Rande des Geschehens, ohne Bedeutung für das Treiben der Menschen: Ein Hund streckt sich aus und packt das Tier bei seinem grün schimmernden Flügel. Töten wird er es. Gauguins Bild ist alles, was vom Marquesas-Moorhuhn übrig blieb.

Sie waren wehrlos, die Geschöpfe der Inseln, erzählt Marcel Robischon in seinem außergewöhnlichen und erschütternden Buch "Vom Verstummen der Welt". Darin zeichnet er in 13 Kapiteln das düstere Ausrottungswerk des Menschen nach und zeigt gleichzeitig auf, wie vielfältig Sprache, Kunst, menschliches Welterleben mit der natürlichen Umgebung verwoben sind.

Inseln, vom Meerwasser umspült, beherbergten überschaubare Ökosysteme. In Jahrtausenden der Evolution legten die Vögel ihre Flugfähigkeit ab, Säugetiere verloren alle Instinkte zur Flucht. Das Leben war nicht vorbereitet auf einen Organismus, der sie aus purer Mordlust vernichtete. Marcel Robischon zählt sie alle auf, bis an die Grenze des Erträglichen: das Makarenen-Blässhuhn, die Réunion-Ralle, die Riesenschildkröte Cylindraspis indica, der Tasmanien-Emu, der Aldabra-Buschsänger... Seite um Seite die Namen von Verschwundenen. Ersetzt werden die wilden Tiere von globalisierten und ökonomisierten Existenzen, erklärt der Autor. Weltweit dasselbe Futtergras, das Fließband-Huhn, die Kuh mit dem abnorm großen Euter, das bewegungslos gequetschte Schwein.

Es wirkt und ist wohl auch verzweifelt, wenn der Autor immer wieder nach Argumenten greift, die seinem Anliegen zuwiderlaufen. Wie wollen wir in der Zukunft Bionik betreiben und Techniken nach dem Vorbild der Natur gestalten, fragt er, wenn es gar keine Natur mehr gibt? Wie wollen wir Medikamente entdecken, wenn der tropische Regenwald in der Ödnis von Ölpalmenplantagen untergeht? Mitten in seinen Appellen an das menschenzentrierte Nützlichkeitsdenken wird der Autor dann auch wieder leise und erinnert sich: Verwerten, ausquetschen, liegen lassen - eben das tötet.

Marcel Robischon lebt in seinem Buch vor, worum es geht: Er atmet, setzt sich in Beziehung, lässt anklingen, taucht ein und auf. Er wandert umher in Wäldern und Städten, Naturforschung und Märchen, Geschichte und Evolution, seinem Schmerz. Hier schreibt ein sensibler Beobachter, kein Ideenlieferant, kein Macher. Sein Buch verwirft Genre-Grenzen, kann als Literatur und Sachbuch und Aufschrei zugleich gelesen werden.

Porphyrio paepae, das Marquesas-Moorhuhn, hat heute einen eigenen Facebook-Eintrag. Niemandem gefällt es und es spricht auch nichts. So verweht die Lebendigkeit der Erde im Rauschen der künstlichen Welt. Er habe ein Naturkundemuseum besucht, erzählt Marcel Robischon. Da standen die ausgestorbenen Vögel in ihren Vitrinen, die Federn verblasst, Glasaugen in den Köpfen. Wie mag ihr Scharren, ihr Balzen, wie mögen ihre Stimmen geklungen haben? Wenn man versuche, sich den wunderbaren Lärm des Lebens vorzustellen, werde man von der ohrenbetäubenden Stille erschlagen.

Besprochen von Susanne Billig

Marcel Robischon: Vom Verstummen der Welt. Wie uns der Verlust der Artenvielfalt kulturell verarmen lässt
Oekom Verlag, München 2012
319 Seiten, 19,95 Euro

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